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Keine Kunst

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Karlheinz Stockhausens Schwachsinn („Terror als Kunstwerk“) steht nicht allein. In künstlerischer Vorwegnahme widerfuhr ihm, was sich heute deutlich abzeichnet und was die folgenden Generationen immer wieder in Konflikte bringen wird: Er vermochte Realität und Fiktion nicht zu trennen. Im „Dienstag“ aus LICHT hatte er selbst mit einer von Ernst Jünger abgezogenen Feuer- und Laser-Gier ein Szenario militanter Gewalt entworfen, und nun musste er erleben, wie sehr seine Phantasmagorien hinter den jetzigen Bildern hinterherhinken.

Karlheinz Stockhausens Schwachsinn („Terror als Kunstwerk“) steht nicht allein. In künstlerischer Vorwegnahme widerfuhr ihm, was sich heute deutlich abzeichnet und was die folgenden Generationen immer wieder in Konflikte bringen wird: Er vermochte Realität und Fiktion nicht zu trennen. Im „Dienstag“ aus LICHT hatte er selbst mit einer von Ernst Jünger abgezogenen Feuer- und Laser-Gier ein Szenario militanter Gewalt entworfen, und nun musste er erleben, wie sehr seine Phantasmagorien hinter den jetzigen Bildern hinterherhinken.Vielleicht macht das die Größe unseres Schocks aus. Die ganze Zeit verwandeln wir – auf unserem PC, im Kino, vorm Fernsehen, beim Musikhören über die Medien – die Wirklichkeit in Fiktion und dort bewegen wir uns in einer Welt, in der man alles darf. Wir jagen Faschisten oder Kommunisten, wir zerstören Städte und Raumstationen, wir legen ein Land unter Feuer oder chemische Gifte. Der Computer warnt: „Vorsicht, du könntest Zivilisten treffen“, aber man stört sich nicht daran. Ob es sich hochrechnen lässt, wie viele Moorhühner seit der Erfindung des Spiels abgeballert wurden? Macht alles nichts, am Schluss ein Knopfdruck und wir stehen wieder im wirklichen Leben – oder in einer anderen Fiktion. So, als ob man von Hollywood nach Disney-Land wechselt.

Für die New Yorker Katastrophe aber gab es keinen Knopf zum Abschalten. Und dieses Faktum sagte uns, dass real war, was wie ein besonders ausgeklügeltes Katastrophenspiel wirkte. Auch sonst mussten und müssen wir erleben, wie sich bei diesem Menetekel der medialen Gegenwart Fiktives und Realität unentwirrbar vermengen. Dazu gehört, dass mehrere Personen im World Trade Center das brennende Gebäude zum ersten Mal im Fernseher sahen – und zwar noch im selben Gebäude. Dazu gehört besonders die Funktion des Gebäudes selbst, denn es war stahl-gläserne Umrahmung einer Welt, in der permanent die große Fiktion des Kapitalismus, der Tauschwert, zur weltbestimmenden Realität mutierte. Die Broker lebten hier zwischen Hausse und Baisse, wobei sie sich die Börsenkurse wie Spielbälle von Computer zu Computer zuwarfen und sie mit jedem Wurf veränderten. Das World Trade Center war das Sinnbild der Tauschwertfiktion überhaupt.

Wo alles zwischen Fiktion und Realität changiert, da existiert auch der Feind in dieser Spanne. Man will ihn sehen, dingfest machen, jede 007- oder auch Nullachtfünfzehn-Regie braucht diesen hinter allen Dingen stehenden Feind, den genialen Kopf, der mit allen Mitteln dieser und nicht nur dieser Welt ausgestattet ist. Und bezeichnend ist, dass wir dazu wiederum eine Fiktion schaffen. Bin Laden wurde zu diesem Emblem des personifizierten Bösen – und die ganze Welt soll ihn jagen. Wobei wir beim amerikanischen Präsidenten sind. Selbst ihm scheint die Verkehrung von Fiktion und Realität irgendwie aufgefallen zu sein, denn er spricht wie ein vorzeitlicher Augur vom nun anstehenden entscheidenden Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen, während ihn die Taliban wie aus einem Spiegel anblicken und diese ehernen Werte genau umkehren. Und bescheiden erinnert sich Bush an die harmlosen Cowboy-Fiktionen seiner Kindheit, wo sich das Böse vor allem über eine Tafel in sein Gedächtnis eingrub: „Wanted – dead or alive“. So wird alles zum inszenierten Spiel, in das sich auch alle Politiker der „zivilisierten Welt“ (auch eine Fiktion!) einreihen: mit einer Nebenrolle als Play-back-Chor der „uneingeschränkten Solidarität“. Schon bei den letzten Kriegen (Irak, Jugoslawien) erlebte die Welt, wie über fingierte Bilder hüben wie drüben die Realität beeinflusst wurde. Jetzt haben wir eine neue Stufe: Wirklichkeit und Fiktion werden immer weniger unterscheidbar und vermengen sich. Deswegen werden wir vermutlich auch bei den Vergeltungsschlägen dem als Sirius-Bewohner der Realität ohnehin entrückten Herrn Stockhausen sagen müssen: „Das ist keine Kunst.“

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