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Die Bullshit-Pyramide

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Der emeritierte Princeton-Professor Harry G. Frankfurt, 76, hat ein Buch geschrieben, das überraschenderweise in den Top Ten der Book-Charts der „New York Times“ landete und inzwischen auch der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ eine Kolumne wert ist. Überraschend deshalb, weil Frankfurt bisher nur ein Autor für die „happy few“ des Orchideenfachs Philosophie war (und auch da bloß für wenige). Überraschend auch, weil er ein Thema behandelt, das nicht unbedingt bestsellertauglich scheint – es sei denn, es spricht vielen aus dem Herzen. Harry Frankfurt spricht über „bullshit“ – und das klingt höchstens ein wenig freundlicher als mögliche deutsche Übersetzungen – und meint damit das, was Medien, „Experten“ und sonstige Vertreter einer „intellektuellen Elite“ massenhaft absondern. Bullshit, sagt Frankfurt, ist schlimmer als Lüge, weil Lüge immerhin noch ein Bewusstsein der Wahrheit voraussetzt, so etwas wie intakte Realitätswahrnehmung und präzises Denken. Bullshit dagegen ist ein frei flottierendes, offenbar rauschhaftes Überbauphänomen, das man, mit den Worten Valentins, nicht einmal ignorieren müsste, wenn es nicht dabei wäre, Politik und Gesellschaft nachhaltig zu verändern.

Beispiele gefällig? Da fällt es schwer, sich zu entscheiden. Allein die gegenwärtige demographische Hysterie („Die Deutschen sterben aus!“, „Wer soll unsere Renten bezahlen?!“) bietet Material in Hülle und Fülle. Nehmen wir einen Tagesthemen-Dauerbrenner wie die Bevölkerungspyramide, die künftig, Harry G. Frankfurt zu Ehren, nur noch Bullshit-Pyramide heißen soll. Da wird von Politikern und Kommentatoren gedankentief von der „gesunden“ Bevölkerungspyramide geschwafelt, die leider Vergangenheit sei. Gedankentief heißt im Medien-Diskurs soviel wie gedankenlos. Hysterie und Logik vertragen sich schlecht, ernst genommen wird heutzutage nur, wer sich strikte analytische Abstinenz verordnet. Eine Bevölkerungspyramide ist nicht „gesund“, sondern ganz im Gegenteil ein Produkt von Kriegen, Krankheiten und sonstigen Katastrophen. Eine Pyramide bekommt man nur, wenn so viele Sechs- wie Sechsundachtzigjährige, so viele Siebzehn- wie Siebenundsechzigjährige sterben. Die Pyramide ist die Folge von Kindersterblichkeit, Schlachtfeldgemetzel, Infektionswellen und ruinösen Arbeits- und Lebensbedingungen. „Gesund“ wäre höchstens der Bevölkerungsblock, wenn nämlich jeder erst, von Krankheiten und Gewalteinwirkungen lebenslang verschont, im hohen Alter sterben würde.

Aber sterben „wir“ nicht aus? Gibt es nicht immer weniger Deutsche? Bullshit, um mit Harry Frankfurt zu sprechen. Demographische Hysterien gab es schon immer, nur die Inhalte wechseln. So diagnostizierte der „Bevölkerungswissenschaftler“ Malthus um 1800, zu einer Zeit, als eine Metropole wie Weimar ein 5000-Seelen-Dorf war, eine unmittelbar bevorstehende Hungerkatastrophe wegen „Überbevölkerung“. Thomas Mann wiederum, um beim verdienstvollsten aller Goethe-Erben zu bleiben, konstatierte in seinem vielgescholtenen, aber offenbar nie gelesenen Buch „Betrachtungen eines Unpolitischen“ ein Aussterben der Deutschen wegen abnehmender Kinderzahl, mit „Argumenten“, die sich von den heutigen in nichts unterscheiden. Sein Katastrophenjahr, der „point of no return“, ist übrigens das Jahr 1900, das derzeit oft als das Utopia eines intakten Bevölkerungsaufbaus herhalten muss. Bullshit. Die Nazis wiederum wurden spätestens in den 30er-Jahren hysterisch, weil sie das Gefühl nicht los wurden, die Deutschen müssten in den engen Grenzen des Deutschen Reichs ersticken. Die demographische Parole hieß damals „Volk ohne Raum“ und diente als Begründung für den Vernichtungs- und Eroberungsfeldzug gen Osten. Damals, nur zur Erinnerung, lebten auf dem noch sehr, sehr viel größeren deutschen Staatsgebiet knapp 60 Millionen Einwohner. Heute fürchtet man in der sehr viel kleineren Bundesrepublik leere, wüste Räume und denkt an Gebärprämien – bei immerhin 82 Millionen Einwohnern. Bullshit? Bullshit!

Ähnlich bullshitig sind die hysterischen Attacken auf Verkehrs- und Kriminalpolizei und die nicht minder rasenden Anforderungen an die zuständigen Gesetzgeber. Das Unheil scheint immer und überall. Während doch die Zahl der Verkehrstoten seit Jahrzehnten genauso sinkt wie die der Opfer von Gewaltverbrechen. Aber es gibt ja nicht nur „gefühlte“ Teuerungsraten, sondern auch „gefühlte“ Unsicherheit und die ist realitäts- und, wie man heute so schön sagt, beratungsresistent. Bullshit, sagt der alte Harry Frankfurt, und man weiß nicht so recht, ob er grimmig oder zynisch dreinschaut.

Und, gibt es gar keine Hoffnung? Doch, dass ein Buch wie Harry Frankfurts „On Bullshit“ auf der New-York-Times-Bestsellerliste landet. Offenbar stinkt es mehr Leuten als die großen Windmacher ahnen.

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