Eine Bonner Bürgerinitiative, der das Kulturleben in der einstigen Bundeshauptstadt am Herzen liegt, hat einen Vorschlag eingebracht, wie ihre finanziell angeblich immer schwerer atmende Stadt im Interesse der Kultur über die Runden kommen könnte: durch Verzicht auf einen eigenen Oberbürgermeister und dessen Entourage. Deren Funktionen könnten doch mühelos von den jeweiligen Amtskollegen im benachbarten Köln wahrgenommen werden.
Anlass zu diesen Überlegungen gab der Bonner „Obee“ selbst. Allerdings meinte er dabei nicht sich selbst, sondern das Bonner Theater, speziell die Oper, deren öffentliche Zuschüsse von 42 Millionen Euro im Jahr 2003 auf derzeit 28 Millionen Euro gekürzt worden sind – noch mehr sparen geht kaum. Der Bonner Oberbürgermeister, nennen wir ihn Jürgen Nimptsch, der der Sozialdemokratischen Partei Deutschland angehört, bezeichnete seinen Einfall, die Oper der Stadt Bonn zu schließen und an Köln abzutreten, als „charmante Idee“. So sind sie, unsere Oberhäuptlinge in allen Positionen. Sie reden Unfug und bezeichnen diesen dann als charmant. Nicht so ganz ernst gemeint. Oder doch? In Bonn wirkte des Oberbürgermeisters „charmante Idee“ wie eine „Bombe“. Selbst im Rat der Stadt, in dem Christdemokraten und Grüne die Mehrheit haben, erhob sich Widerspruch. Das übliche Ritual. Und der benachbarte Kölner Opernintendant sagte „Nein, danke!“, mein Haus ist schon voll. Kann Bonner Opernfreunde en masse nicht unterbringen.
Zum vertrauten Bild von unseren Musikbühnen und den Fragen nach deren Existenzberechtigung gehört auch das sogenannte „Gutachten“ (Schlechtachten) einer Unternehmensberatung, welches zur eigenen, und nur zur eigenen, Überraschung feststellt, dass die deutschen Opernhäuser ihre Kosten nicht einmal zur Hälfte mit Eigeneinnahmen decken. Das war schon seit der Erfindung der Gattung so. Damals bezahlten es die Fürsten mit den Abgaben ihrer nicht gewerkschaftlich organisierten Bauern und Kleinhandelstreibenden, später eine kulturbewusste Großbürgerschaft à la Hamburg. Heute reisen in den Opernhäusern flotte Jungexperten im modischen Dress an und wissen alles besser. Ob Opernhaus oder Senffabrik: Einnahmen minus Ausgaben ergibt Plus oder Minus. Ob Verdis „La Traviata“ oder Mostrich, alles dasselbe. Das Defizifitäre muss eliminiert werden.
Nun müssen wir unseren Lesern nicht erklären, warum ein Opernhaus kein Institut zur Gewinnmaximierung sein kann, auch nicht sein soll. Die Kunstform Oper, vor mehr als vierhundert Jahren von intelligenten Florentiner Musikfreunden und diesen nahestehenden Komponisten erfunden, diente zwar immer auch dem Amüsement, der zeitverkürzenden gesellschaftlichen Unterhaltung, aber mit der Raffinesse, wie sich diese Opern-Form in Folgezeit in alle ästhetischen und gesellschaftlichen Prozesse eingeschaltet hat, erhob sie sich gleichsam, wie von selbst, zu einem gewichtigen Bestandteil des geistigen Lebens überhaupt. Wer die Oper abschaffen will, kann nur Glaubhaftigkeit finden, wenn er gleichzeitig die Geisteswissenschaften abschafft, die Bestände der eigenen Museen verkauft, literarische Initiativen einstellt oder das Singen nicht mehr fördert. Von Barbaren würde man dann auch nichts anderes erwarten.
Zu den üblichen Klugscheißereien der Unternehmensberatungen gehört auch das Ausrechnen des sogenannten „Eigenwirtschaftlichkeitsgrades (EWG)“. Die Dresdner Semperoper wird gelobt, weil sie mit 43 Prozent EWG das bestgeführte deutsche Opernhaus ist (sein soll). Dazu sollte man sich den weitgehend abendländisch-mündelsicheren Spielplan ansehen und weiter bedenken, dass das Barockjuwel Dresden ohnehin Touristen in Scharen anlockt, die abends dann unbedingt in die Oper wollen, aber bitte nicht zur Uraufführung eines zeitgenössischen Komponisten.
Dass daneben die Theater der Stadt Heidelberg, das Volkstheater Rostock oder das Opernhaus Halle/Saale nicht mithalten können, ökonomisch gesehen, unterliegt keinem Zweifel. Nur: Gerade an ambitionierten kleineren und mittleren Operntheatern erlebt man häufig die spannenderen, wagemutigeren, nach vorn weisenden Musiktheater-Ereignisse als in Dresden oder Hamburg oder Wien oder München.
Toll: Fast zwei Milliarden Euro Subventionen flossen laut Unternehmensberatung (Name der Redaktion bekannt) in der Saison 2009/2010 in die deutschen Opernhäuser. Immerhin gibt es davon mehr als fünfzig mit Orchestern, Chören, Noch-Balletttruppen, qualifizier-ten Technikern und so weiter. Will man die alle auf die Straße setzen zur Freude des Arbeitsamtes und zum Kummer der vielen Opernfreunde in großen und kleinen Städten, denen das „Erlebnis Oper“ auch so etwas wie einen Lebenssinn verschafft?
Über den autonomen Anspruch der Kunstform Oper will man dabei gar nicht sprechen. Oberbürgermeister verstehen das ohnehin selten. Sie sollten sich aber insofern politisch geschickter verhalten, indem sie ihre von keiner Sachkenntnis getrübten Äußerungen nicht salopp als „charmante Ideen“ verkaufen.