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Der Internationale Opernkurs der Jeunesses Musicales ging erfolgreich zu Ende. Unser Foto zeigt, wie rechtschaffene Bürger Sir John Falstaff einheizen. Mehr dazu im Werkstattbericht über Otto Nicolais „Lustige Weiber“ auf Seite 37. Foto: JMD
Der Internationale Opernkurs der Jeunesses Musicales ging erfolgreich zu Ende. Unser Foto zeigt, wie rechtschaffene Bürger Sir John Falstaff einheizen. Mehr dazu im Werkstattbericht über Otto Nicolais „Lustige Weiber“ auf Seite 37. Foto: JMD
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Kaderschmiede für die Oper von morgen

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Der Internationale Opernkurs der Jeunesses Musicales Deutschland ging erfolgreich zu Ende
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Die Sonne brennt, die Mücken schwirren, die Mauersegler schweben über den Schlosshof. Gelegentlich durchstreifen auch Besucher den schönen Innenhof des Weikersheimer Schlosses. Das junge Sängerensemble vorne auf der hohen gewundenen Bretterbühne, bei dieser szenischen Probe noch von einem Klavier statt vom RIAS Jugendorchester Berlin begleitet, lässt sich davon nicht im Geringsten stören.

Die Bühne, das ist das englische Städtchen Windsor. Gesungen wird aber in deutscher Sprache: „Wer ihn findet, halt’ ihn fest!“, skandieren die braven Bürger Reich und Fluth mitsamt ihren Gattinnen und den beiden Heiratskandidaten der jungen Anna Reich. Denn der verarmte, aber mit einem guten Selbstbewusstsein ausgestattete Edelmann Sir John Falstaff hat gleich beiden verheirateten Frauen den Hof gemacht. Um dem Schürzenjäger eine Lektion zu erteilen, locken die Damen den etwas naiven Ritter in den nächtlichen Wald, wo ihm die Ehemänner und der Rest der Kleinstadtbevölkerung, als Elfen verkleidet, ordentlich einheizen. Und damit sich auch wirklich alles zum Heiteren fügt, findet bei der Gelegenheit Tochter Anna einen Weg, ihre beiden unerwünschten Freier abzuschütteln und den geliebten, aber mittellosen Fenton zu heiraten.

Otto Nicolais komisch-fantastische Oper „Die Lustigen Weiber von Windsor“, bei ihrer Uraufführung 1849 in Berlin noch nicht so erfolgreich wie Jahrzehnte später, ist bis heute beliebt. Der Leiter des Internationalen Opernkurses Patrick Bialdyga hat das Stück vor allem wegen der vielen Spielszenen auf den Spielplan gesetzt: „Oper ist immer Ensemblearbeit. Und dementsprechend suche ich auch immer eine Ensembleoper aus. Das heißt, dass die Sänger nicht nur miteinander musizieren, sondern miteinander spielen müssen.“ Zwar hat Librettist Salomon Hermann aus Shakespeares Lustspiel einen sehr biederen Text gebastelt, doch Nicolais Musik mit italienischen und deutschen Stileinflüssen bietet einiges an Charakterzeichnung und Witz, auch für den selbstverliebten, aber in seiner Gutgläubigkeit fast schon tragischen Falstaff.

Hier setzt Regisseur Jakob Peters-Messer an, der die „Lustigen Weiber von Windsor“ etwas gekürzt und umgestellt und damit die Figur des Falstaff aufgewertet hat. Das Trinklied „Als Büblein klein“ wandert vom 2. Akt noch vor die Ouvertüre. Bühnen- und Kostümbildner Christoph Wagenknecht verwandelt entsprechend den dicken Ritter in einen neuzeitlichen Penner und damit Außenseiter inmitten der guten Bürger von Windsor, die mit Rasenmähen und Putzen vollauf beschäftigt sind, wenn sie sich nicht gerade das Maul über den Störenfried zerreißen oder recht lustvoll ihre Aggressionen an ihm auslassen. Und es ist Falstaff, der die turbulenten Ereignisse im verschlafenen Windsor ganz wörtlich in Gang bringt: Durch sein Fingerschnipsen werden die anderen erst lebendig. Im Übrigen setzen Peters-Messer und Wagenknecht aufs Plakative: Die verheirateten Damen Fluth und Reich bleiben bei Hauskleidchen, Staubsauger und Schrubber und ziehen nur rote Pumps an, wenn sie Falstaff keck und in blutrünstig-verruchter Pose Rache schwören. Der wiederum vertauscht seinen versifften Pyjama mit schmuddeliger Strizzigarderobe, um den beiden zu imponieren.

Da kommt die sparsame Bühne von Christoph Wagenknecht als Gegengewicht gerade recht. Eine große geschwungene Holzrampe verdeutlicht die schnell wechselnden Szenen und die burlesken Verwicklungen, Bodenklappen erleichtern die Auf- und Abgänge. Die karge Ausstattung hat nicht nur technische, sondern auch pädagogische Gründe. Schließlich soll der Sängernachwuchs hier das Opernhandwerk lernen, betont Jakob Peters-Messer. „Wir wollen die jungen Sänger erst mal ans Spielen bekommen, an eine ganz konkrete griffige Form von Theaterspiel. Das muss ja alles ein bisschen größer, stärker sein. Wir sind ja nicht im Kammerstudio, sondern auf einer großen Bühne, in der alles mitspielt, auch die Natur.“ Und dass die jungen, im Vorfeld sorgfältig ausgewählten Berufsanfänger ihre Rollen unter freiem Himmel mit Hingabe spielen und singen, wiegt für den Regisseur manchen Anfängerfehler wieder auf: „Die Frische, die Direktheit, das Unmittelbare, das ist natürlich noch da. Und da ist so viel Energie und Temperament, dass man da sogar manchmal ein bisschen kanalisieren muss. Also das ist der schöne Teil.“

Zum anstrengenderen Teil gehört, dass manche der Solistenrollen dreifach besetzt sind. Alle müssen in der ersten Arbeitsphase um Ostern und während der sechs Weikersheimer Sommerwochen szenisch und musikalisch gleichmäßig bedacht werden. Dirigent Peter Kuhn, sonst Generalmusikdirektor des Theaters Bielefeld und der Bergischen Symphoniker, ist erleichtert, dass es mit dem international besetzten RIAS-Jugendorchester wenigstens nur eine Orchesterbesetzung gibt, selbst wenn die jungen Spielerinnen und Spieler zum Großteil noch keine Opernerfahrung mitbringen. „Da kann’s passieren, dass man sich vorkommt wie ein Kämpfer an zwei pädagogischen Fronten, aber das macht ja auch großen Spaß, dass man jetzt mal die Sänger ein bisschen an die Kandare nimmt und zum anderen das Orchester wieder in die Pflicht nimmt. Auch da ist zu sehen, wie die Dinge sich einspielen, wie Leute zuhören, wie sie Spaß gewinnen daran.“

Ein Schwierigkeit ist ebenso, dass es in Nicolais „Lustigen Weibern“ auch gesprochene Dialoge gibt – eine Herausforderung an die Sängerkehle, zumal nicht alle Teilnehmer Deutsch sprechen. Für diese Probleme stehen Sprach- und Gesangscoaches zur Verfügung, unter ihnen die niederländische Hochschulprofessorin Mya Besselink. Schon seit Mitte der 1980er-Jahre besucht sie die Opernaufführungen der Jeunesses musicales, zunächst ihrer eigenen Schüler wegen. Seit zehn Jahren bietet sie auch den Solisten und Chorsängern beim Opernkurs ihre Hilfe an. Denn zwischen einzelnen Arien, wie man sie bei den Vorsingen hört, und einer kompletten gespielten und gesungenen Bühnenpartie können Welten liegen: „Da sind welche dabei, die haben noch nie ein Rezitativ gesungen oder Dialoge gesprochen. Oder wenn das Spielen dazukommt, dass sie nicht genügend den Körper beherrschen, um gut zu singen und zu spielen. Es muss eigentlich so sein, und daran arbeiten wir, dass das Singen besser wird durch das Spielen und das Spielen durch das Singen.“

Als Fortbildungsmaßnahme hat sich der Internationale Opernkurs der Jeunesses Musicales, der schon seit Mitte der 1960er-Jahre läuft, bewährt. Orchestermitglieder und Sänger lernen in einer Art betreutem musikalischem Versuchslabor, Oper zu machen. Doch die Vorstellungen müssen trotz des insgesamt entspannten Arbeitsklimas dann professionell sein.

Schließlich rekrutieren sich die Besucher nicht nur aus wohlwollenden Verwandten und Lehrern. Das sei eben das Befriedigende, meint Tilman Böttcher, der als Leiter der Akademie Schloss Weikersheim viel Kontakt zu den jungen Gästen hat. „Auch zu erleben, wie man ein künstlerisches Projekt mit einer völlig zusammengewürfelten Truppe auf ein Niveau bringt, mit dem man am Anfang als einzelner Teilnehmer nicht gerechnet hätte. Das ist sicherlich einer der wichtigsten Punkte überhaupt.“

Durch diesen Anspruch und durch erfahrene Profis in der Rolle der Mentoren qualifiziert sich der Opernkurs in Weikersheim als Ausgangspunkt für manche Sängerkarriere. Die Solisten, Studierende oder Absolventen an Hochschulen, sehen die wochenlange Arbeit als gute Vorbereitung auf die berufliche Laufbahn. So wie die Sopranistin Fabienne Keppler, die dieses Jahr in Hannover ihr Gesangsstudium abgeschlossen hat: „Überall, wo ich gesagt habe, dass ich jetzt hier im Sommer die Frau Fluth singen werde, wusste jeder, was Weikersheim ist und dass die Leute, die hier vor 20 Jahren gesungen haben, auch alle irgendwo in der großen weiten Welt unterwegs sind. Also das ist schon ’ne renommierte Sache hier.“

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