„Mit Musik darf man Geld verdienen.“ Das ist die Botschaft der diesjährigen Mitgliederversammlungs-Diskussion des Deutschen Musikrats. Noch deutlicher formulierte es einer der Diskussionsteilnehmer: „Mit Musik muss man Geld verdienen.“ „Kreativwirtschaft“ lautete das Schwerpunktthema, über das die Musikratsmitglieder nach zwei Eingangsstatements von Dagmar Wöhrl, MdB und Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Wirtschaft und Technologie, und Dieter Gorny, Vorsitzender des Bundesverbandes der Phonographischen Wirtschaft, rege diskutierten. Die Botschaft ist klar: Der kommerzielle Bereich der Musik robbt sich aus seiner Schmuddelecke in die Sphäre des Schönen und Guten. Endlich darf man laut sagen, dass Geld verdienen mit Musik keine Schande ist. Ganz im Gegenteil: Schwindel erregende Zahlen belegen inzwischen, dass Musik- und Kulturwirtschaft einen entscheidenden Wirtschaftsfaktor unseres Landes ausmachen. Nicht zu vergessen die vielen Arbeitsplätze, die die Kreativbranche bietet und immer neu schafft. Das macht alle glücklich, vor allem aber die Verlage, die Musikinstrumentenhersteller, die vielen kleinen und mittelgroßen Kulturunternehmen. Die Vertreter der Musikwirtschaft hatten in dieser Diskussion eindeutig Oberwasser. Dabei geht es – wie meistens, wenn zurzeit die „Kreativwirtschaft“ bemüht wird – munter hin und her zwischen den Begriffen „Kunst“, „Kultur“ und „Kreativität“. Dagmar Wöhrl bringt es auf den Punkt, wenn sie sagt: „Wir werden noch gewisse Schwierigkeiten mit den Begriffsbestimmungen haben.“ Wer sind eigentlich die Kreativen? Wo ist die Grenze dessen, was man noch als eigene Kreation, persönlichen Schöpfungsakt bezeichnen kann? Auch die Musikratsdiskussion lieferte hier keine eindeutige Definition.
Immerhin: Dieter Gorny, den man durchaus als Vertreter einer kommerziell ausgerichteten Branche bezeichnen darf, war fast der einzige, der auch eine Lanze brach für die Umfelder, die Kreativität erst möglich machen. „Das hat mit Wertigkeiten im Bereich der Bildung zu tun, die wir im Moment nicht haben.“ Ansonsten ging es im Wesentlichen um Geld, um angemessene Entlohnung der Kreativen, ums Bruttosozialprodukt.
Wenig von dem, was im Verlauf der Diskussion gesagt wurde, ist falsch. Zu kritisieren ist eher das, was ungesagt blieb. Die deutliche Frage des Moderators, ob denn die Musikratsmitglieder sich in solchen Definitionen zu Hause fühlten, verhallte im Raum. Dabei hatte Friedbert Pflüger in seiner Begrüßungsansprache eine Steilvorlage geliefert: „Der wirtschaftliche Faktor der Musik ist wichtig; aber er darf nicht der Mittelpunkt werden. Im Mittelpunkt steht die Kraft, die wir aus der Musik schöpfen.“ Wo waren die Vertreter der musikpädagogischen Verbände, der Kulturorchester, der Laienmusik, die die Vorlage aufgriffen und nutzten?
Wenn die Botschaft des Musikrats in der Stimme seiner Mitglieder in solcher Form nach außen geht, freuen sich alle diejenigen Politiker, die erst seit kurzem den Begriff der Kreativität und der Kunst für sich entdeckt haben. Sie nehmen sie erst in den Mund, seitdem sie erkannt zu haben glauben, dass sie dafür kein Geld mehr ausgeben müssen. Die „Kreativität“ vermarktet sich schließlich selbst. Aufgabe des Musikrats muss es aber auch sein, vom Freiraum zu sprechen, der die Entfaltung der Kunst erst möglich macht. Einer Kunst, die dann im nicht-kommerziellen Sinn die Gesellschaft bereichert.
Dieter Gorny spricht von der Freiheit des Kreativen, seine Idee zu vermarkten oder eben auch, dies nicht zu tun. Nicht genannt bleiben all diejenigen, die ihre kreativen Ideen gerne verbreitet sehen wollen, dafür aber eben nicht den breiten Markt finden, der sie ihnen angemessen finanziert. Vielleicht lag es an der Terminkollision der Generalversammlung mit dem zentralen Event der Neutöner in Donaueschingen, dass niemand für diese Kreativen ins Feld schritt. Werke eines Helmut Lachenmann, eines Manfred Trojahn oder eines Wolfgang Rihm jedenfalls hätten nie eine Chance gehabt, von uns gehört zu werden, wenn sie nur nach ihrem kommerziellen Erfolg bewertet worden wären.
Allen Mitgliedern des Musikrats wäre zu wünschen gewesen, dass sie am Abend nach anstrengender Versammlung Zeit und Gelegenheit gehabt hätten, die halbszenische Aufführung von Glucks „Orfeo“ im Konzerthaus am Gendarmenmarkt zu besuchen: zwei Stunden ergreifendes Musikerlebnis. In keiner dieser 120 Minuten war man geneigt, darüber nachzudenken, wie viel die Musiker verdienen, was das Bühnenbild gekostet hat oder ob der Verlag angemessene Materialkosten erhält. Allenfalls konnte zwischendurch Freude darüber aufkommen, dass öffentliche Förderung dieses wie unzählige andere Musikereignisse (noch) möglich macht. Dafür weiter in die Bresche zu springen, ist auch künftig die Aufgabe des Musikrats. Und wenn dann auch die Kohle stimmt, hat niemand etwas dagegen.