Es gibt einen großen Unterschied zwischen der Musikwelt und der Welt da draußen, in der die meisten Menschen leben: Er betrifft die Verwendung von Zeit. Der Tag mag ja 24 Stunden haben, doch ohne Schlafen wird man eher früher als später müde. Man kann also nicht den ganzen Tag nutzen, um ständig auf Achse zu sein. Alles kein Problem. Man kommt normalerweise mit allem sehr gut zurecht. Bis zu dem Tag, als ich ins Konzert gehen wollte. Ich hatte ja vergessen, dass es so etwas noch gibt.
So etwa von 20 bis 22 Uhr dauern hier Konzerte, mal fangen sie ein bisschen früher an, mal hören sie etwas später auf. Mit Anfahrt und Rückfahrt kann es, je nach Lage, zu einer Bruttokonzertzeit von eben zwei Stunden (man ist selbst der Musiker und man isst und schläft im Instrument) oder vier bis sechs Stunden (man wohnt auf dem Land und muss in die Großstadt) dauern. Nicht selten also kommt man erst nach Mitternacht nach Hause, muss aber schon vor Sechs aus dem Bett, weil man auch Haushalt und vielleicht Kinder hat. Und dann noch einen Job. Waschen muss man sich auch noch wenigstens ein Mal in der Woche. Kurzum. Wer hat schon Zeit in Konzerte zu gehen, außer den Musikern? Den Singles? Den Rentnern? Und den Musikprofessionellen wie Managern und Kritikern.
Für unsereinen gibt es ja dann Spezialangebote wie Familienkonzerte am Wochenende, vormittags mit Würstchen und Kartoffelsalat im Foyer. Und die werden dann speziell zugeschnitten, nicht auf Papa und Mama (oder einen von beiden), sondern auf die Kleinen, seltener auf Mittelgroße oder Größere.
Lange Rede: Oskar Negt schrieb einmal, nicht zwei Kulturen, sondern zwei Realitäten seien das Problem unserer Gesellschaft. Für die einen kann hohe und niedere Kultur schon deshalb nicht im lebendigen Austausch stattfinden, weil ihnen weder Zeit noch Geld zur Verfügung steht, während die anderen in ihren Kultur-Weihrauchkesseln ihr eigenes kulturelles Selbstverständnis zu retten sich anschicken. Für die dazwischen gab es wenigstens eine Zeit lang Notlösungen in Surrogaten wie Radio, Zeitschriften und Fernsehen. Wir wissen aber alle, dass dort auch Kultur durch einerseits zeitfressende Selbstvermarktung wie andererseits halbe Werke ersetzt wurde. Vom Internet mag man gar nicht reden. Abgeschoben in sogenannte Soziale Netzwerke ist man schon fast vollständig vom Krankheitsbild narzisstischer Störungen zernagt – das allerdings trifft auf die moderne Gesellschaft als Ganze zu. Nicht mehr lange und der selbstverschuldete kulturelle Burnout ist durch. Bis zur vollendeten Depression sind es dann nur noch wenige Schritte. Die gegenwärtig grassierende pädagogisch- und institutionell-kulturelle Pseudoaktivität verschärft die Situation nur noch, weil sie sich selbst als „Lösungsbringer“ vorgaukelt.