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Die nmz-Leser haben entschieden: „Grundmusikalisierung“ ist das Musik-Unwort des Jahres

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Die Entscheidung ist gefallen: „Grundmusikalisierung“ ist das nmz-Musik-Unwort des Jahres 2010. Mit einer deutlichen Mehrheit von 49 Prozent setzte sich der Begriff gegen „JeKi“ (37 Prozent) und „(Musik-)Vermittlung“ (13 Prozent) durch. Offenbar ließ sich die Mehrzahl der knapp 1.000 Leserinnen und Leser, die an der Abstimmung online oder per Post teilnahmen, von Barbara Metzgers Begründung überzeugen. Sie hatte unter anderem wie folgt argumentiert:

„Kein Mensch kann musikalisiert werden, er hat bereits vor der Geburt alle musikbezogenen Verhaltensweisen in sich, die er und nur er eventuell durch ein entsprechendes Umfeld entwickeln kann. Außerdem schwingt noch die Assoziation zur militärischen Grundausbildung mit, was den Begriff nicht sympathischer werden lässt. Wenn es denn auch noch ‚Musikalisierungs-Kampagnen‘ gibt, so kommt es mir vor, als würde ich im Supermarkt die Obst-Kiste billig kaufen, weil dort gerade eine ‚Ernähr-dich-gesund‘-Kampagne läuft – egal, was in der Kiste drin ist.“

Preisträger unserer Verlosung sind:

1. Preis (Festivalpass „Eclat“und Übernachtung): Katharina von Busch, Celle

2. Preis (After Weekend Arrangement im Hotel Orphée): Susanne Hehenberger, Anthering (Österreich)

3. Preis (Einkaufsgutschein nmz-shop): Mechtild Kohler-Röckl, Würzburg

4.–6. Preis (ConBrio-Gutscheine): Berthold Schindler, Parsberg; Ewa Wojcik, Bielefeld; Johannes Groß, Bochum

Wir gratulieren und danken herzlich fürs Mitmachen, Fortsetzung folgt!

Der Bayerische Rundfunk berichtet am 3.12. um 15.20 Uhr in seiner Sendung „Sozusagen!“ über die nmz-Unwort-Wahl.

In der aktuellen Printausgabe, die seit heute im Handel ist, plaudert Chefredakteur Juan Martin Koch die wahren Hintergründe für das Wahlergebnis aus:

Unworte, orphisch

Es ist ja nicht so, dass nicht schon früher von verschiedensten Interessengruppen versucht worden wäre, auf den Inhalt dieser Zeitung Einfluss zu nehmen, aber was sich nun anlässlich unserer Leserumfrage in Sachen „Musikalisches Unwort des Jahres“ zutrug, hat uns dann doch überrascht. Da meldete sich zum Beispiel der für den Bereich „Education“ eines sich in Bau befindlichen Konzerthauses Zuständige und stellte uns für den Fall, dass wir den Begriff „Musikvermittlung“ nicht zum Unwort küren sollten, eine Erwähnung in einer renommierten Wochenzeitung in Aussicht. Das konnten wir uns natürlich nicht entgehen lassen und ermittelten – frei nach dem bewährten Motto „Trau keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast“ – einen Wert von kümmerlichen 13 Prozent. Prompt erfolgte die Gegenleis­tung: Die geschickt zwischen Rüge in diesem speziellen Fall und wohlwollender Anerkennung im Allgemeinen changierende Erwähnung unseres Blattes fand statt, unsere Aboverwaltung brach zusammen und verabschiedete sich in den Weihnachtsurlaub.

Nicht ganz so konkret war betrüblicherweise die Mail, die uns aus einem in NRW beheimateten Projektbüro erreichte. Hier wurde lediglich in bemühter Unschuldigkeit nachgefragt, wie der Stand der Abstimmung sei. Trotz des gewissen Interpretationsspielraums, den dies zuließ, entschieden wir schweren Herzens, auch den Begriff „JeKi“ zu verschonen – man weiß ja nie, wofür es mal gut sein könnte. Immerhin 37 Prozent setzten wir aber aus Glaubwürdigkeitsgründen an.

Vergeblich warteten wir indes auf ein Lebenszeichen seitens der Grundmusikalisierer: Weder die NLEG (Nationale Liga zum Erhalt des Grundmusikdienstes) noch der internationale Dachverband IABM (International Association for Basic Musicalisation) hielten es für nötig, ihr Anliegen zu verteidigen. Da fanden wir es nur recht und billig, diesen entweder inkompetenten oder aber die Meinungsmacht einer allgemeinen Musikfachzeitung hoffnungslos unterschätzenden Waschlappenlobbyisten die entsprechende Quittung zu verpassen. Als Vorweihnachtspräsent knallten wir ihnen satte 49 Prozent für ihren Begriffsfetisch „Grundmusikalisierung“ vor den Latz. Selber schuld.

Warum wir dieses Prozedere hier ausplaudern? Nun, zum einen, weil wir unbedingte Transparenz als eine journalistische Grundtugend hochhalten, zum anderen, weil wir Interessenverbänden, Kulturmanagern und anderen Dampfplauderern ein ähnliches Desaster im kommenden Jahr ersparen wollen: Ab sofort nimmt die Redaktion Angebote für den Fall entgegen, dass wir deren Kampfmotto, ihren Festivalnamen oder ihre Worthülse bei der nächsten Wahl zum Unwort nicht nominieren.

Um dieses Jahresend-Editorial aber wenigstens zum Schluss hin den Niederungen des schmutzigen Journalistenalltags zu entheben, möge ein der Unworte gänzlich unverdächtiger Geheimrat das letzte Wort haben: „Im Leben ist's bald hin-, bald widerfällig / Es ist ein Tand und wird so durchgetandelt. / Schon hat sich still der Jahre Kreis geründet, / Die Lampe harrt der Flamme, die entzündet.“

Juan Martin Koch [nmz 12/2010 - 1/2011, Seite 1]

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