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Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen

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Der Leiter der Oberhausener Kurzfilmtage, Lars Henrik Gass, will dem Internet Paroli bieten. «Was gerade passiert im Web 2.0 und in den neuen sozialen Foren, stellt eine große Herausforderung für Filmfestivals dar», sagte Gass.


Oberhausen (ddp-nrw). Schon seit vielen Jahren gelten die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen als intellektuelle Speerspitze in der Diskussion über Filmkultur und Filmästhetik. Als neue Trägermedien wie Video oder CD-ROM auf den Markt kamen oder neue Gestaltungsformen bewegter Bilder wie interaktive Medien auftauchten, konnte man solche Entwicklungen in Oberhausen meist früher entdecken als auf anderen Festivals. Einer, der gerne neue Trends aufgreift und filmpolitische Diskussionen anstößt, ist Oberhausens Festival-Chef Lars Henrik Gass.

Seit Oktober 1997 leitet Gass die Kurzfilmtage, die er seitdem mit vielen Ideen und programmatischen Experimenten lebendig hält. Wer wissen will, was weltweit in der umtriebigen Kurzfilmszene angesagt ist, muss zum ältesten Kurzfilmfestival der Welt nach Oberhausen. Denn der 1965 in Kaiserslautern geborene Filmexperte, der seine Doktorarbeit über die französische Schriftstellerin und Filmemacherin Marguerite Duras schrieb, sorgt alljährlich dafür, dass die Filmschau den Puls der Zeit fühlt.

Bei der anstehenden 54. Festivalausgabe, die vom 1. bis 6. Mai läuft, hat Gass eine Diskussionsrunde dazu angesetzt, wie die Filmfestivals auf die wachsende Macht des Internets reagieren sollen. Wird das Internet womöglich bald Filmfestivals überflüssig machen, weil man die vielen Kurzfilme auch bei YouTube oder anderswo im Web ohnehin sehen kann? «Was gerade passiert im Web 2.0 und in den neuen sozialen Foren, stellt eine große Herausforderung für Filmfestivals dar», sagt Gass. Denn im Internet stehe «ein unglaubliches Volumen an kurzen Filmen zur Verfügung».

Die Fülle im Netz bringe aber auch Probleme mit sich. «Das Internet bringt keine programmatische und qualitative Ordnung in diese Inhalte und damit keine Orientierung, was Filmfestivals noch leisten können und müssen», sagt Gass. Außerdem sei die soziale Interaktion im Internet weitgehend beschränkt auf Ranglisten und Kommentare. Dagegen könnten Festivals nach wie vor eine wichtige Rolle spielen, wenn es um den Erfahrungsaustausch über die gezeigten Filme gehe, sagt der Chef der Kurzfilmtage.

Als weitere Einschränkung nennt Gass, der vor seinem Amt in Oberhausen die Geschäfte des Europäischen Dokumentarfilm Instituts in Mülheim an der Ruhr führte, die Art der Präsentation. «Für mich gibt es einen fundamentalen Unterschied, ob ich einen Film mit anderen Menschen auf einer großen Leinwand sehe oder privat auf dem Mini-Bildschirm eines Handys.» Im Zweifelsfall ziehe er das Kino vor.

Angesichts der Allgegenwart des Internets schlägt Gass vor, den Spieß umzudrehen und die Potenziale des Internet für den Erhalt und die Weiterentwicklung von Festivals zu nutzen. «Wir denken darüber nach, ob und wie wir die jährliche Filmauswahl von rund 450 Filmen unter unserem programmatischen Qualitätssiegel auch über die Laufzeit der Kurzfilmtage hinaus im Internet zugänglich machen können.» Voraussetzung dafür sei, «ein Ertragsmodell für die Filmemacher zu entwickeln, etwa über Werbemaßnahmen.»

Gass, der von 2002 bis 2007 Mitglied der Jury des Deutschen Kurzfilmpreises war, hält es jedenfalls für «unzeitgemäß, ein Filmfestival auf Ort und Zeit zu beschränken, so wie es früher der Fall war.» Die Kompetenz von Filmfestivals sei heute weitaus größer: «Sie können CDs und DVDs herstellen und im Internet als Absender auftreten.»

Neben solchen strategischen Überlegungen legt Gass großen Wert auf die regionale Verankerung der Kurzfilmtage. So stellt die Reihe «Profil NRW» zum dritten Mal die besten aktuellen kurzen Filmproduktionen des Filmlandes Nordrhein-Westfalen vor. «Diese Reihe liegt uns am Herzen, denn wir können im Deutschen Wettbewerb das Filmschaffen aus NRW nur sehr eingeschränkt darstellen.» Nicht zuletzt sei «Profil NRW» ein «wichtiger Treffpunkt für die hiesige Kurzfilmszene» - und für internationale Gäste. Für ein Festival wie Oberhausen seien solche Gelegenheiten ein Lebenselixier.

Reinhard Kleber