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Event-Kultur-Star Nummer eins: Bill Clinton

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Wenn schon Kohl etwas „zum Kotzen“ findet, dann muß etwas dran sein. Und leider hat es auch, Kohl weiß das nicht, mit Kultur zu tun. Vielleicht nicht auf den ersten Blick, umso deutlicher dafür bei genauerem Hinsehen. Daß es bei Bill Clinton unter die Gürtellinie ging, dürfte im Grunde weder bei den vielen selbsternannten Sittenwächtern, noch bei den angeblichen Beschützern der privaten Sphären Empörung auslösen. Es sei denn, sie würden sich ihre doppelte Moral eingestehen. Im Grunde ist es ja ein sich lächerlich verrannt habender Versuch, den von gewissen Kreisen des amerikanischen Kapitals wenig geschätzten Präsidenten abzuservieren. Das so heftig kritisierte Surrounding aber, das sexualtechnische Zerfiedern, die vierstündig gesendete Vernehmung, letztlich auch das von Clinton übergestreifte Büßergewand gehört im Grunde zum Konsens. Es ist ein Konsens, der auf Eventkultur beruht. Die aber wird allenthalben gepriesen, da sie das garantiert, worauf es heute bei kultureller Präsentation zuallererst ankommt: auf die Einschaltquoten. Längst definiert sich unser kulturelles Sein über diese Ziffern. Die Zahlen aber kennen nur ihre Werte, keine moralischen. Und wenn man etwa den Irakkrieg hautnah und live am Bildschirm beobachten konnte, wenn man Bomber ihre tödliche Ladung abwerfen sah oder die Lichtzeichen der Raketen verfolgte (die Leichen bleiben – noch – außerhalb des Bildes), dann war in den USA darüber nur wenig Entrüstung vernehmbar. Sah man das Ganze doch nur als Kriegsfilm, bei dem die Einschaltquoten nur um den Extra-Kick der Realität gesteigert war. Längst braucht unsere Eventkultur, mit Rauschgift vergleichbar, härtere Drogen. Und daß man sich nun auch der Droge Clinton bediente, gehört im Grunde zum System. Die Empörung ist Heuchelei. Sie gründet sich darauf, daß die immer härteren virtuellen oder scheinvirtuellen Stoffe gleichsam als Gegenpol eine falsche Moral in der Realität produzieren. So einen Aufprall von verlogenem Moralkodex auf die medienproduzierte Gier nach lüsternem Event haben wir jetzt erlebt.Ob nun mit Clinton Schluß ist oder nicht, sei dahingestellt. Mit den Versuchen, solche Medienereignisse zu wiederholen, gar noch zu steigern, wird so lange nicht Schluß sein, so lange der Einschaltquoten-Kulturbegriff der herrschende ist.

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