Berlin - Ob Tannhäuser, Siegfried oder Lohengrin - René Kollo sang die großen Heldentenorpartien der Opern von Richard Wagner. Er stand auf den Bühnen weltbekannter Opernhäuser wie der Met in New York, Covent Garden in London oder der Mailänder Scala. Am 20. November wird der gebürtige Berliner 75 Jahre alt, doch von Ruhestand will Kollo nichts wissen. "Kann sein, dass ich sogar an diesem Tag ein Konzert habe", sagte er kürzlich in einem Interview und fügte an: "Mir geht es blendend, aber feiern muss ich deswegen nicht."
Kollo - Enkel des Operettenkomponisten Walter Kollo ("Die Männer sind alle Verbrecher") und Sohn des Komponisten Willi Kollo ("Lieber Leierkastenmann") - begann als Schlagersänger mit Titeln wie "Hello, Mary Lou" oder "Am Ende wird es Liebe sein", die er 1961 auch in dem Film "So liebt und küsst man in Tirol" sang. Darin war er in einer kleinen Nebenrolle als Barkeeper zu sehen, denn ursprünglich hatte er eine Karriere als Schauspieler im Sinn. "Ich wusste gar nichts von meiner Stimme", sagte Kollo einmal. Seine Schauspiellehrerin habe ihn zum Gesangsunterricht geschickt, "um die Stimme auszubilden für die großen Theater". "Eigentlich wollte ich Hamlet, Don Carlos und ähnliche Rollen spielen, dann führte mich mein Weg zur Oper."
Das ernste Fach und die leichte Muse
1965 hatte Kollo sein erstes Engagement als Tenor am Staatstheater in Braunschweig, zwei Jahre später ging er an die Deutsche Oper am Rhein in Düsseldorf. Von dort führte ihn sein Weg weiter an nahezu alle bedeutenden Opernbühnen der Welt und zu den wichtigen Musikfestivals wie den Salzburger und Bayreuther Festspielen. Wagners Opern hatten es Kollo besonders angetan. "Ich liebe Wagner, ich liebe Bayreuth - ich habe hier 17, 18 Jahre gesungen in den großen Partien", sagte er einmal. Aber er wollte sich nicht als reiner Wagner-Tenor abstempeln lassen und gab unter anderen auch den Florestan in Ludwig van Beethovens "Fidelio", den Kaiser in Richard Strauss' "Frau ohne Schatten", den José in Georges Bizets "Carmen" oder den Canio in Ruggero Leoncavallos "Bajazzo".
Daneben blieb Kollo immer auch der leichten Muse verbunden, nahm etwa 1986 ein Album mit Liedern von Udo Jürgens ("Musik war meine erste Liebe") auf und hatte ab Ende der 1970er Jahre sogar eine eigene Fernsehshow im ZDF ("Ich lade gern mir Gäste ein"), die er moderierte und in der er gemeinsam mit seinen Gästen sang. "Im Grunde ist alles Unterhaltungsmusik, selbst eine Oper wurde geschrieben, um die Menschen zu unterhalten", sagte Kollo, der nie einen Hehl daraus machte, dass er sich nicht nur zum sogenannten ernsten Fach hingezogen fühlte.
1986 führte Kollo erstmals Regie und brachte im Staatstheater Darmstadt Wagners "Parsifal" auf die Bretter und 1991 in Ulm "Tiefland" von Eugen d'Albert. Fünf Jahre später wurde er Intendant des Berliner Metropol - und führte das Theater nur ein Jahr darauf in den Konkurs. Nach der Insolvenz behauptete Kollo mehrfach, vom Berliner Senat bewusst in diese Situation hinein getrieben worden zu sein, um auf diese Weise - nach der Privatisierung des Hauses - das eigentlich unkündbare Ensemble los zu werden. Unrühmlich war dieses Resultat für beide Seiten: für den Sänger wie für die Stadt Berlin, in der Kollo geboren wurde und wo die Deutsche Oper eine wichtige Station seines Wirkens war.
Tannhäuser als Krimi
Was von einem großen Sängerleben bleibt, ist eine Fülle bedeutender Platten- und CD-Aufnahmen, darunter etliche Opern-Gesamteinspielungen unter namhaften Dirigenten wie die "Meistersinger" unter Herbert von Karajan oder "Der Fliegende Holländer" unter Sir Georg Solti.
In den vergangenen Jahren tat sich Kollo, der mit Schlagersängerin Dorthe und mit der Tänzerin Béatrice Bouquet verheiratet war und vier Kinder hat, auch als Autor hervor: 2004 erschien seine Autobiografie "Die Kunst, das Leben und alles andere", 2011 veröffentlichte er einen Krimi unter dem Titel "Die Morde des kleinen Tannhäuser" und Anfang des Jahres 2012 einen Kurzkrimi, der am Theater in Hagen spielt.
Die Musik lässt den in Berlin und auf Mallorca lebenden Sänger auch im Alter von 75 Jahren nicht los. "Singen ist etwas, das zwischen Verzweiflung und Selbstmord liegt und größtem Glück", sagte Kollo einmal. Und: "Solange ich mir das selbst und den Leuten zumuten kann, mache ich es. Wenn es nicht mehr geht, gehen wir leise nach Hause."