Schon früher gab es den einen oder anderen Klangkörper, der abseits der eigenen Heimat eine neue Residenz bezog. Bekanntestes Beispiel dürfte dafür die Philharmonia Hungarica sein, die 1956 nach dem ungarischen Volksaufstand von geflohenen Musikern im Ruhrgebiet gegründet wurde und bis 2001 bestand (unvergessen die erste Gesamteinspielung der Haydn-Sinfonien unter Antal Doráti). Einen anderen Fall stellt das Georgische Kammerorchester Ingolstadt dar, das 1990 als Georgisches Staatskammerorchester von einer Tournee durch Westeuropa gar nicht erst zurückkehrte und heute eine wichtige Funktion in Oberbayern und darüber hinaus wahrnimmt.

Reihe 9 im Großen Saal der Berliner Philharmonie.
Reihe 9 (#70) – Orchester im Exil
Aktuell sind es Orchester aus der Ukraine, die mit ihren Gastspielen im Exil für die Kultur ihrer Heimat eintreten. Hier geht es um ein doppeltes Überleben: das wirtschaftliche des jeweils eigenen Ensembles, wie auch das der eigenen Kultur. Noch nie standen so viel ukrainische Komponisten auf dem Programm, noch nie konnte man im Konzertsaal so viel über eine geografisch nicht allzu weit entfernte und doch gänzlich ungehörte Musik lernen. So auch beim diesjährigen Musikfest Berlin und einem vergleichsweise kurzfristig angesetzten Gastspiel des Odessa Philharmonic Orchestra unter seinem Chefdirigenten Hobart Earle am 6. September. Was mich am meisten berührte: Im Konzert ging es wirklich um Musik (auch wenn die Kulturstaatsministerin und der ukrainische Botschafter im Publikum anwesend waren und die Nationalhymne gespielt wurde).
Auch dank der nur andeutenden, kurzen Reden war es möglich, diesen Abend als eine Entdeckungsreise wahrzunehmen: mit zwei kurzen Orchesterstücken von Myroslav Skoryk (1938–2020) und Mykola Lysenko (1842–1912), vor allem aber mit dem dritten Klavierkonzert (Ave Maria, 1968) von Alemdar Karamanov (1934–2007), einem Meister, der sich nicht vom sozialistischen Realismus vereinnahmen liess, sondern zurückgezogen unter anderem 24 Sinfonien komponierte (die Nr. 23 wurde 1995 in Berlin uraufgeführt). Sein meditativ in sich versunkenes Klavierkonzert forderte die Solistin Tamara Stefanovich anders als gewöhnlich mit unendlich anmutenden Bögen und einer seltsam entschleunigenden Un-Dramatik.
Dass nach der Pause die 2. Sinfonie (1901) von Jean Sibelius erklang, war ein programmatischer Glücksgriff, denn auch dieses Werk steht für das Ringen um die eigene Sprache und Kultur – wenn auch vor weit mehr als 100 Jahren. Echtes Mitgefühl und Interesse an der Kultur tragen mehr als demonstrative Gesten.
Ihr
Michael Kube
REIHE 9
Immer am 9. des Monats setzt sich Michael Kube für uns in die Reihe 9 – mit ernsten, nachdenklichen, manchmal aber auch vergnüglichen Kommentaren zu aktuellen Entwicklungen und dem alltäglichen Musikbetrieb. Die Folgen #1 bis #72 erschienen von 2017 bis 2022 in der Schweizer Musikzeitung (online). Für die nmz schreibt Michael Kube regelmäßig seit 2009.
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