Was für eine rührselige Geschichte. Ein Milchbubi mit bayrischem Akzent singt mit einem Soulstimmchen, als hätte man ihn an der tiefsten Stelle des Mississippi getauft und nach München transzendiert. Das andere Muttersöhnchen, das kein Englisch spricht, dieses aber wenigstens mit französischem Akzent, rappt, als hätte er die Bronx erfunden.

Sven Ferchow. Selfie
Blame it on the shame
Beide springen wie Pezzibälle auf Aquaplaning über die Bühne, knallen sich im Tanzstil der Augsburger Puppenkiste permanent ihre Knie an die Knöpfe, geben sich im Sekundentakt behämmerte „High Fives“ und sehen aus wie ein IKEA Pax Kleiderschrank. Weil man statt Schulterpolster zwei Kleiderbügel unter die Sakkos nagelte. Die Mikrofone taugen eher zum Steuerrad denn zum Singen.
Aber, Ehrenrettung, was sollen die beiden auch sonst auf der Bühne tun, während zwei komplett andere Stimmen über trashige Synthesizer Sounds „Girl You Know It’s True“ leiern. Willkommen im Jahr 1988. Es geht um Milli Vanilli. Die Münchner Kumpels Rob & Fab, versklavt vom deutschen Produzenten Frank Farian, verkauften die Single „Girl You Know It’s True“ weltweit 30 Millionen Mal und gewannen einen Grammy als beste Newcomer. Nun, das Ende ist bekannt. Playback kaputt, Popduo enttarnt: Kein Ton war selbst gesungen. Große Betroffenheit in der Branche.
Ein Skandal! Niemand wollte erkannt haben, dass die blassen Stimmchen von Rob & Fab (siehe Einleitung) gar nicht die sind, die man auf CD hört(e). Wollte man uns weismachen. Und liefert jetzt, zirka 35 Jahre später, gleich zwei Filmbeiträge zur erneuten Reinwaschung: Einmal die Doku „Milli Vanilli“ auf Paramount+ (bereits abrufbar), dann ab 21. Dezember das Biopic „Girl You Know It’s True“. Grundtenor: Wir haben doch alle nichts gewusst, es war doch so: Rein zufällig trafen Rob & Fab Frank Farian, der rein zufällig gerade ein Popdance-Projekt aufnahm, das dann rein zufällig nach Amerika an den Musikmogul Clive Davis und dessen Manager gelangte und die allesamt rein zufällig erst mit besagter Livepanne erfuhren, dass Rob & Fab keinen einzigen Ton gesungen hatten. Zufälle gibt’s. Zumindest die Doku „Milli Vanilli“ grätscht haarscharf an der suggestiven Beteuerung vorbei, dass nicht einmal Milli Vanilli selbst wussten, dass sie auf ihren Songs gar nicht singen. Was lehrt uns also die Geschichte von Rob & Fab? Dass wir als Konsumenten zurecht der Depp sind. Weil wir jedes Ex-Pornosternchen und jede Ex-Weinkönigin singen hören wollen. Heute hilft Autotune, früher Frank Farian.
Natürlich wünschte man sich öfter, ein Playback möge sich aufhängen, wenn Künstler 30 Meter in der Luft schwebend dreizehn Pirouetten drehen. Ohne zu hecheln. Andererseits will man das echte Hecheln der alten Helden (Kiss, Mötley Crüe) aber gar nicht hören. Und nimmt Playback-Anschuldigungen schulterzuckend hin. So richtig echt war es wohl das letzte Mal mit Ozzy Osbourne. Als der einer echten Taube den Kopf abbiss und jenen über die Bühne spuckte. Aber das wäre heute wohl kaum mehr woke.
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