Es gibt Wörter in der deutschen Sprache, die Wohlklang, Klarheit und geistige Durchdringung aufs Bezauberndste miteinander zu amalgamieren wissen: Beitragsbemessungsgrenze etwa. Oder Glibber. Dann wiederum gibt es Wörter, die – obwohl ehedem spitzenmäßig – dermaßen unter Inflationsdruck stehen, dass sich der Gebrauch anfühlt wie ein olles Karamellbonbon an einer AOK-Zahnspange. „Authentisch“ ist für mich eines jener garstigen Vokabeln. Mir stehen die restlichen Haupthaare zu Berge.
„Früher“ – als, wie Jochen Malmsheimer sagt, nicht „alles besser, aber vieles gut“ war, Freunde und Kollegen noch Freunde und Kollegen und keine „crazy/beautiful human creatures“ waren und nicht jede Registerprobe mit dem Schulorchester als „intense und exciting“ durchlebt wurde … früher also, als Heidi Klum noch keinen Personalityaward ausgelobt hatte, da meinte „authentisch“ noch so etwas wie „echt“ und wurde gerne gebraucht, wenn man jemanden als „aufrichtig“ oder gar „ehrlich“ beschreiben wollte.
Früher ist aber vorbei und das Wort klebt mir an den Nerven, meint es doch zumeist einen ausufernden – und schlimmer noch! – vollkommen humorbefreiten Egozentrismus. Form, Spiel und Eleganz müssen dem oft gar nicht so wahnsinnig interessanten „Ich“ weichen. „Die Doofen“, einst eines der führenden Avantgardeensembles, besungen in ihrem trotzigen Welthit „Mief! Nimm mich jetzt, auch wenn ich stinke!“ schon 1995 den heraufziehenden Authentizitätskult der Gegenwart und warnten… Aber niemand erhörte sie.