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Düsseldorf (ddp-nrw). Ohne Skandale und Kuriositäten ist die nordrhein-westfälische Kulturszene auch im Jahr 2007 nicht ausgekommen. Immerhin musste nur selten wie in Aachen die Polizei gerufen werden, wo sich ein angeblicher Selbstmordversuch als Performance des Stadttheaters erwies.
Drei junge Darsteller waren vor einem Hochhausblock in der Innenstadt wiederholt in die Luft gesprungen und hatten dabei gerufen: «Ich mache ... ich denke ... ich springe!» - was auf Außenstehende offenbar etwas bedrohlich gewirkt hatte.Erkennbar beeindruckt waren die Richter am Kölner Sozialgericht. Sie entschieden im November, dass Dieter Bohlens Wirken als Juror bei der RTL-Show «Deutschland sucht den Superstar» eine künstlerische Tätigkeit sei. Um den Kunstanspruch zu erfüllen, genügten bereits «schöpferische Leistungen auf niedrigem Niveau», zitierte der Vorsitzende Richter Dieter Volk die einschlägige Rechtsprechung. Als Folge des Urteils muss RTL 173 000 Euro an die Künstlersozialkasse nachzahlen.
In Siegen sorgte ein Feuerwehrmann dafür, dass im Oktober mehrere Aufführungen im Apollo-Theater ins Wasser fielen. Der mit der Brandsicherheit beauftragte Beamte löste irrtümlich die Sprinkleranlage aus und setzte die Bühne unter Wasser. Der Schaden in dem erst am 31. August eröffneten Haus hielt sich allerdings in Grenzen.
Wesentlich ernster ist es um das Reiterstandbild des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm III. am Kölner Heumarkt bestellt. Das fünf Meter große Denkmal musste im November kurzfristig demontiert werden, weil bei einer Überprüfung der Statik festgestellt worden war, dass die Figur nicht mehr standsicher ist. Der schlechte Zustand der Skulptur ist seit Jahren bekannt und hatte bereits zu heftigen Kontroversen zwischen CDU sowie SPD und Grünen im Kölner Stadtrat geführt. Die Kosten der Sanierung werden auf 1,5 Millionen Euro geschätzt.
Aufregung gab es auch um eine Antikriegs-Lesung, die Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) und Theatermacher Jürgen Flimm im Bochumer Schauspielhaus absolvierten. Bochums Alt-Intendant Frank-Patrick Steckel hatte an das Theater appelliert, die Veranstaltung abzusagen. Dabei titulierte er die beiden Vortragenden als «zweifelhafte Existenzen», deren Auftreten im Bochumer Schauspielhaus «jede aufrichtige Theaterarbeit kontaminiere».
Bei der Lesung vor etwa 200 Zuhörern outete sich der CDU-Politiker Lammert «als jemand, der sich länger mit Kunst als mit Politik befasst hat». Den Vorwurf, als literaturbegeisterter Politiker nicht auf eine Theaterbühne zu gehören, wies er zurück.
Wenig harmonisch ging es auch bei den Proben für die Oper «Freaxs» von Moritz Eggert zu, die im September in der Bonner Oper zu einer «doppelten Uraufführung» kam. Hintergrund für das ungewöhnliche Vorgehen waren künstlerische Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Münchner Komponisten und dem für die Uraufführung vorgesehenen Regisseur Christoph Schlingensief.
In dem Libretto begehrt der kleinwüchsige Franz die große, schöne Isabella. Schlingensief hatte die Hauptrolle mit einem echten Kleinwüchsigen besetzen wollen, während Eggert einen professionellen Opernsänger vorgesehen hatte. So kam es zu einer Art konzertanten Uraufführung der Oper, während Schlingensief dem Publikum in der Pause einen «szenisch-filmischen Beitrag» zum Thema lieferte, den die Besucher als DVD mit nach Hause nehmen konnten. Angesichts der beträchtlichen Aufregung vor der Premiere zeigten sich die meisten Kritiker und Besucher von dem Stück enttäuscht.
Wesentlich wohlwollender wurde der Auftritt von Gloria Fürstin von Thurn und Taxis im selben Haus gesehen. Die Adlige wirkte mit ihrer Mutter im November in der Operette «Im Weißen Rößl» von Ralph Benatzky mit. Die Gagen der beiden Frauen wurden für einen gemeinnützigen Zweck gespendet.
s. auch
Interview mit Christian Esch, Direktor des NRW-Kultursekretariats, über die Bonner „Freax“-Uraufführung
Vom Unbehagen an der Oper und ihrer Kultur