Als ich anfing, Musik als etwas zu begreifen, das nichts mit vermotteten Orff-Instrumenten, Glas zersingenden Grundschullehrerinnen und Heinz Schenks „Blauem Bock“ zu tun hat, lösten sich „The Police“ auf. Gerade als ich den ersten Schluck Punkblut gekostet hatte, wurden meine Helden begraben. Zunächst durch die Trennung der Band, dann von der NDW, deren Protagonisten bald als halbblinde Zeitzeugen der ersten Musiksteinzeit in Guido Knopps Geschichtsdokumentationen aussagen müssen. „The Police“ waren also tot. Aber Helden.
Doch Vorsicht! Die Musikindustrie ist tricky. Mit ihrem Motto „back to life“ werden Pop-Tattergreise reanimiert und durch die Infusion „Reunion“ zwar auf zittrigen Beinen, aber im Sinne der Historizität und dem Roll-o-Mat auf die Bühnen dieser Erde geschoben: „The Who“, „The Sex Pistols“ und „Modern Talking“ taten es, die „Smashing Pumpkins“ versuchen es, „Led Zeppelin“ wollen auch und gerade dabei sind „The Police“. Die Helden der 70er, 80er und 90er noch einmal live sehen? Dieser Kitzel wird einem vorgegaukelt. Die Realität spricht da eine eher verwirrte Sprache. Warum sollten sich „The Police“ nach 20 Jahren Gehässigkeit plötzlich vertragen? Die Antwort: finanzieller Engpass. Da Sting als Solokünstler erfolgreich war, reduziert sich die temporäre Zahlungsschwierigkeit wohl auf die beiden anderen Bandmitglieder.
Und damit es nun wirklich bis ans Lebensende reicht, löst Sting ein fahrlässig im Suff gegebenes Versprechen der 80er ein und bittet die Kollegen zum Seniorentanz. Dabei wird herzlich zugegriffen: Für 85 Euro gab es beim Konzert in München die Stehplatzkarte zu erwerben. Doch wo sich früher Gliedmaßen in einer einzigen Woge verkeilten, steht das ausrangierte Publikum regungslos im Olympiastadion, als lausche es einer Predigt von Rudi Scharping. Zu Recht, denn es gibt keinen Grund zu tanzen. „The Police“ haben nämlich die Handbremse mitgebracht. Die Punksongs von einst verdunsten im bärbeißigen Abschlussball-Ambiente. Gitarrist Summers spielt seine Riffs in Peter Strucks Sprechtempo, hat den Aktionsradius eines Weihnachtsbaums und verfehlt unerschütterlich die aus diesem Grund wohl schon vorher dezimierten Backgroundgesänge ein ums andere Mal.
Drummer Copeland kann hingegen nach wie vor eine exzellente Hi-Hat schlagen, doch seine Bühnenpräsenz ähnelt einem Drill-Instruktor im Aerobic-Kanal des Spartensenders ESPN, der den neuen „Bauch weg-Gürtel“ über den „Point of Sale“ der mit der Couch vereinten Hausfrau verkloppen möchte: hautenges T-Shirt in leblosen Farben, Stirnband, Ivan Lendl-Gedächtnis-Schweißbänder, Brille mit Kassengestell und Kopfbügel-Mikrofon. Wenn dieses Konzert und alle weiteren der ähnlich exhumierten Helden als Wiederauferstehung verkauft werden sollen, dann wäre mir ein ordentliches, weil endgültiges Begräbnis lieber gewesen. Oder eine immerwährende Beerdigung wie bei den Rolling Stones. Davon haben wenigstens fünf Generationen etwas. Müssen Helden so sterben?