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Im nächsten Leben Dirigent

Untertitel
Zu einer neuen Monografie über die Sängerin Brigitte Fassbaender
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Wolf-Eberhard von Lewinsky: Brigitte Fassbaender. Interviews. Tatsachen. Meinungen, Bd. 8351, Verlag Schott, Serie Atlantis, Mainz, 140 Seiten, 19,90 Mark. linie.gif (77 Byte) Nimmt man die ersten Fragen beim Wort, so verheißen sie Boulevard-Literatur. Die schönen Augen der Mutter, die klangvolle Stimme des Vaters, Ehekonflikte und das lange versteckte Talent der Halbwüchsigen lassen ein Hollywood-Drama erahnen. Stattdessen begibt sich das Frage-Antwort-Spiel beflissen aufs Terrain des Gesangsunterrichts und wie stets gehören Schule und Technik des Singens, Karriere und geschönte Biographie unabdingbar zusammen. Interessanter liest sich der Interviewtext, wenn Brigitte Fassbaender unversehens persönlich wird: beim spontanen Erinnern an Szenen der Jugend, an Gesten und Sätze der Eltern, die im Nachhi-nein kontroverse Bewertung erfahren. Eigene Prägungen haben hier ihren biografischen Ursprung: Stärke, Ehrgeiz und Disziplin, das stete Bedürfnis nach Rückzug und Normalität, nicht zuletzt der immerwährende Wunsch nach Selbstständigkeit. Künstlerische Maßstäbe außerdem, soziale Normative, mit denen die Künstlerin wahrscheinlich zeitlebens ringt. Wer chronologisch den einleitenden Kurz-Essay liest, erfährt sehr viele Details zur Rollenbiografie. Aus diesen allein ist der Aufstieg der Tochter Willy Domgraf-Fassbaenders zum Münchener Bühnenwunder jedoch nicht erklärt. Beredter ist die Fotoauswahl. Sie lässt vermuten, die heute 60-jährige Regisseurin und Intendantin sollte als ewiger Pagenkopf in die Theatergeschichte eingehen. Ob als kulleräugiger Niklas, als frecher Hänsel oder als neckischer Cherubin – die junge Sängerin scheint zu lange Zeit auf einen stets gleichen Hosenrollen-Typ festgeschrieben zu sein. Die oft absolvierte Partie des Strauss’schen Octavian – zu Recht, aber verharmlost in den Mittelpunkt der Broschüre gesetzt – wird zelebriert, aber weder dramaturgisch noch soziologisch diskutiert. Wer oder was die Sängerin zu Figuren motiviert, warum Publikumsphantasien sich an ihr entzünden und was wiederum daraus erwächst – all dies wird zwar gestreift, aber nie analysiert. Buchautor Lewinsky stattdessen unterliegt dem Versuch, von Erfolgspartien auf die Privatperson schließen zu wollen. Seine Fragen nach Ehe, Alkohol- und Zigarettenkonsum – eingeschoben zwischen Karajan und Oktav-Umfang – stellt er im Moralistenkostüm. Erfreulich kontrastieren zwischendurch Fotos von Fassbaenders eigener Regie-Arbeit: Sie dokumentieren geschärftere Figurenentwürfe, Dramatik, das Bewusstsein einer Ästhetik des sozialen Konflikts. Erfahrungen am Regiepult, Maxime künstlerischer Menschenführung bewegen, sofern man sie nicht überliest. Unspektakulär formuliert, verlangten sie nach Debatte. Hier artikuliert sich die Sehnsucht nach einer Theaterpraxis anderer Art, die nicht Stars und Skandale, sondern solide und sinnreiche Arbeit im Ensemble verlangt. In gewisser Weise schließt sich an dieser Stelle ein Kreis: Denn einiges von dem, worunter die Sängerin litt, könnte sie jetzt in Leitungspositionen vielleicht ein Stück korrigieren. Anspruch und Kraft scheinen immens – auch jetzt, da sie nicht mehr auf, sondern vor der Bühne steht. Im nächsten Leben, so spricht sie im Scherz, wäre Brigitte Fassbaender dann Dirigent.

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