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Mauricio Kagel schreibt an den C.F. Peters Verlag

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Offener Brief zum geplanten Umzug des Frankfurter Traditionsverlags nach Berlin
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Das Sprichwort „Alte Bäume soll man nicht verpflanzen“ ist nicht nur Ergebnis jahrhundertelanger Erfahrungen, sondern darüber hinaus ein Hinweis auf einen Angriff auf die Existenz. In Zeiten des Internets sind die Standorte der Unternehmen stark relativiert worden. Es ist nicht mehr außergewöhnlich, dass Geschäftsverbindungen nur elektronisch stattfinden und man gar nicht mehr hinschaut, an welchen Orten die Firmen ansässig sind.

Aber: Nach Berlin gehen zu wollen, weil dort augenblicklich musikalisch mehr los ist als in Frankfurt, ist ein Trugschluss. Bis zur Wende lebte Berlin in einem Biotop, das geradezu das Fortleben giftiger Nährstoffe ermöglichte.

Das Musikleben dieser Stadt leidet jetzt im Vergleich zum Rest der Republik proportional mehr als die meisten anderen Städte. Dazu kommt, dass ein Vergleich Berlin/Frankfurt, wenn man es au pied de la lettre nimmt, geradezu unfair ist. Frankfurt ist zugleich Wiesbaden und Mainz und Mannheim und Heidelberg und Karlsruhe und Koblenz und (…). Diese Vielfalt und Unabhängigkeit der Städte ist der Schlüssel ihrer Widerstandsfähigkeit gegen die unleugbare schleichende Krise.

In diesen Zeiten den Schatz an Wissen und Erfahrung, den die Mitarbeiter täglich beweisen, durch einen Umzug aufs Spiel zu setzen, ist mehr als bedenklich. Das Risiko, dass C.F. Peters in Berlin mit einer rachitischen Mannschaft seine Verlagsarbeiten fortsetzen muss, ist die wahre Existenzbedrohung des Unternehmens.

Wenn man von Tradition spricht, so glaube ich, muss man immer an zwei Stränge denken. Der eine ist die Bewahrung derselben, der zweite ist der offene, oft aber versteckte Angriff. Die nationalsozialistische Unkulturpolitik, der spätere Umzug nach Frankfurt und der Neubeginn haben unserem Verlag übermäßig stark zugesetzt und Vieles in Frage gestellt. Da ich fast 50 Jahre lang mit C.F. Peters verbunden bin, weiß ich genau zu schätzen, was man in dieser Zeit geleistet hat, um die Editionen und Geschäftsverbindungen wieder aufblühen zu lassen. Ich spreche nicht aus dem Gefühl heraus, wenn ich voraussage, dass der Umzug nach Berlin zugleich ein freiwilliger Trauermarsch sein könnte. Ob man dort einen Ehrenfriedhof für die Beerdigung des wertvollen Sarges findet, bleibt offen. Leichen werden in Berlin nicht subventioniert.

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