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Tagebuch

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Unhöflichkeit
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„Bayreuth“ und „Salzburg“ sind gelaufen, die Berliner Festwochen – ein Themen-Festival, musikalisch unter dem Motto „Wien 1750–1950“ – geht, wenn diese Zeilen erscheinen, gerade zu Ende, die Donaueschinger Musiktage – ranghöchstes deutsches Avantgarde-Festival – treffen ihre letzten Vorbereitungen. Berlin und Donaueschingen, zweifellos, sind exklusiv, „einzigartig“ in ihrer Art. Der Verlust von Exklusivität wurde – am Beispiel Salzburg – kürzlich „zeit“gemäß-feuilletonistisch beklagt und heftig diskutiert. Ich erspare mir den Kommentar zu solchen Bauchschmerzen reisender Kritiker. Ein mehr im Verborgenen geäußerter Gedanke erscheint mir wichtiger: „Wo bleibt das Maßlose, das Unangepaßte, Schrille, Riskante, wo bleiben die Konfrontationen?“ Der Komponist Vinko Globokar stellte diese Frage 1996 in seinem „Geburtstagswunsch für Donaueschingen“ (wiederabgedruckt in Globokar: „Laboratorium, Texte zur Musik 1967–1997“, Pfau-Verlag Saarbrücken 1998), und sein Wünschen hatte einen anekdotisch umkleideten Kern: Etwas mehr Unhöflichkeit, bitte! Dies lesend durchfuhr es mich: Das ist’s! Die eingeklagte Exklusivität könnte neu gewonnen werden – durch Unhöflichkeit. Nicht einfach dieses, höre ich raunzen, wo doch alles erlaubt ist, niemand sich mehr aufregt, Festival-Hasardeure für ihre vorhersehbare Pleite nicht gescholten werden. Also klotzen, nicht kleckern: Wie kann man mit Erfolg „unhöflich“ sein? Ich schlage vor, einfach die Etiketten zu tauschen. Wie wäre es mit drei Tagen Berliner Festwochen in Donaueschingen und fünf Wochen Donaueschinger Musiktagen in Berlin? Die Programm-Profile könnten, müßten bleiben: Der ganze Spahlinger endlich einmal in der deutschen Hauptstadt, die ihn, als sie noch selige Insel war, immer so schlecht behandelt hat, her mit dem politischen Anarcho-Wolff, mit der musica povera, mit Installationen und Performances, Gerechtigkeit für Klaus Huber: Ecce homines!, und wen schreckt noch die dialektisch-kybernetisch verschlüsselte Sinnlichkeit eines Hanspeter Kyburz ... Hingegen ist die klassisch-romantische Musikkultur bis hin zu Schönberg und über ihn hinaus in drei Tagen feinsinnig-essentiell darzubieten. In Berlin aber wäre die moderne „Kulturmetropole“ nicht mehr Mythos, und die Politiker könnten ihre Damen ohne schlechtes Gewissen ins Musical geleiten. Das Wichtigste indes, die ästhetische Beglaubigung exklusiver Unhöflichkeit: Dieser Tausch, Parodie der allerfeinsten Art, wäre selber ein Kunstwerk, über Inhalte erhaben, zukunftsfreudig, mutig – denn das Medium ist ja die Botschaft. Meisterklasse Seltsame Nächte mit dem neuen Buch von Peter Gradenwitz (Paul Szolnay Verlag Wien 1998), der Lebensarbeit des israelischen Musikhistorikers: „Arnold Schönberg und seine Meisterschüler“. Es geht um die sogenannte „Berliner Meisterschule“ zwischen 1925 und 1933 an der Preußischen Akademie der Künste. Aber schon dieser Titel wie auch die Aufzeichnungen des akribischen Handwerkslehrers Schönberg stehen dem spezifischen Gehalt des Buches entgegen. Denn irgendwie Nächtliches, im Dunkel sich Verlierendes, schicksalhaft von dem gewaltsamen Abbruch der Lehrtätigkeit Schönbergs Berührtes eignet unter den 25 Biographien – von insgesamt mehr als tausend Namen derer, die von Schönberg Unterweisung erfahren haben – selbst den bekannten Persönlichkeiten, den mit Schönberg aus Wien nach Berlin gekommenen Josef Rufer, Winfried Zillig, Roberto Gerhard, den (primär) Dirigenten Walter Goehr und Erich Schmid, gar erst den beiden wohl kompositorisch Bedeutendsten: dem ungeachtet vieler Aktivitäten (in bescheidenem Umfang auch des Tagebuch-Schreibers) im Musikbetrieb nicht anwesenden Griechen Nikos Skalkottas und dem aus Siebenbürgen stammenden Norbert von Hannenheim, einem genialisch Eigenwilligen, psychisch Belasteten – beide starben übrigens als Mittvierziger. Das zerbrochene Jahrhundert blendet auf in der nahezu absurden Lebensgeschichte eines Hansjörg Dammert, Sohn eines bekennenden Nazi-Anhängers. Hansjörg, der Hanns Eisler verehrte und ihm politisch folgte, zum Widerstandskämpfer wurde, 1933 ins KZ kam, daraus fliehen konnte, in Spanien Kriegskorrespondent „auf der Seite der Regierung“ war, später als Mensch ohne Paß französische Gefängnisse kennenlernte, als Schriftsteller George Gordon aus dem politisch aktiven Leben hervorging, von Lion Feuchtwanger, Arnold Zweig sowie Klaus und Erika Mann unterstützt wurde, gleichwohl die Emigration nicht bewältigen konnte, in der Internationalen Brigade der Französischen Fremdenlegion Sklavenarbeit leistete und dabei schwer erkrankte, – dieser Dammert/Gordon verschwand schließlich aus dem Gesichtsfeld der ihm Wohlgesinnten. Wenn er nicht jener George Gordon ist, von dem sich zwei Briefe im Erwin-Piscator-Archiv der Berliner Akademie der Künste finden ließen, englisch geschrieben, mit deutschen Anschriften, aus denen die deutsche Sprache gelöscht ist. Es würde zu diesem Leben passen. Nur kurz war Marc Blitzstein in Berlin bei Schönberg, in Philadelphia geboren, Freund Bernsteins, bekannt geworden durch eine Oper mit „linksradikalem Text“, „The Cradle Will Rock“, uraufgeführt im Juni 1937 unter der Regie von Orson Welles. Ein Landsmann von Skalkottas, wenngleich in Leipzig geboren, war Charilaos Perpessa, der mit Schönberg in Verbindung blieb, obwohl er das Zwölftonsystem ablehnte; statt dessen schrieb er eine „Christus-Sinfonie“, für die er sich auf eine späte Schrift von Richard Wagner berief, liebte Anton Bruckner und verwirrte die Musikwelt mit kaum nachvollziehbaren „Beethoven-Bearbeitungen“. Ein deutscher Schönberg-Schüler, der Peter Gradenwitz persönlich nahestand, kann gleichwohl aus dem Halbschatten der NS-Förderung nicht gelöst werden. Vielleicht stimmt es, daß er „unbelastet“ war, aber in der NS-Zeit war nur die „innere Emigration“ ästhetisch vertretbar, nicht ein Leben mit „sensationellen Erfolgen“. „Innere Emigration“ Wotans Raben bringen zuweilen dubiose Kunde, und sie haben seltsame Identitäten. „Wotans Rabe“ ist ein schmaler Band von Ursula El-Akramy betitelt, der vor einem Jahr im Frankfurter Verlag Neue Kritik erschien: Thema ist die katholische Dichterin „halbjüdischer“ Herkunft, Elisabeth Langgässer, und deren Beziehung zu ihrer unehelichen jüdischen Tochter Cordelia, eine Trauer-Geschichte deutschen Wesens, die aus Cordelia Edvardsons eindringlichem Lebens-„Roman“ „Gebranntes Kind sucht das Feuer“ schon bekannt ist. Auf schwedisch hat sie jene unbegreifliche Szene im Hauptquartier der Gestapo geschildert, wo sie als Vierzehnjährige im Angesicht der Mutter ein „Dokument“ unterzeichnete, das sie auf den Weg nach Theresienstadt-Auschwitz brachte und die Mutter rettete, die sie mit ihren „schönen, braunen Augen“ ansah, „jetzt randvoll... von stummem, hilflosem Schmerz“. Ursula El-Akramy bevorzugt einen sachlichen, mitunter fast störend lakonischen Ton. Die Langgässer, von ihrem „arischen“ Freund und späteren Mann „Wotans Rabe“ genannt, hatte ab Mai 1936 Schreibverbot, wodurch sie nach dem Krieg zur Sprecherin der „Inneren Emigration“ wurde, in die sie sich keineswegs freiwillig begeben hatte. Der Begriff ist für die Literatur anders zu bewerten als für die Musik. Er gehört zu den Verdrängungs-Akten im Adenauer-Staat, er „verzerrt und entwertet“ die tatsächliche Emigration. Das Wort, „nach innen“ ausweichend, verliert seinen Adressaten, die Musik eines Karl Amadeus Hartmann konnte mit ihrem „Sprechen“ überdauern.

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