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Künftig "Respect" für den"Wert der Kreativität"? Ein Bildmotiv der Musikschule Neckarsulm
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Ändert sich was? Hat sich was geändert? - Die nmz vor zwei Jahren zum Thema Raubkopie

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Als eine unserer Aufgaben sehen wir, die nmz-Redaktion es an, Veränderungen im Kultur- und Musikleben zu beobachten, zu dokumentieren und zu kommentieren. In der ersten nmz-Ausgabe des Jahres 2007 erschien ein Editorial zum Thema "Wert des geistigen Eigentums - Wert der Kreativität". Gern überlassen wir es diesmal Ihnen, verehrte Leserinnen, verehrte Leser, Argumente und Aktualität dieses zwei Jahre alten Beitrages zu überprüfen...

Runter-Macher

Die Szene ist grauslich – und wird als „Bonusmaterial“ vielen Kauf-DVDs vorangestellt: Eine Mutter, leicht angeschmuddelt, steht mit drei Kindern, ebenfalls leicht angeschmuddelt, in karstiger Landschaft. Der kleine Chor plärrt schräg „Happy Birthday To You“ und die Kamera schwenkt auf die Gitter-Fenster eines Gefängnisses. Der Vater muss für seine Raub-Kopiererei ein paar Jahre brummen. Mama antwortet auf Töchterleins Anfrage, wann Papi wieder nach Hause komme: „Noch vier mal singen“. Womit man auch erfährt, dass diese Familie immerhin einmal jährlich gewisses Liedgut pflegt…

Es sind schwere Geschütze, die unsere Kulturindustrie mittlerweile gegen jedwede Diebe geistigen Eigentums auffährt. Spots, wie der oben beschriebene gelten dabei als ganz leichte Artillerie. Die eigentlichen Grabenkämpfe finden in der Auseinandersetzung zwischen den Produzenten von Film-Bild, Musik und Text im lockeren Verbund mit Urheberrechtsgesellschaften einerseits und den Herstellern von Speichermedien, den Anbietern von Internet-Plattformen auf der anderen Seite statt. Gerungen wird um die Gunst gesetzgebender Politik auf deutscher und europäischer Ebene – und um viele Milliarden Euro. Für den Musikbereich hat der Bundesverband der phonographischen Wirtschaft gerade eine finstere Bilanz veröffentlicht. Danach ist die Zahl der kopierten CDs mit über 430 Millionen Stück rund viermal höher als die der verkauften, die Zahl der illegal heruntergeladenen Songs mit 412 Millionen gar zwanzig mal höher als die der bezahlten Downloads. Der wirtschaftliche Schaden lässt sich hochrechnen. Fraglich bleibt, ob die üblichen industriellen Instrumente – flotte Spots und fittes Lobbying bei fettem Repräsentations-Etat – erhoffte Wirkung zeitigen.

Schon einmal hat die Phono-Wirtschaft – damals noch unter der Ägide von Thomas M. Stein – Millionensummen für die dümmlich-dreiste Kampagne „Copy kills music“ wirkungslos verbrannt. Und schon damals mahnte unser Kampf-Blatt vernünftige Investitionen in Bewusstseins-Bildung statt in forsche, knallig verpackte Drohungen an. Schließlich gilt es, ein lange verschlamptes Feld zu kultivieren. Der Wert geistigen Eigentums wurde von der Industrie samt den sie tragenden Banken aus kurzsichtigem ökonomischen Egoismus Jahrzehnte lang selbst so gründlich ruiniert, dass heute der Ladendiebstahl einer Tube Zahnpasta im sogenannten öffentlichen Bewusstsein deutlich krimineller wirkt als die illegale CD-Kopie. Das zu ändern setzt einen etwas längerwierigen Prozess voraus. Die Vermittlung von Werten bedarf gründlichster Argumentation, höchster Glaubwürdigkeit und einer angemessenen Transport-Ästhetik. Jeder Schnell-Schuss ginge nach hinten los. Und es wäre – aus industrieller Sicht – das Risiko zu tragen, Kinder und Jugendliche zu gut informierten Bürgern heranbilden zu helfen. Ob das klappt?

 

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