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Probleme mit der Bodenhaftung?

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Zu Claus-Steffen Mahnkopfs Artikel „Das abrupte Ende einer trügerischen Siesta“, nmz 11/01, S. 5
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Mit Erstaunen muss registriert werden, dass nicht nur in den Boulevard-Magazinen „Stern“ oder „Focus“ unreflektiert die Ereignisse vom 11. September 2001 in New York mit der Tötungsmaschinerie des 3. Reichs in Zusammenhang gebracht werden, sondern nun auch in der nmz von einem Komponisten, der von den Printmedien gerne gefragt werden wollte, was er zu dem Terroranschlag zu sagen hat. Es erübrigt sich, auf die Haltlosigkeit dieses Vergleichs näher einzugehen, doch sollte auf den Schaden hingewiesen werden, den Komponisten vom Schlage Mahnkopfs mit derartigen Äußerungen anrichten können; Mahnkopf hat es in seinem Artikel treffend formuliert: „Eine ganze Musikszene, deren Beitrag zur allgemeinen Kultur seit den 70er-Jahren stetig sinkt, wird in Verruf gebracht“. Damit waren jedoch Stockhausens Äußerungen zum 11. September 2001 gemeint, wider Willen hat sich Mahnkopf ebenfalls in Verruf gebracht.

Mit Erstaunen muss registriert werden, dass nicht nur in den Boulevard-Magazinen „Stern“ oder „Focus“ unreflektiert die Ereignisse vom 11. September 2001 in New York mit der Tötungsmaschinerie des 3. Reichs in Zusammenhang gebracht werden, sondern nun auch in der nmz von einem Komponisten, der von den Printmedien gerne gefragt werden wollte, was er zu dem Terroranschlag zu sagen hat. Es erübrigt sich, auf die Haltlosigkeit dieses Vergleichs näher einzugehen, doch sollte auf den Schaden hingewiesen werden, den Komponisten vom Schlage Mahnkopfs mit derartigen Äußerungen anrichten können; Mahnkopf hat es in seinem Artikel treffend formuliert: „Eine ganze Musikszene, deren Beitrag zur allgemeinen Kultur seit den 70er-Jahren stetig sinkt, wird in Verruf gebracht“. Damit waren jedoch Stockhausens Äußerungen zum 11. September 2001 gemeint, wider Willen hat sich Mahnkopf ebenfalls in Verruf gebracht.Mir drängt sich das Bild von Viktor Ullmann auf, der in Theresienstadt wirklich unsäglich gelitten haben muss, der wirklich an der absolut untersten Existenzgrenze künstlerisch tätig war und irgendwie auf die alltägliche Bedrohung reagieren musste, dem das Komponieren vielleicht überhaupt das Leben ermöglicht hat und der keine Möglichkeit hatte, sich politisch konkret zu äußern. Dieses Bild steht über Mahnkopfs selbstgefälligem und schlagzeilenhaften Aufruf zur Politisierung der Neuen Musik und verweigert sich in jeder Hinsicht dem von ihm gewünschten Zusammenhang mit dem Terroranschlag vom 11. September 2001.

Der Autor hat sich mit seinem hybriden Vergleich als Intellektueller disqualifiziert und man fragt sich, wen es eigentlich interessiert, was Mahnkopf noch so denkt. Die Klientel der Musiker, Musikpädagogen, Musikwissen-schaftler et cetera, die die nmz regelmäßig lesen und nunmehr in ihrer politischen Passivität durch einen solchen Artikel rehabilitiert werden? Mahnkopfs Ansinnen, die Ansichten der „Künstler“ in der Presse zu vertreten ist anmaßend und entmündigend zugleich, zumal er sich einklingt in die massive Kritiklosigkeit der Boulevardpresse gegenüber der israelischen Kolonialisierungspolitik „Scharon lernt...“ und die ewigen Lobpreisungen des „besonnenen Verhaltens“ der Amerikaner: „Nicht zuletzt lernt Amerika...“.

Und was lernt Claus-Steffen Mahnkopf? Er spürt, dass sich seine Musik „... jetzt erst recht ändern müsse“, dass „die Komponisten von unserer angemaßt privilegierten Position, immer anders zu denken, Abstand nehmen, um sich wieder der Realität anzunähern...“. Ganz abgesehen davon, dass Mahnkopf sich hier völlig unverständlich als Stellvertreter für die Ansichten der „Künstler“ darstellt, ist zu fragen, warum nicht bereits während des Golfkrieges oder der Angriffe Amerikas auf Libyen die Komponisten ihre „privilegierte“ Position hätten verlassen müssen? Weil, wie Mahnkopf schreibt, nunmehr „ökonomisch brisantere Zeiten“ vor uns liegen. Der Autor glaubt doch nicht im Ernst, dass es für jemand anderen außer dem afghanischen Volk, dessen ökonomische Situation wahrscheinlich schon immer brüchig war,  „ökonomisch brisant“ werden würde! Zieht man jedoch seinen Vergleich zum Nazireich in Betracht, so wird plötzlich klar, wo der Ursprung für Mahnkopfs eurozentrische Fantasien liegt. Wenn es sich hierbei um den „kulturellen Diskurs“ handelt, von dem laut Mahnkopf „das weitere politische Handeln“ abhängt, dann ist zu empfehlen, dass sich heraus- und zurückgehalten wird mit derartigen Meinungsäußerungen.

„Genmanipulation, Paranoia der Gegenwart, radikale Unsicherheit gegenüber der Zukunft“ sollen die Themen der Neuen Musik werden. Komponisten als Demonstranten gegen die Zivilisationsriten der westlichen Welt? Dann bitte aber auch als Verfechter der Völkerverständigung, als Historiker mit Spezialgebieten wie etwa der Geschichte der Säkularisierung im Christentum und deren Einfluss auf den Islam, als Philosophen und so weiter. Mahnkopf hat die Bodenhaftung verloren und hält dem mehrdimensionalen politischen und historischen Diskurs, der nach dem 11. September stattfindet, nicht stand.

Das verlangt auch niemand. Aber wenn man sich anbietet, eine dermaßen komplexe Aufgabe zu übernehmen, für die „Künstler“ zu sprechen, die Wissen, Integrität und Weitsicht verlangt, dann kann erwartet werden, dass man dieser Komplexität und Weitsicht auch gerecht wird.
Mahnkopfs zweifelhafter Mut, seine einfache und unbekümmerte Weltsicht zu publizieren, legt den Verdacht nahe, dass er sich im Schutze einer Fachzeitschrift in Sicherheit wähnt und Hinterfragung nicht zu fürchten hat. Um so bedenklicher wäre es, wenn eine seriöse Wochen- oder Tageszeitung seinem voreiligen Angebot nachgekommen wäre; sowohl für die Zeitung, als auch für Mahnkopf.

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