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Covern

Untertitel
www.beckmesser.de (2013/03)
Publikationsdatum
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Seit kurzem weiß ich, was covern heißt. Bisher kannte ich nur undercover, und unter cover verstand ich einen Briefumschlag oder eine Bettdecke. Und als Verb vielleicht das, was der Stier mit der Kuh macht. Jetzt hat Heino gecovert. Er hat ein Cover-Album herausgebracht, und ich bin schlauer geworden: Aha, das ist, wenn einer den Song von einem anderen nachsingt. Alles klar? Offenbar nicht.

Die Gecoverten scheinen sich gewaltig aufzuregen, und laut Coverer sollen Die Ärzte, die ebenfalls gecovert wurden, das mit dem Ausspruch kommentiert haben: „So ein Scheiß, Dreck, zum Kotzen.“ Viel Aufregung um ein Coveralbum. Und eine willkommene Gratisreklame, denn die Gecoverten hatten es dem Coverer verboten, für die Coversongs zu werben.

Da lohnt es sich, dem Grund des Aufruhrs etwas nachzugehen. Als Sozialisierter in E-Musik habe ich erst einmal Verständnisschwierigkeiten. Wenn Pianist X das Klavierstück Y von Komponist Z nachspielt, dann sollte das nach der Cover-Logik doch auch unverschämt sein, oder? Soll sich also der Komponist empören und den Pianisten öffentlich schlechtreden? Neuer Aha-Effekt: Gecovert wäre das Stück erst, wenn es der Interpret auf eine ganz persönliche Weise so gestalten würde, dass das Original unverkennbar seine eigene Handschrift trüge. Also wie wenn Glenn Gould Bach spielt. Glenn Gould, ein mieser Coverer! Soll sich Bach nun im Grab umdrehen oder sich doch lieber freuen, dass seine Musik auch mit Tempo hundertachtzig noch gut klingt?

Neuer Versuch, den Skandal des Coverns zu verstehen: Ein Komponist schreibt das Lied eines anderen um, nennt aber immerhin noch den Originalautor. Damit käme man der Sache näher. Das ist aber schon ein entschieden stärkerer Eingriff als das bloße Nachsingen eines Lieds. Und noch viel radikaler war die Praxis in der Barockzeit, als sich die Komponisten munter bei den Kollegen bedienten und deren Arien kaum verändert in ihre eigenen Opern einbauten. Ein Coversong ist dagegen ein Klacks.

Weshalb empört sich also heute ein Sänger derart, wenn ein anderer Sänger sein Lied nachsingt? Der Grund liegt wohl darin, dass in der Popmusik Autor und Interpret häufig identisch sind; Die Italiener kennen dafür den Begriff „cantautore“, der klarer als das deutsche „Liedermacher“ Autor und Sänger in einer Person vereint. Eine Aufführung ist also mehr als bloß „Interpretation“. Sie ist zugleich die mit großem Aufwand betriebene Selbstdarstellung des Autors oder einer ganzen Gruppe. Das bedeutet im audiovisuellen Zeitalter: Als Medienerscheinung seiner selbst ist der Autor zugleich die perfekte Werbebotschaft in eigener Sache. Seine persönlichen Gesten, Krächztöne, Ticks und Tricks sind untrennbar mit seiner Erscheinung verbunden und machen sie für die Massen unverwechselbar, bestenfalls einzigartig. So entstehen Stars. Wenn nun ein anderer das musikalische Gerippe dieser Ego-Performance übernimmt und seine eigenen Kleider drüberhängt, sieht der erstere möglicherweise nicht nur seine Identität gefährdet, sondern auch sein Geschäft, das ja ohne diese Originalerscheinung nicht laufen würde. Ein Widerspruch wird dabei offenkundig. Wenn der Originalautor sich gegen das Covern sträubt, so bewahrt er sich damit zwar das Alleinverfügungsrecht über seine Performance, aber er verzichtet auf die Verbreitung des Songs durch andere und damit möglicherweise auf erhebliche Rechteeinnahmen, die von der GEMA für ihn eingesammelt würden. Wer so handelt, versteht vermutlich die Mechanismen des heutigen Musikgeschäfts nicht richtig. Er behält sein Spielzeug für sich und seine Kunst rein, verhindert damit aber die Wirkung in der großen Öffentlichkeit, die er sich doch insgeheim so sehr wünscht.

Wenn dann der Erfolg ausbleibt, macht sich als Erklärungsersatz schnell einmal die Ideologie breit. Der Fall Die Ärzte, Rammstein und weiteren versus Heino gleicht ein wenig der Situation der adornitisch imprägnierten Avantgardisten früherer Zeiten, die schon nur die Idee, „Leute wie Karajan“ könnten eventuell ihre Stücke aufführen, entrüstet von sich wiesen. Wir wollen sauber bleiben! Lieber im Getto leben als erfolgreich sterben! Der nicht-progressive Volksliedsänger Heino als Interpret progressiv vergilbter Rock-Evergreens von gestern? Das darf doch nicht wahr sein.

Niemand wird natürlich daran gehindert, in der wärmenden Illusion eines Undergrounds, den es längst nicht mehr gibt, oder in anderen Nischen oder Szenen sich wohlig einzurichten. Kommerziell unkorrumpierbar und ideologisch sauber. Nur sollte man dann nicht jammern, der eigenen Musik fehle es an Publikum. Jeder schießt sich ins Knie, so gut er kann.

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