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Ins Offene

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Silvio Berlusconi staunt. Da besitzt er hammerhart in Italien das Meinungsmonopol und ist in seinen kapitalistischen Positionen nicht aus dem Sessel zu drängen und wird dennoch von den windelweichen demokratischen Strukturen ausgehoben. Dass er das nicht akzeptieren möchte, verwundert nicht. Und von seinem Freund Bush hat er gelernt, dass Wahlen durchaus auch im eigenen Sinne umzubiegen sind. Aber auf dem einfachen Weg des Nochmal-Zählens (oder Verzählens) scheint es ihm nicht zu gelingen. Doch hinter der Bühne werden gewiss schon neue Hebel angesetzt.

Es ist eine Frage der Kultur, Niederlagen anzuerkennen. Die aber hat Berlusconi, dem Machtstrukturen der Mafia stets vertrauter waren als kulturelle Belange, nicht. Mit einem Besitz von etwa zwölf Milliarden Dollar ist er der reichste Mann Italiens, er ist Mehrheitsaktionär bei zwei der wichtigsten Verlagshäuser Italiens, nämlich von Mondadori und Einaudi, er beherrscht (zu 90 Prozent) das italienische Fernsehen und wusste fast stets, seine Interessen unter Umgehung der Rechtsstaatlichkeit durchzusetzen. Seine Partei „Forza Italia“ wurde als Bastion gegen die „kommunistische Gefahr“ aufgebaut, sie ist bewusst führerorientiert (also auf ihn zugeschnitten) und soll den Staat lenken, wie ein großer Betrieb zu lenken sei: das heißt in erster Linie auf Mehrwert, nicht auf Interessen der Bevölkerung ausgerichtet.

Nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 verstieg sich Berlusconi zu folgenden Verlautbarungen: „Wir müssen uns der Überlegenheit unserer Zivilisation bewusst sein, die aus Prinzipien und Werten besteht, die einen breiten Wohlstand für die Allgemeinheit gebracht haben. Der Westen wird weiterhin Völker erobern, so wie es ihm gelungen ist, die kommunistische Welt und einen Teil der islamischen Welt zu erobern, aber ein anderer Teil davon ist um 1.400 Jahre zurückgeblieben. Die westliche Gesellschaft hat Werte wie Freiheitsliebe, die Freiheit der Völker und des Einzelnen, die sicherlich nicht zum Erbgut anderer Zivilisationen, wie der islamischen, gehören ...“ Unter seiner Ägide ist das kulturelle Leben Italiens grauer geworden. Wieder einmal bestätigt sich, wie eng das politische Leben mit dem kulturellen verknüpft ist. Kultur freilich heißt nicht, den angeblichen Highlights von Events zu frönen, heißt nicht die Verhängung des schlechten Seins mit den Lamettaschnüren von Glamour und Entertainment. Kultur heißt vielmehr Vielfalt der Denkansätze, Sensibilisierung, Austausch, Vorurteilsfreiheit, heißt Gang ins Offene. Sie ist der kritische Stachel, der das Leben bereichert und stärker macht, weil die Lüge keinen Platz hat. Ein solches Kulturverständnis ist Berlusconi fremd, ja er wittert hier sofort linksinfiltrierte Einflüsse. Und mit seiner medialen Macht hat er dieses Kulturverständnis immer weiter ausgegrenzt und an den Rand gedrängt. In dieses Vakuum vorzustoßen, dürfte eines der vordringlichsten Aufgaben Romano Prodis sein. Wenn er in erster Linie auf politische Mechanismen und vordergründige Mehrheitsstrukturen setzt, dürfte er bald scheitern (da ist Berlusconi versierter). Kulturelle Offenheit aber ist ein schöner Raum. In ihm wachsen Kräfte, die vielleicht nicht plump an einem Strang ziehen, die aber in ihrer sich gegenseitig befruchtenden Vielfalt Energien wachrütteln, die den Geist lüften und die Betäubung vertreiben. Denn in einer wachen Gesellschaft haben die dumpfen Strukturen der „Forza Italia“ keine Chance.

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