Also ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht. Aber als Agnostiker bin ich an Unsicherheit im Sinne von „Nichts ist, wie es ist, aber es ist“ eigentlich gewöhnt. Allerdings haben die politischen Entwicklungen der letzten Monate mein dank solider Bildung gefestigtes Weltbild kräftig erschüttert. Soll ich – wie „Focus“ es fundiert dokumentiert andeutet – glauben, dass Trump seit 1984 ein russischer Agent ist? Elon Musk ein Marsmensch? (Bunte). Jan Böhmermann ein Android? (Bild). Seit dem Platzen der Ampel, der Zerstörung zahlreicher Datenleitungen in der Ostsee durch Geisterschiffe und der lange verschwiegenen Erd-“Annäherung“ des Killerasteroiden „Final Countdown“ lese ich – natürlich nur beim Friseur – gelegentlich wieder Horoskope in seriöseren Zeitschriften wie dem „Stern“ oder „Frau im Spiegel“. Positive Vorhersagen studiere ich, negative lese ich gar nicht erst zu Ende. Meine Unsicherheit, ja, meine Existenzangst wuchs ausgerechnet nach der sogenannten Münchner Sicherheitskonferenz und dem Näherkommen des Bundes-Wahltages nahezu stündlich. Schlafstörungen, Schweißausbrüche, Hirnleere: Eine Art mentaler Zeitenwende, ein Doppelwumms, der mein selbstgewisses Persönlichkeitsfundament komplett in Schieflage brachte.
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Theo Geißler. Gemälde von Anneliese von Markreither. Foto: Theo Geißler
Theos Kurz-Schluss: Wie ich einmal meine ideologische Standfestigkeit verlor und daraufhin einen grauslichen Traum hatte
Am Vorabend der Kanzlerinnen-Schlacht entschloss ich mich in einem Anfall von abstrakt kulinarischer Völkerverständigungssehnsucht zu einem Abendessen in einem chinesischen Restaurant. Nach einem neungängigen „Traum des Vorsitzenden“-Menü und einem halben Liter gen-geschönten Rotweins à la Wolfgang Kubicki beglich ich die Rechnung und erhielt einen croissantgroßen „Glückskeks“. Erfahrungsgemäß aus ungenießbarem Teig gefertigt knackte ich das Monster auf der Stelle und fand eine visitenkartengroße Horoskop-Karte mit überraschend viel Text. „Armer deutscher Gast mit Vornamen Theo: Bist ein ignoranter Fratz. Informiere Dich bei guten Geistesgrößen über Deine elende Zukunft: Nostradamus, Baba Wanga und Petrosilius Zwackelmann oder dem Reserl von Konnersreuth. Du wirst keine Freude haben, aber vielleicht Anregungen für persönliche Konsequenzen.“
Ich brach spontan auf, rammte bei der Einfahrt in unsere Tiefgarage den Tesla meines Vermieters mit meinem alten Benz gründlich (davon stand nix in der Keks-Prophezeiung) und verzog mich in mein Souterrain-Logis. Ab ins Netz und erstmal Nostradamus gegoogelt (Focus): „Nostradamus war ein berühmter französischer Seher, der im 16. Jahrhundert lebte. Menschen, die sich mit Nostradamus’ Prophezeiungen beschäftigen, versuchen, bestimmte Aussagen auf das Jahr 2025 zu beziehen, basierend auf aktuellen globalen Ereignissen und Trends. Machte mehrere Vorhersagen über klimatische Veränderungen und Naturkatastrophen, die im Jahr 2025 eintreten werden. Einige seiner Prophezeiungen deuten auf ungewöhnliche Wetterphänomene hin, wie etwa extreme Stürme, Überschwemmungen und Dürren. Nostradamus hat zudem vor politischen Unruhen und Konflikten gewarnt. Seine Prophezeiungen könnten auf zunehmende Spannungen zwischen verschiedenen Ländern hinweisen, die möglicherweise sogar zu kriegerischen Auseinandersetzungen führen könnten.“
Naja. Ein bisschen viel Konjunktiv. Aber die Vorhersagen liegen ja auch schon etliche Jahrhunderte zurück. Da können Unschärfen auftreten. Also: Ab zu Baba Wanga, laut Scientific World: „Die Seherin Baba Wanga aus Bulgarien hat schon vor vielen Jahren prophezeit, welche Ereignisse im Jahr 2025 auf die Menschheit zukommen werden. Die wohl berühmteste Wahrsagerin der Welt lebte von 1911 bis 1996 und soll einige große Weltereignisse korrekt vorhergesagt haben, unter anderem den Zusammenbruch der Sowjetunion, den Tod von Joseph Stalin und die Anschläge vom 11. September. Die blinde Hellseherin hat für das kommende Jahr einen ›explodierenden Konflikt auf dem europäischen Festland‹ in petto. Und nicht nur das: Wie das offizielle britische Newsportal ›Far out‹ berichtet, kommt noch ein großer Krieg zwischen zwei Ländern, der Auswirkungen auf die ganze Welt hat.“ Na prima. Da cancle ich mal Petrosilius und Reserl und checke die Perspektiven des amerikanischen und des russischen Geheimdienstes frisch aus dem Darknet: „Der Dollar verliert seine Rolle als Leitwährung, der Staat an politischer und wirtschaftlicher Macht – die US-Geheimdienste sehen für die Weltmacht USA eine so düstere Zukunft wie nie zuvor.“ Fazit ihrer neuen Studie: Die nach dem Zweiten Weltkrieg entstandene Weltordnung wird 2025 nicht mehr existieren. „Niemals zuvor hat der nur alle fünf Jahre veröffentlichte geheime Bericht, der auf der weltweiten Befragung von Experten und Vorhersagen von Geheimdienst-Analysten beruht, eine solch pessimistische Perspektive für die Stellung der USA gegeben“ – jault Elon Musk und forciert seinen Aufbruch zum Mars. Klingt ja ganz gut. Und die Russen: Russlands Potenzial dagegen sei höchstwertig einzuschätzen. Durch die Einnahme der Ukraine und globale Erwärmung würde der Zugang zu Ölfeldern im Norden erleichtert, was die Wirtschaft weiter stärken werde im Verbund mit den USA.
Um mich zu beruhigen, fülle ich mir ein Pfeifchen (ist ja grade noch legal), hau mich auf meine Iso-Decke und hoffe auf süße Träume … In der Ukraine wächst eine riesige Pilzsorte, amerikanische, französische und russische Sporen paaren sich, östliche Winde treiben die Pilzköpfe nach Westen und sorgen durch drastische Verminderung der Konsumenten für ein erstes Ende der Lebensmittel-Knappheit. Im Rahmen der kompletten Austrocknung Nordafrikas bauen Rote Feuerameisen, von der Hamas aus Thailand importiert, mit Milliarden Exemplaren eine begehbare Brücke über die Meerenge von Gibraltar. Millionen vom Verdursten gefährdete Afrikaner aller Nationen streben nach Europa. Donald Trump lässt vertrocknete Reste seines Samens mit einer Silvesterrakete zum Mars fliegen. Von hinten stößt mich eine seltsam bekannte blonde Frau in ein riesiges blaues Loch. Ich lande auf einer der russisch-ukrainischen Pilzwolken, stürze, fange an zu köcheln und sehe grade noch, wie das Berliner Regierungsviertel samt Reichstag, Goldelse und Brandenburger Tor auf Mallorca landet. Auf der Quadriga schwenkt ein kahlköpfiger Mann – ja, es ist Olaf Scholz, die deutsche Fahne. Ich erwache neben einem Trump-ähnlichen Korpus offenbar in der Charité. Habe Verbrennungen dritten Grades. Angeblich ist meine Pfeife in meinen Restspiritus gefallen … Wer’s glaubt …
Theo Geißler ist Herausgeber von Politik & Kultur
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