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Laptop gegen Kaftan - «Die Entführung» aus türkischer Sicht - Opern-Premiere zur Eröffnung der Europäischen Kulturtage
Karlsruhe (ddp-bwb). Die gläserne Drehtür zu einer westlichen Börse, darüber ein Monitor auf dem man aktuelle Aktienkurse verfolgen kann: dieses Bild Westeuropas bringt die türkische Regisseurin Yekta Kara auf die Bühne des Badischen Staatstheaters in Karlsruhe. Istanbul ist Motto der 17. Europäischen Kulturtage, und so passte Mozarts Oper «Die Entführung aus dem Serail» zur Eröffnung ideal ins Konzept und feierte am Samstag vor begeistertem Publikum Premiere.Yekta Kara hat in München und Istanbul Gesang, Regie und Schauspiel studiert und war bis zum Jahr 2000 Generalintendantin der Staatsoper in Istanbul. Klischees bleiben bei der «Entführung» selten aus. Der Haremswächter Osmin ist die Karikatur des bösen Türken. Bei Yekta Kara ist er aber auch ein nicht unsympathischer Tollpatsch. Die Westeuropäer sind die eigentlichen Lachnummern: Pedrillo als Miniaturausgabe von Jürgen von der Lippe mit Hawaiihemd und Adidas-Turnschuhen und Belmonte als arroganter Broker im creme-weißen Designeranzug mit Laptop, Sonnenbrille und Handy, das natürlich klingelt: «Die Kurse fallen - sofort verkaufen.»
Der westlichen Hektik ist die orientalische Gelassenheit gegenübergestellt. Mit Trauben und Wasserpfeife verwöhnt Osmin Blonde, die heftig mit ihm flirtet. Konstanze fühlt sich zu dem erfahrenen, ruhigen Selim Pascha hingezogen. Hier entscheiden sich die Frauen nicht nur zwischen zwei Männern, sondern auch zwischen zwei Kulturen. Für Beide zählt letztlich die Freiheit der westlichen Frau. Selim Paschas Gefolgschaft ist teils traditionell, teils modern gekleidet, und er selbst tauscht vor seiner Wohltat der Freilassung den Kaftan gegen einen Maßanzug ein.
Generalintendant Achim Thorwald gibt einen aufgeklärten, überlegenen Selim Pascha, Claudia Barainsky eine gefühlsbetonte Konstanze mit klaren Koloraturen. Ina Schlingensiepen glänzt als freche, kokette Blonde. Cenk Biyik als Pedrillo benötigt den Beckenrand des türkischen Bades, um mit der imposanten Erscheinung des Osmin (Peter Lobert) auf Augenhöhe zu kommen, ist diesem aber in Stimmgewalt und Präsenz ebenbürtig. Bernhard Berchtold vollzieht in der Rolle des Belmonte den Wandel vom aalglatten zum ehrlich empfindenden Ton. Die Präzision der Badischen Staatskapelle unter Anthony Bramall ließ leider zuweilen zu wünschen übrig.