Nun kenne ich zwar kein niederdeutsches Libretto, das je für die Opernbühne vertont worden wäre – auch die auf Theodor Storms Novelle vom Schimmelreiter zurückgehende Partitur (1998) von Wilfried Hiller zählt nicht dazu. Ich freue mich aber immer, diesen vertrauten Dialekt zu hören oder wenigstens die für den Norden so typische breite Färbung des Hochdeutschen. Auch dort geht es wieder los! – es darf gespielt werden!

Reihe 9 im Rendsburger Stadttheater. Foto: mku
Reihe 9 (#54) – Nu geiht dat weer los!
Eine Erlösung für die Sängerinnen und Sänger, Musiker und Musikerinnen, aber auch für all jene, die sich nach Wochen und Monaten wieder von Kunst und Kultur begeistern und inspirieren lassen wollen. Landauf, landab war von den Institutionen zu hören, was alles eigentlich schon länger möglich gewesen wäre. Allein die Gesundheitsämter trauten den Theatern zu wenig zu. Und nun ist es offenbar das Publikum selbst, das sich (noch) nicht traut.
Überrascht war ich jedenfalls, dass im kleinen Rendsburger Stadttheater nach einem so langen Stillstand an einem Abend im Mai nur die Hälfte der möglichen 100 Plätze besetzt waren. Sind es für viele weiterhin Sorge und Unsicherheit, die sie kaum aus der guten Stube hervortreten lassen? Dabei waren Vorstellungen noch nie so sicher wie jetzt. Der Einlass erfolgte jedenfalls ausschliesslich mit namentlicher Platzreservierung, einem tagesaktuellen Schnelltest und dem ordentlichen Tragen eines „Schnutenpullis“ (eine wenigstens sympathische Bezeichnung für die Mund-Nasen-Bedeckung, die denn auch 2020 zum „Plattdeutschen Wort des Jahres“ gekürt wurde).
Große Dramen darf man freilich unter den gegebenen Umständen noch nicht erwarten. Und so findet sich allerorten auf den Spielplänen dieser Wochen eher klein Besetztes und Erbauliches. Das muss kein ästhetischer Makel sein, denn wie bei den Schwergewichten des Repertoires stellt sich eher die Frage, wie kreativ diese Stücke in einer Inszenierung durchleuchtet werden. Ich hätte nicht gedacht, jemals Mozarts Schauspieldirektor live zu erleben oder gar Die Matrone von Ephesus, eine musikalische Serenade von Charles Dibdin. Charles wer? Ja, so ging es auch mir … Was wie ein zufällig zusammengewürfelter Abend wirkt, ergibt sich aus der identischen Besetzung. Jedenfalls hat das Schleswig-Holsteinische Landestheater aus der Not eine Tugend gemacht: In der Inszenierung der frisch bestallten Operndirektorin Kornelia Repschläger wurde Mozarts Spiegel des Theaterlebens seiner Zeit kurzerhand (um)gedeutet in einen vergnüglichen postcoronalen Prolog zur Serenade. Schon die Eröffnung mit einem Zitat aus dem Fliegenden Holländer („sieben Jahr … voll Überdruss“) sorgte für zahlreiche Assoziationen und spannte dann auch einen Bogen bis zum Schluss. Die durchwegs sehr ansprechenden Leistungen des Ensembles konnten freilich nicht verbergen, warum sich Dibdin und seine Musik trotz ihres einstigen Erfolgs nicht halten konnten.
Ihr
Michael Kube
REIHE 9
Immer am 9. des Monats setzt sich Michael Kube für uns in die Reihe 9 – mit ernsten, nachdenklichen, manchmal aber auch vergnüglichen Kommentaren zu aktuellen Entwicklungen und dem alltäglichen Musikbetrieb. Die Folgen #1 bis #72 erschienen von 2017 bis 2022 in der Schweizer Musikzeitung (online). Für die nmz schreibt Michael Kube regelmäßig seit 2009.
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