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Ausstellung zur deutschen und russischen Kunst

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Eine monströse Schau - Die Ausstellung «Berlin-Moskau 1950-2000» öffnet im Martin-Gropius-Bau

Berlin (ddp-bln). Endlose Stufen, riesige Plakatwand, eine Demonstration von Macht und Größe. «Die Tribüne des Leninisten» ist gewaltig. Zumindest, wenn der Besucher der Ausstellung «Berlin-Moskau 1950-2000», die ab Sonntag im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen ist, sie sich vorstellt. Die Tribüne existiert nur als Modell, 1988 von Yuri Avvakumov entworfen. Avvakumov ist einer der Begründer der so genannten Papierarchitektur, die ein von der Last der Verwirklichung befreites spielerisches Denken etablierte - eine ironische Hommage an die sozialistische Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts.

Ganz anders die deutsche Reaktion. Im Lichthof installierte Gerhard Merz den «Sieg der Sonne» als Antwort auf das bekannte sowjetische Bühnenstück «Sieg über die Sonne». Unter dem gleißendem Neonlicht schmilzt jede Utopie schmählich dahin.

Mit Berlin und Moskau hat das rein gar nichts zu tun. «In der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts hatten die beiden Städte so gut wie keine kulturellen Beziehungen», sagt der deutsche Kurator Jürgen Harten. Eine Fortsetzung der «Berlin-Moskau 1900-1950»-Ausstellung, die 1995/96 in den beiden Städten große Erfolge feierte, sei daher nicht möglich gewesen. Mit seinem russischen Kollegen Pawel Choroschilow einigte er sich, die Metropolen als Symbol für die jeweiligen Länder zu verstehen - deutsche und russische Kunst müsse integriert und auf gleicher Augenhöhe präsentiert werden.

Wie das aussehen sollte, darüber stritten sich die Kuratoren lange und heftig. Die deutsche Seite überzeugte ihre Gegenüber, nicht die wesentlichen Entwicklungen der Kunst nachzuerzählen - das muss der Katalog leisten -, sondern die Werke von heute und von der Kunst aus zu betrachten.

So kommt es, dass Barnett Newmans Gemälde «Who\'s Afraid of Red, Yellow and Blue IV» von 1969, das sich des gegenständlichen Repertoires der Malerei radikal entledigt und als vielleicht entschiedenstes Beispiel der amerikanischen Präsenz in Westberlin gilt, gegenüber einem stalinistischen Heldengedenkbild von 1945 hängt. Beide sind Beiträge zum Sujet «Vom Krieg und vom Erhabenen».

Die Ausstellung ist in 40 Themenräume aufgeteilt, deren Spektrum von «Alltag» über «Tugendterror» bis «Wendezeiten» reicht. Ein Sammelsurium von Kunstrichtungen, Ansprüchen, Motiven, Geschichten, wild durcheinandergemixt. Hier eine verkohlte Hindernisbahn, die aktuell den Schrecken des Tschetschenien-Krieges aufgreift, ein paar Schritte weiter der deutsche «Schrecken» in Form eines Radarfallenbildes. Daneben ein Raum mit Warhol-Pop, bewacht von einer Lenin-Statue mit Micky-Maus-Kopf, was symbolisieren soll, dass es über Deutschland-Russland hinaus um den kulturellen Wettkampf zweier Blöcke ging.

«Diese Schau ist monströs», sagt Peter-Klaus Schuster, Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, die einen Großteil der deutschen Exponate zur Verfügung stellte. Er meint es positiv. Den unbedarften Zuschauer, der ohne Vorwissen die «Berlin-Moskau»-Ausstellung besucht, wird diese Monstrosität eher erschrecken. Die Ausklammerung des Entstehungskontext beraubt ihn der Möglichkeit einer Einordnung der Werke, die für das Verständnis der thematischen Gegenüberstellung sehr hilfreich wäre. Was ihm bleibt, ist der Eindruck, dass hier zusammengeworfen wurde, was nicht zueinander in Beziehung steht.

Genau diesen Eindruck wollten die Kuratoren jedoch vermeiden. Ein integriertes Europa lasse sich schließlich nicht mehr ohne Russland denken. Hortensia Völckers, Künstlerische Direktorin der Bundeskulturstiftung, die einen wesentlichen Teil der Ausstellungskosten trägt, sieht «Berlin-Moskau» denn auch als Auftakt. Die gegenseitigen Vorurteile und Differenzen hätten in der kurzen Zeit nicht ausgeräumt werden können. «Das heißt, der Dialog geht weiter und es gibt noch Perspektiven.» Perspektiven, die die Ausstellung «Berlin-Moskau» noch nicht aufzeigen konnte.

Die Exposition, zu der zwei Kataloge erschienen sind, ist bis zum 5. Januar zu sehen. Sie kann außer dienstags täglich von 10.00 bis 20.00 Uhr besichtigt werden. Anschließend wird die Schau in der Tretjakow-Galerie in Moskau gezeigt.

Steffen Becker