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Theo Geißler. Gemälde von Anneliese von Markreither. Foto: Theo Geißler

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Theos Kurz-Schluss – Wie ich einmal als Kapital-Ignorant lernte, wie nützlich die Aufhebung von Schuldenbremsen für Kredite fast aller Art sein können

Vorspann / Teaser

Dies Missgeschick wünsche ich Ihnen nicht: Ich besuche meine Sparkassenfiliale, um an meine letzten fünfzig Renten-Euro in diesem Monat dranzukommen. Brauche dringend ein paar neue Saiten für meine Bratsche. Sonst ist mein Minijob beim Kurorchester Bad Kyritz auch noch weg. Gehe zum Automaten, Karte, Pin, Slurp: Die Karte ist futsch. Das Menetekel auf dem Bildschirm: „Keine Auszahlung möglich. Ihre Karte wird einbehalten. Informieren Sie sich am Schalter.“ Ein mir selbst unerklärlicher innerer Widerstand hat es mir stets schier unmöglich gemacht, in direkte menschliche Kommunikation mit dem Kassenpersonal zu treten. Nun würde ich wohl nicht drum herumkommen. Schüchtern um mich blickend stelle ich mich ans Ende der längsten Schlange. Werde ich von den Kunden ringsum verächtlich angestarrt? Dann bin ich dran, schwitze und stottere, dass wohl aus Versehen meine Debit-Karte eben eingezogen worden sei.

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Ein freundlich lächelnder junger Anzug-und-Krawatten-Träger mustert mich. Auf dem kleinen Namensschild neben seinem Revers steht: Ernst Eilwanger, drunter: Ihr persönlicher Kundenberater. Herr Eilwanger bittet mich freundlich um einen Moment Geduld und tippt ein paarmal auf seiner Computertastatur herum. Eine warzenähnliche kleine Lichtquelle samt Linse leuchtet mich in Augenhöhe kurz an. Eilwangers Mine wechselt im Chamäleon-Tempo vom Strahlemann zum Sargträger. „Ach, Herr Theodor August Geißler, Brunnenstraße 23, das tut mir jetzt leid. Aber Ihr Konto ist um fast vierzig Euro überzogen. Amazon hat eine fällige Rechnung abgebucht, was wir versehentlich kulanterweise zuließen. Sie haben doch sicher Bargeld bei sich, um die überzogene Summe kompensieren zu können. Denn Ihr Kreditlimit beträgt, wie Ihnen mehrfach digital und postalisch mitgeteilt wurde, aufgrund ihres Alters und der (haha) Höhe Ihrer Rente: Null.“ Hitze schießt mir in den Kopf, den ich ratlos verneinend schüttle. Eine, wie ich rasch feststelle, ältere Dame hinter mir rammt ihre scheppernde Metallkassette in mein ohnedies lädiertes Kreuz und kreischt lautstark: „Machen Sie doch endlich Platz, Sie sind hier nicht beim Sozialamt.“ Das Gemurre in der gewachsenen Schlange hinter mir wird aus subjektiver Sicht bedrohlicher. Während ich Herrn Eilwanger noch „Sie hören von uns“ schreien höre, verlasse ich im Eilschritt die Geschäftsräume dieser unfreundlichen Filiale des Kapitals. Ratlos und erschöpft setze ich mich auf eine Bank – ausgerechnet in der Rudi-Dutschke-Straße, fast direkt vor der Zentrale des Springer-Verlages. Der Papierkorb neben mir quillt – wie in dieser Stadt üblich – völlig über. Relativ frisch obenauf sehe ich die Titelseite des rechtspublizistischen Kampfblattes „Welt“ und zupfe das Blatt aus dem Müll, weil mich die vorlugende Headline des Wirtschaftsteils verblüfft: „Vom Säugling bis zum Greis: Jeder Bundesbürger gibt dem Staat über zehntausend Euro frischen Kredit.“ Daran kann ich persönlich mich eigentlich nicht erinnern. Ich glätte Seiten, die noch nicht von Bier oder Ketchup durchtränkt sind. Da ist – im Unterschied zur mehrfach vorhandenen „Bild“-Zeitung die „Welt“ als großbürgerliches Organ insgesamt weniger betroffen. Und zitiere, weil es unter den Leserinnen und Lesern unseres Intelligenzblattes doch etliche geben mag, die besser informiert sind als ich, nur das mir Allerunverständlichste: „Bundes-Tag, -Rat, und auch -Präsident stimmen für mindestens eine Billion neue Kreditaufnahme. Deutschland will viele hundert Milliarden Euro zusätzlich in Landesverteidigung und in die Infrastruktur stecken. Das bedeuten offenbar beschlossene Grundgesetzänderungen konkret. Das Geld soll zusätzlich zu ohnehin geplanten Investitionen fließen. Um das sicherzustellen, wird vorausgesetzt, dass im normalen Bundeshaushalt künftig mindestens zehn Prozent des Gesamtetats für Investitionen eingeplant werden müssen. Orientiert am Haushalt 2024 wären das rund 47 Milliarden Euro. Für Ausgaben, die für die Verteidigung des Landes nötig sind, wird die Schuldenbremse praktisch ausgehebelt. Allerdings, so lese ich, gäbe es auch harte Kritik, nicht nur von der Opposition. Ökonomen warnen vor gravierenden Folgen auf den Finanzmärkten, sollte Deutschland fast eine Billion Euro neue Schulden machen. Außerdem röche das Ganze nach einer Gießkanne für Wahlversprechen.

Beim Durchblättern weiterer Zeitungsfragmente finde ich vage sinnvolle Verwendungshinweise für Klimaschutz, MINT-Bildungsmaßnahmen, (Kompis an jede Schule, Dachreparaturen, damit die Elektronik nicht feucht wird, auch für Unis und Krankenhäuser – trockene Patienten), Geld für neue Brücken, Schienen, Autobahnen. Leider kann ich keinerlei Hinweise auf Investitionen in unsere darbende Kultur ausbuddeln. Man hat den Eindruck, die in dieser Hinsicht seit Jahrzehnten mäßig gebildeten Volksvertreter wollen dieses Menschenbildungs- und Erbauungs-Feld am liebsten der künstlichen Intelligenz überlassen. Ist in Verbindung mit der Quantenforschung ökonomischer. Für den (Grenz-)Schutz samt Elektronik, Personal und Stacheldraht und einem Drohnenwall ist jede Menge Geld eingeplant. Nichts zu finden für die Integration von Flüchtlingen, ein sicher sinnvolles Milliardenprojekt, eine ganzheitliche Lehrerbildung oder die Förderung von Freiflächen für freiberufliche Künstler. Nun, mir fiele da noch viel Präzises, Sinnvolles ein, aber mich fragt ja keiner. Stattdessen frage ich mich, wozu eine „Mütterrente“ gut sein soll, die bei Einkommensschwachen gegen Sozialbezüge kleingerechnet wird. Söder sei Dank, er spart wohl wie immer an der linken Stelle. Weil ich nach wie vor informationshungrig bin und mich als großzügiger Kreditgeber unseres Staates breitbrüstig aufgestellt fühle, gehe ich aufrecht zu meiner Sparkassenfiliale, um zu klären, wie der Zinssatz für meinen Kredit aussieht. Im Kassenraum empfängt mich laute Musik, und bevor ich von einer älteren Dame mit Blechkassette in ein wildes Polka-Gehoppel gezwungen werde, nehme ich noch Herrn Eilwanger wahr, der mit ausgebreiteten Armen auf dem Tresen steht und mit strahlendem Tenor singt: „Verjuxt, verputzt, verspielt, vertan, wie’s nur ein deutscher Kanzler kann …“

Theo Geißler ist Herausgeber von Politik & Kultur