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Der Autor trägt stets das volle Risiko

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Bemerkungen zur Autorschaft in Kunst, Kultur und Staat ·
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Kunst, Kultur, Kommerz: Dies sind die Themen, denen sich Komponist Wolfgang Rihm in einer vielbeachteten Rede annahm, die er auf dem 41. Weltkongreß der „Confédération Internationale des Sociétés d’Auteurs et Compositeurs“, CISAC, hielt. Die nmz veröffentlicht Auszüge.Der Autor, der Künstler, der über Kunst, Kultur und Staat spricht – öffentlich, außerhalb seines Werkes –, muß eine problematische Figur bleiben. In ihm schneiden und brechen sich Kraftlinien höchst gegensätzlicher Phänomene. Kunst und Kultur sind bereits Gegensätze, allerdings in ihrer effektivsten Verbindung. Kunst ist immer individuelle Setzung, Kultur dagegen: kollektive Spannung. Es entsteht aber keine Kunst ohne eine ihr förderliche Kultur, und keine Kultur überlebt ohne Künste, die sie herausfordern. Der Adressat von Kunst ist immer das Individuum. Selbst dann, wenn noch so viele Menschen von einer Kunst berührt werden, geschieht dies nur, weil diese Kunst das individuelle Empfinden jedes einzelnen anzurühren versteht. Kunst gibt jedem etwas anderes. Kultur kann dagegen nur aus ihrer mittelwertig gleichen Gültigkeit für möglichst viele Beteiligte begründet werden. Auch Elitekulturen gelten immer für viele Elitäre. Kunst gilt immer einem Du. Kultur artikuliert ein Wir. Kultur schließt dabei aus, während Kunst einbezieht. Kultur definiert. Kunst entgrenzt. Es kann sein, daß Kunst ihre energischsten Impulse aus antikulturellen Affekten bezieht, und es gibt durchaus Kulturen, die Kunst verhindern, ja sogar vernichten. Sowenig Kunst gleich Kultur ist, sowenig ist Kultur gleich Staat. Die Gleichsetzung eines kulturellen Raumes mit einem staatlichen Raum ist eine nationalistische Chimäre. Gleichwohl ist ein Staat ohne kulturelle Identität ein hinfälliges politisches Gebilde. Den Kulturstaat charakterisiert aber nicht allein die Pflege seines historischen kulturellen Erbes. Vielmehr entscheidet die Bedeutung, die ein Staat dem lebendigen schöpferischen Denken und Handeln in seiner Mitte einzuräumen in der Lage ist, über seine Bedeutung als lebensfähiger moderner Kulturstaat. Im schöpferischen Handeln, im Schaffen von Kunst artikuliert sich ein enormes kommunikatives Moment. Die Fähigkeit einer Gesellschaft zur Selbstreflexion kommt in ihrer Kunst zum Ausdruck. Selbstreflexion – also Kunst – ist ein primärer kultureller Impuls, der ein Angebot sozialer Kommunikation – also Kultur – auslösen kann. Dieses Angebot schaffen die Autoren. Der Autor aber kann sein Werk nur individuell begründen. So sehr er auch Bestätigung in objektiven Befunden suchen mag, sein Werk bleibt Frage in dem Maß, wie es Behauptung ist. Kunst gestattet dem Künstler keine Gewißheit außerhalb ihrer selbst. Der Autor trägt stets das volle Risiko. Für die Gesellschaft – für die Kultur – liegt aber genau in dieser Differenz zu kollektiven Begründungsstrukturen ein unerschöpfliches Potential. Denn durch die jeweils individuellen Entscheidungen der Autoren entsteht eine stets sich erneuernde Wertform. Die eigengesetzlich entstehenden Kunstwerke sind sicht- und hörbar gewordene Formen der Wertschöpfung innerhalb eines politisch-kulturellen Kraftfeldes. Ihr Entstehen verdanken diese Werke jeweils individueller Autorenschaft, ihre Wirksamkeit aber ist eine überpersönliche, verbindliche. Ein Kulturstaat wird also in seiner Mitte den Schutz der Autorschaft zu verankern haben, um sich jener Wertschöpfung auch in Zukunft versichern zu können. Die Ergebnisse geistig-schöpferischer Arbeit sind das einzig essentielle Erbe, das Kulturen zu hinterlassen in der Lage sind. Wenn wir also von „kulturellem Erbe“ sprechen, sollten wir uns klar sein, daß darunter nicht nur das dem Verbrauch und – bestenfalls – der Restaurierung zugeführte Ererbte zu verstehen ist, sondern vorrangig das, was wir selbst zu vererben haben. Eine Kultur, die das Vorhandene nur verbraucht, hinterläßt als Spur lediglich Müll. So geraten die Autoren immer mehr in den Hintergrund und die „Verwerter“ gelangen in den Vordergrund. Die negativen Auswirkungen sind im Musikbereich eklatant. Dort vergegenwärtigt sich die Unterhaltungskultur durch riesenhaften Einsatz von Werbemitteln, deren Gravitation kaum eine vom Mainstream abweichende Bewegung mehr duldet. Ein ähnlich gleichgeschaltetes sogenanntes „ernstes“ Musikleben lebt fast ganz von Leichen und verbraucht die Energien der Vergangenheit in hohen Repräsentationsakten. Daß in beiden Bereichen dennoch Neues entsteht, ist zwar ein Lebensbeweis, macht aber die Sache nur noch schlimmer: denn oft wird künstlerische Vitalität im Namen kultureller Konventionen, die zu reinen Wirtschaftsfaktoren abgesunken sind, erstickt. Die Folgen zeigen sich: Das Interesse an kulturellen Dingen nimmt ab. Damit sinken aber auch die Umsätze. Als Argument für das Neue – also für die Autoren – scheint diese Entwicklung aber nicht gedeutet zu werden. Weiterhin wird Mainstream verordnet, wird Vergangenheit ausgelaugt. Die Rolle der Öffentlichkeit, also des Publikums, wird dabei reduziert auf das TV-typisch reflexhafte Lachsacklachen. Einen leicht perversen Zug bekommt die Angelegenheit dadurch, daß ja auch Mainstream und Vergangenheits-Ausbeinung auf Autorschaften zurückgehen. Autorschaft bedeutet auch Verantwortung. Wo sie fehlt, wird der Autor zum Komplizen seiner eigenen Abschaffung. Denn durchaus sind Auswertungsstrukturen denkbar, die in Eigenregie, ohne Zutun von Autoren, kunstähnliche Produkte aus Teilen vorhandener und konventionell gewordener Werke herstellen. Am laufenden Band käme es zur Herstellung von rein rechtlich gesehen schützenswerten Kultur-Bestandteilen, die aber zum Verschwinden von Kultur beitrügen. Das derzeit naiv bemühte „Multi-Kulturelle“ ist eine gänzlich unnaive Fiktion des aktuellen Marktes, reizvoll und gewaltförmig in dem Maß, wie es Identität heranzerrt, um sie zu anonymisieren, Schönheit, um sie zu zerstückeln: koloniale Beutekunst. Ein anderes Phänomen, das die gegenwärtige Kulturszene dominieren will wie nur etwas, das zwar „Kultur“ genannt werden kann, ihr aber entgegengesetzt wird, ist die „Event-Kultur“. Der Begriff „Event“ deutet präzise auf seine Problematik. „Events“ entstammen keinem kontinuierlichen Prozeß, keiner andauernden schöpferischen Aktivität. Selbstverständlich ist jedes einzelne Werk eines jeden Autors für sich genommen auch ereignishaft. Aber es verdankt sich der Kontinuität wertschöpferischer Aktivität, die auch weiterhin wirksam zu sein verspricht. Was ich versuche anzudeuten, ist, daß Kultur prozessual zu verstehen ist, nicht bloß eventuell. Daß gerade ihr kontinuierlicher Wandel für den demokratischen Kulturstaat die Verpflichtung bedeutet, die geistige Freiheit innerhalb des Veränderungsprozesses zu schützen. Diese Freiheit ist keine Lizenz zum Raubbau, sondern das Gebot zum Aufbau, der Nerv kultureller Aktivität. Die politische Bedeutung kultureller Freiheit drückt sich aus im entschiedenen Schutz der Autorschaft und ihrer Rechte. Aber auch in der Verpflichtung, Erziehung und Ausbildung nicht allein auf quantifizierbare Größen zu gründen. Generationen, die kaum oder gar nicht mehr mit primären kulturellen Werten und Kunstwerken in Berührung kommen, können mit der Zeit nur noch dem Erliegen der kulturellen Regenerationsfähigkeit ihrer Gesellschaft beiwohnen. Daß sie dieses Erliegen rein intellektuell wahrscheinlich nicht werden bemerken können, dürfte wohl nur ein schwacher Trost sein. Die enorm gesteigerten Verbreitungsmöglichkeiten für künstlerische Produktionen erwecken den Anschein, als wäre damit auch die Erreichbarkeit der Inhalte erleichtert. Der Kunst aber muß man sich entgegenbewegen, weil sie sonst immer ferner rückt. So sehr sie selbst uns durch ihre Formreize und sensualistischen Komponenten entgegenkommt – wir bleiben blind und taub und stumm vor ihr, wenn wir ihrer Bewegung nicht durch eigene geistige und sensorische Beweglichkeit entsprechen können. Solche Beweglichkeit muß erlernt oder zumindest geübt werden. Die Grundausbildung in künstlerischen Fächern an den Schulen ist verzwergt. Zusätzlich wird durch den Hinweis auf „wichtige Leistungsfächer“ die gesamte spielerisch-geistige Leistungsfähigkeit – also das künstlerische Begabungspotential – der Jugendlichen trivialisiert, sie werden entmotiviert oder an Ersatzangebote verwiesen. Das Bewußtsein für die Begrenztheit natürlicher Ressourcen ist in den letzten Jahren gewachsen. Vielleicht wurde es zu sehr aus angstbesetzten Motiven heraus begründet, mit denen im Bereich von Kunst und Kultur selbstverständlich nicht derart massenwirksam operiert werden kann. Aber auch dort können Quellen versiegen, können Wachstumsformen zum Erliegen kommen. Wenn niemand mehr in der Lage ist, die Werke der Autoren zu rezipieren, dann wird auch den Autoren die Existenzgrundlage entzogen, und sie gehen zugrunde wie Flüsse auf vertrocknetem Land.

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