Neulich auf der Pressekonferenz. Großer Bahnhof in den schönen Räumen der Kunststiftung Nordrhein-Westfalen zu Düsseldorf: Mahler Chamber Orchestra (MCO) wird „Residenzorchester Nordrhein-Westfalen – Dreijährige Residenz in Essen, Köln, Dortmund“. An ellenlangem Podium nehmen Platz vier Intendanten (Konzerthaus Dortmund, Philharmonie Essen, Kölner Philharmonie, MCO) plus ein NRW-Kulturstaatssekretär plus ein Musikhochschul-Rektor Düsseldorf in seiner Eigenschaft als Delegierter der vier Landes-Musikhochschulen und in Personalunion Sprecher des demnächst in neuem Gebäude wiederzueröffnenden Orchesterzentrums Dortmund, Andockstation fürs MCO. Toll!
Alle Herzen schlagen höher! Doch irgendwie geht dieses Kribbeln im Bauch nicht weg, und man stellt sich die Frage: Was, bitteschön, ist ein „Residenzorchester“?
Klar, die Antwort darauf lässt sich von den uns allen bekannten Stadtschreibern, den Poeten, den Komponisten „in residence“ herleiten, die davon ja auch eine – sagen wir mal – relativische Auffassung haben und Auslegung pflegen. Wieder einmal steht der Chronist vor dem Umstand, dass die Wörter mitunter ausleiern, mit denen wir die Welt beschreiben. Im Dampfbad unserer medialen Lebenswelt aufgeweicht, ausgebleicht. Denn, irgendwie war da doch was. „Was“, steht wieder einmal im für solche Sachen unverdächtigen Grimm’schen Wörterbuch? Dort wird einem, Buchstabe R wie Residenz, die unmissverständliche Antwort zuteil: Ein „Ort, besonders Stadt, in welcher der Landesfürst seinen dauernden Aufenthalt hat.“ OK. Nun ist es raus.
Nur der unverbesserliche Optimist wird jetzt den Landesfürsten durch das uns hier interessierende Mahler Chamber Orchestra ersetzen und sich freuen, dass ein wahres Spitzenorchester nun „dauerhaft“ unter uns weilen wird. Denn die Rechnung geht zwar auf, aber – leider, leider – anders. Eher schon wie bei Radio Eriwan: im Prinzip ja! Denn prinzipiell ist es so, dass „MCO unter Residenz“ zwei bis drei MCO-Probenphasen versteht, was bei rund 180 jährlichen MCO-Konzerttagen genau 20 „Residenz“-Tage ergibt. Die aber, versteht sich, „dauerhaft“, wie’s die Brüder Grimm geschrieben haben.
Fragen wir nicht (obwohl man sich das auf den Fluren hiesiger Hochschulen durchaus fragt) was 20 Tage bringen können fürs schöne Education-Programm am geplanten neuen Orchesterzentrum samt MCO-Academy, samt MCO-Workshop. Fragen wir nicht und (vor allem) grollen wir nicht! Halten wir es lieber mit der von Kulturstaatssekretär Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff zitierten alten Trainer-Weisheit: Schaun wir mal! OK, wird (sowieso) gemacht. Und lassen wir (vorerst) die Frage, ob man das Ganze vielleicht nicht auch mit einheimischen Kräften und preisgünstiger hätte haben können.
Nur, wenn da bloß nicht dieses Kribbeln wäre. Schaut man ins Konvolut der verteilten Verlautbarungstexte wähnt man sich gar auf einem Krötenwanderweg. Was da alles zu schlucken ist! „MCO-Residenz ein... zukunftsweisendes Projekt... MCO-Residenz hervorragendes Beispiel städteübergreifender Kooperation in der Kulturregion Ruhrgebiet und in Nordrheinwestfalen... MCO-Residenz macht NRW über die Grenzen NRWs hinaus bekannt... und trägt die Marke MCO-Residenz NRW in die Welt.“ Ächz. Schluck. Die Kröte ist ein Button...
Coda. – Ein „großes Geschenk“ sei das, sagt MCO-Intendant Andreas Richter. Wieviel genau im Topf ist? 300.000 tröpfelt es von den Lippen des Kulturstaatssekretärs, der sich („Freudscher Versprecher!“) aber gleich korrigiert. Mal zwei! ruft er in den Saal. Jeweils 300.000 aus Etat von Staatskanzlei und Kunststiftung. Und: Pro Jahr! Wer würde da nicht zugreifen?