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Italiens Konservatorien wandeln sich zur Universität

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Daniele Martino vom Giornale della Musica im Gespräch mit Guido Salvetti und Adriana Verchiani
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Die bisherige Ausbildung zielte fast nur auf die solistische Karriere ab, Orchester- oder Ensemblespiel stellte die Ausnahme dar. Um diese Lücke zu schließen und mehr auf die musikalische Berufsrealität vorzubereiten, war auf Initiative einiger kulturell bedeutender Persönlichkeiten die private Musikschule in Fiesole entstanden, die Musiker von hohem Rang hervorgebracht hat – einige spielen heute bei den Berliner Philharmonikern. Die bisherige musikalische Ausbildung am Konservatorium setzte etwa im Alter von zehn Jahren ein und entließ die jungen Musiker nach acht bis zehn Jahren mit einem dem Abitur gleichwertigen Diplom. Die Rangverschiebung der Konservatorien verstärkt aber ein Problem, das im Grunde auch vorher bestand: das der fehlenden breiten musikalischen Grundausbildung. Zu diesem Thema wird das „Veltroni-Gesetz“ diskutiert, das gegenwärtig dem Senat vorliegt. Daniele Martino, Chefredakteur des Giornale della Musica, sprach mit den Leitern des Mailänder Konservatoriums und der Schule von Fiesole – Antipoden in der aktuellen Diskussion – über den derzeitigen Stand und die Ausbildung junger Musiker.

In Italien steht eine Reform der Konservatorien bevor: Im Dezember passierte das Rahmengesetz, das sogenannte „Sbarbati-Gesetz“, den Senat, jetzt blickt man mit Spannung auf die ministerielle Umsetzung im Detail. Die wichtigsten Neuerungen: die Konservatorien und die sogenannten gleichgestellten Musikschulen – öffentliche Institute, insgesamt 72 in ganz Italien – werden den Universitäten gleichgestellt, das bedeutet für die Aufnahme ist das Abitur erforderlich und das Abschlussdiplom gilt als Hochschulabschluss. Sie erhalten endlich organisatorisch-inhaltliche Autonomie und sollen sich gleichzeitig mit künstlerischer Produktion der Öffentlichkeit stellen. Die bisherige Ausbildung zielte fast nur auf die solistische Karriere ab, Orchester- oder Ensemblespiel stellte die Ausnahme dar. Um diese Lücke zu schließen und mehr auf die musikalische Berufsrealität vorzubereiten, war auf Initiative einiger kulturell bedeutender Persönlichkeiten die private Musikschule in Fiesole entstanden, die Musiker von hohem Rang hervorgebracht hat – einige spielen heute bei den Berliner Philharmonikern. Die bisherige musikalische Ausbildung am Konservatorium setzte etwa im Alter von zehn Jahren ein und entließ die jungen Musiker nach acht bis zehn Jahren mit einem dem Abitur gleichwertigen Diplom. Die Rangverschiebung der Konservatorien verstärkt aber ein Problem, das im Grunde auch vorher bestand: das der fehlenden breiten musikalischen Grundausbildung. Zu diesem Thema wird das „Veltroni-Gesetz“ diskutiert, das gegenwärtig dem Senat vorliegt. Daniele Martino, Chefredakteur des Giornale della Musica, sprach mit den Leitern des Mailänder Konservatoriums und der Schule von Fiesole – Antipoden in der aktuellen Diskussion – über den derzeitigen Stand und die Ausbildung junger Musiker. Guido Salvetti, Direktor des Mailänder Konservatoriums, kämpft seit Jahren für die Konservatoriums-Reform; er ist Vizepräsident der Italienischen Gesellschaft für Musikwissenschaft und verantwortlich für „Systematische Musikwissenschaft und interdisziplinäre Forschung“.

Giornale della Musica: Wie sieht die interne Situation der Konservatorien zur Zeit aus?

Guido Salvetti: Ohne die Reform sind wir „anders“ im lateinischen Sinne des Wortes, das heißt eine Art Missgebilde: Wir sind keine Hochschule, aber auch kein Kinderhort, wir sind vor der europäischen Gesetzgebung anders gestellt, was eben Subventionen und künstlerische Produktion angeht, und auch beim Erasmus-Programm, zum Beispiel, sind wir anders. Wir sind eine Art Insel, die glücklich sein müsste, aber andererseits inzwischen völlig außerhalb der – wie man weiß, sehr starken – Konkurrenz der privaten Akademien steht, die freie Hand haben, über viel Geld verfügen und als Lehrer engagieren können, wen sie wollen; ich spreche von den schönen, den guten Akademien. Wir spielen ein Spiel, in dem uns keiner die Karten gibt. Man macht das „Veltroni-Gesetz“ mit seinem „Kapitel V - Ausbildung“, wo Artikel 31 die privaten berufsbildenden Institute finanziert, „die durch ihre hohe kulturelle Tradition und ihre nachgewiesene Spezialisierung für die Berufsausbildung sorgen, abgesehen von einigen speziellen Kompetenzen der Konservatorien“; wo dann das zweijährige Aufbaustudium den Universitäten zugewiesen wird, während wir Konservatorien, die noch keine Hochschule sind, nicht einmal bei dieser Partie mitspielen. Es ist also eine definitive Forderung nach einer Identität auf allen Ebenen, die aus der Forderung nach der Reform spricht. In einigen Fällen sind wir sogar gegenüber der allgemeinbildenden Pflichtschule benachteiligt, wo man wenigstens unabhängig experimentieren kann. Zu dieser Zeit der wuchernden Gesetze bedeutet das Fehlen einer Identität, von allem ausgeschlossen zu sein.

Auch ohne Autonomie und ohne Reform haben Sie es in Mailand geschafft, Dinge wie das neue Aufbaustudium mit vier Richtungen umzusetzen (Orchesterspiel, Konzertreife, Didaktik und Alte Musik). Wie machen Sie das?

Ich glaube weiterhin daran, dass unser Konservatorium überlebt hat, weil wir es geschafft haben, die Möglichkeiten, die das Gesetz über die Projektversuche von 1974 eröffnet hat, grundlegend umzusetzen; das ist uns im Lauf der Jahre zugute gekommen, und das Zweijahres-Aufbaustudium ist nicht das letzte Ergebnis davon. Aber wir bewegen uns jedenfalls in einem luftleeren Raum, denn am Ende dieser zwei Jahre gibt es nur ein Zertifikat, keinen akademischen Abschluss – rechtlich gesehen ist das kaum mehr als ein freier Kurs.

Was halten Sie von der Reform, so wie sie jetzt ist?

Sie bietet einen kompatiblen Rahmen für die Bedürfnisse, von denen ich vorher sprach, der aber noch auszufüllen ist [...]; der Punkt ist jetzt, dass innerhalb dieses „Rahmen“-Gesetzes – in Form von Regelungen, neuen Arbeitsverträgen, mit einer Debatte über die Inhalte – die wirkliche Umsetzung gefunden werden muss: Die Konservatorien haben immer die Programme angewendet, wie Gott sie auf die Gesetzestafeln geschrieben hat – die werden weggeworfen, und welche neuen Tafeln werden folgen? Die Lehrpläne müssen alle völlig neu geschrieben werden; wer, wie Marcello Abbado hier vor mir, seit dreißig Jahren im täglichen Betrieb praktisch die zukünftigen Gesetzestafeln geschrieben hat, kann sie nun tatsächlich verwenden.

Diese Reform ist also wie ein Rettungsring, der aber noch nicht den sicheren Strand garantiert?

Es ist ein sehr moderner Typ von Gesetz, kein „Programm“: In Spanien tritt jetzt das letzte Stückchen des Plans in Kraft, der vor zehn Jahren begonnen wurde; in zehn Jahren haben sie die musikalische Ausbildung geändert, Ehre und Verdienst dafür, nur dass sie auf dem Weg gemerkt haben, dass wirklich alles geändert werden musste! Tausend Mal besser als bei uns, dass wir uns richtig verstehen. Unser Gesetz ist ein „Rahmen“, in dem Sinne, dass seine konkrete Umsetzung vollständig zu erfinden ist: Jeder kann es nach seinen Möglichkeiten ausfüllen, was die Qualität der Lehrer angeht und das kulturell-künstlerische Verhältnis zur Umgebung (wo einige, wie wir in Mailand, gegenüber anderen privilegiert sind durch ein gutes Umfeld...); das Gesetz wird dort schwer durchzuführen sein, wo keine einfachen Bedingungen herrschen, auch wenn etwas zur Unterstützung der schwächsten Gebiete vorgesehen ist. Es gibt auch die Gefahr des „todos caballeros!“: Alle wollen die oberen Kurse unterrichten, alle wollen ihren universitären Rang leuchten sehen, was natürlich schön ist, aber es sollte auch der musikalischen Realität entsprechen und nicht nur ein bürokratischer Stempel sein.

Den Artikel zur „Allgemeinen Disziplin der Musikausübung“, der von Veltroni eingeführt wurde, können Sie nicht leiden, nicht wahr?

Wenn wir eine Rechtspersönlichkeit, Erfahrung und Strukturen haben, ist das kein Problem; am 21. Dezember ist Start für ein neues professionelles Orchester, das aus Diplomierten besteht: das wäre eine typische Einrichtung nach dem Veltroni-Gesetz; solange das klar ist, ist der Artikel für uns okay. Solange es nicht nachteilige Ausgangsbedingungen für die öffentlichen Einrichtungen im Vergleich zu den privaten gibt.

Haben Sie auch an die Studenten gedacht?

Für die jungen Leute werden sich die Marktgesetze nach der Reform nicht von heute auf morgen ändern. Aber in dem Moment, in dem die Konservatorien aufgerufen sind, vor allem Zentren für die künstlerische Produktion zu werden, schaffen sie sich selbst Arbeit, und zwar nicht durch die Ausbildung von Musikern, die andere Studenten ausbilden, die dann selbst wieder unterrichten und so weiter, sondern indem sie Werkstätten für musikalische Informatik und Multimedia, Orchester, Kammermusikreihen et cetera eröffnen: die Reform müsste die Konservatorien in Zentren für die Musikausübung verwandeln – so wird der Markt erweitert und diese Ausbildungsstätten werden zu professionellen Arenen für junge Künstler.

Scuola Musica di Fiesole

Die Stiftung Scuola di Musica di Fiesole wurde im vergangenen März 25 Jahre alt: Sie wurde 1974 unter anderem von Piero Farulli, dem heutigen Rektor der Universität Florenz [...] gegründet. Mitgründerin Adriana Verchiani hat zur Zeit die Leitung der Schule inne.

Giornale della Musica: Seid Ihr eines der musikalischen berufsbildenden Institute, die das „Veltroni-Gesetz“ finanzieren würde?

Adriana Verchiani: Alle Konservatorien haben das so interpretiert, aber wir sind entstanden, um Kindern Musikunterricht zu geben!

Seid Ihr reich?

Ja, an Freiheit! Was das Geld angeht, sprechen Sie mal mit unseren Lehrern, die 20.000 Lire brutto pro Stunde bekommen [ca. 20 Mark, AdÜ] und alle sechs Monate bezahlt werden, wenn es gut läuft.

Was halten Sie von der Konservatoriumsreform?

Es fehlt der grundlegende Diskurs: was ist mit den berühmten Dreijährigen? Ich sehe da nur dunkle und schreckliche Bereiche: dass alle wünschen, dass es drei oder vier Institute von Hochschulrang für die Spezialisierung gibt, ist richtig (in Frankreich gibt es nur zwei!), und dass es eine Spezialisierung in Didaktik, Konzertreife, Orchesterspiel gibt, wäre mehr als wünschenswert, aber um das zu erhalten, braucht man Grundfähigkeiten, auf die man aufbauen kann.

Es gibt also die Gefahr, dass die Konservatorien ein Heer von arbeitslosen Musikern von Hochschulrang bereitstellen?

Ja. Wo sollen die denn arbeiten? In Italien sind wir daran gewöhnt zu reden anstatt etwas zu tun: wer kümmert sich um die Ausbildung der zukünftigen Berufsmusiker? Allerdings ist die Ausbildung, die die Universitäten heute bieten, derart niedrig... was für eine Zukunft haben denn fertige Literaturwissenschaftler oder Politologen? Man muss auf eine wirkliche Spezialisierung zugehen, und das bedeutet Selektion; aber zuallererst muss doch die musikalische Alphabetisierung verbreitet werden.

Die gleichen Ideen, die Schulminister Berlinguer hat.

Ich hoffe, das soll keine Beleidigung sein! [lacht] Ich bewundere Berlinguer, weil er als Minister den Mut hatte, eine seit 80 Jahren erstarrte Situation anzugehen, mit Privilegien, die zu Rechten geworden sind. So viele gute Musiker tragen heute die Zwangsjacke der Konservatorien; es gibt so viele gute junge Leute, die an den Konservatorien unterrichten – sie könnten gute Früchte bringen, wenn die Strukturen weniger veraltet wären. Die Reform muss zweifellos und schnell durchgeführt werden, aber mit dem Gedanken an die Gesamtheit der musikalischen Erziehung.

In dem Reformgesetz ist von „möglichen Zusammenlegungen und Fusionen“ der künftigen Konservatorien die Rede...

In ganz Italien würden drei oder vier reichen; der derzeitige Ausbildungsweg ist eine erschreckende Zeitvergeudung: wenn man bedenkt, dass die Wettbewerbsgewinner heute in der Welt kaum mehr als 16 Jahre alt sind... hier in Fiesole war eine ganz außergewöhnliche junge Geigerin, die die Prüfung des achten Jahres am Konservatorium nicht ablegen durfte, weil die derzeitige absurde Regelung vorschreibt, dass zwischen den Prüfungen eine bestimmte Mindestzeit zu vergehen hat! Es kann nicht sein, dass man immer noch an diesem Punkt ist... mir scheint, die Reform ist eine Art Virus bei den Konservatoriumslehrern, um sie alle verwelken zu lassen: Wenn alle verblüht sind, wird man sehen, was daraus neu entstehen kann! Daniele Martino, Giornale della Musica 11/99 Übersetzung: Annette Seimer

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