Am Ostersamstag war im Bayerischen Rundfunk eine Sendung über das Kloster Schlägl und den dort als Stiftskapellmeister ansässigen Rupert Gottfried Frieberger zu hören. Ich war gerade in der Nähe von Passau und vermutete das Kloster aufgrund einiger Ortsangaben und dialektaler Eigenarten nicht weit von dort. Ein Blick auf die Karte bestätigte die Vermutung. Ein Ausflug bot sich an.
Das Stift Schlägl, die Mönche gehören zum eher seltenen Orden der Prämonstratenser, die den Augustinern nahe stehen, liegt im Dreieck zwischen Bayern, Böhmen und Österreich. Ganz im Zentrum Europas also, aber auch weit entfernt von jeglicher Betriebsamkeit. Der winzige, auf einer Kuppel liegende Ort Ulrichsberg ist ganz in der Nähe, der Insidern wegen seines avantgardistisch abseitigenen Jazzfestivals bekannt ist. Eine gute Gegend für die Musik?
Es scheint wirklich so etwas zu geben: eine Landschaft, in der Musik wohnt. Vor ein paar Jahren während der letzten großen Sonnenfinsternis in Mitteleuropa hat Stiftskapellmeister Frieberger ein musikalisches Ereignis parallel laufen lassen. Er komponierte dumpfe, magische Klänge für Trommeln, tiefe Bläser und Gesang, begleitete die Kurve der Verfinsterung bis zum erneuten Leuchten der Sonne: ein mystisches Ereignis, Ehrfurcht vor der Natur und der dahinter waltenden Macht bezeugend. Musik dieser Art erklingt immer wieder im Kloster Schlägl. Frieberger hat zum Beispiel ein Requiem komponiert, das einem unbekannten Aids-Toten gewidmet ist. Immer wieder besticht er durch seine Orgelimprovisationen, die eine eher aussterbende Linie der Musik fortschreiben. In der Silvesternacht setzt er in die Stille hineinimprovisierend und sie unterstreichend dem Denken Freiraum lassende Gegenzeichen zum lärmenden Trubel dieser Nacht.
Wenn man nach Schlägl kommt und in die Stiftskirche tritt oder im Klostergarten herumgeht, dann glaubt man die Seelenwelt solcher musikalischer Aktionen direkt zu spüren. Auf einmal ist Ruhe, Konzentration herrscht, ohne dass das Gefühl einer aufgezwungenen Haltung aufkommt. Musik klingt fort, auch wenn sie nicht mehr tönt. Ihr Wesen bleibt und prägt wie die Architektur den geistigen Raum. Man spürt, dass zum Beispiel ein Anton Bruckner aus solchen Quellen seine Kraft zog (auch ein Anton Webern, Giacinto Scelsi oder Morton Feldman und viele andere). Man erfährt Stille – und Stille ist mehr als das Fernbleiben von Lärm. Es ist die Gewissheit und das tiefe Vertrauen in das Tun, gepaart mit der Ruhe des Einverstanden-Seins. Musik wohnt ganz selbstverständlich an solchem Ort, kommt dort zu ihrem inneren Wesen. Schön, dass es solche noch gibt, dass unsere leere Betriebsamkeit sie noch nicht auszurotten vermochte.
Zum Gedenken an Herbert Riehl-Heyse