Der von der Stadt Essen und dem Aufsichtsrat der dortigen Theater und Philharmonie Essen (TuP) fristlos entlassene Philharmonie-Intendant Professor Michael Kaufmann hat sich am 30. Dezember 2008 in einem Rundschreiben für die tatkräftige Unterstützung vieler Medienvertreter und auch Privatpersonen bedankt, die seine Behandlung durch die Stadt Essen und den Aufsichtsrat scharf verurteilt hatten.
Wir können und wollen hier nicht noch einmal alle Details aufzählen, die zu der fristlosen Entlassung Kaufmanns geführt haben. Das ist um so unnötiger, als die erhobenen Vorwürfe gegen Kaufmann wegen Etatüberschreitung inzwischen gerichtlich als unrichtig festgestellt wurden. Im Gegenteil hat sich herausgestellt, dass die durch Kaufmann akquirierten Drittmittel von Sponsoren, Stiftungen und Spendern die diesem zugeschriebene Ausweitung des künstlerischen Etats einschließlich der Werbekosten sogar überkompensiert haben.
Der Vorgang ist, über die einzelnen Details hinaus, symptomatisch für das kulturpolitische Verständnis so genannter demokratisch gewählter Honoratioren. Nach dem Motto „Die Verleumdung ist ein Lüftchen“ (Basilio in Rossinis „Barbier von Sevilla“) wird zunächst einmal etwas behauptet, was nicht stimmt, nach dem Prinzip: etwas wird schon hängen bleiben.
Dann zieht man, wie ein feiger Hund, den Schwanz ein, und will es meistens nicht gewesen sein. Zurück bleibt ein entlassener Intendant, dessen jahrelange erfolgreiche künstlerische Aufbauarbeit zu Makulatur erklärt wird, und ein Aufsichtsrat, dessen leichtfertige Handlungsweise ihm jede Legitimation entzieht. Natürlich braucht niemand zu erwarten, dass der Aufsichtsratvorsitzende der TuP, ein gewisser Essener Bürger Berger Bergmann, ein mea culpa ruft. Überhaupt erweckt das ganze Quid pro quo des Vorgangs Philharmonie den Eindruck einer feydeauschen Kleinbürgerposse mit einem indifferenten Oberbürgermeister an der Spitze. Wie man in Essen nach diesem Debakel noch stolz auf die „Kulturhauptstadt“ sein kann, bleibt selbst Sympathisanten des Ruhrgebiets und dessen liebenswerten Menschen ein Rätsel.
Ein Rätsel bietet auch der Nachfolger Kaufmanns. Noch bevor das Verfahren Kaufmann beendet war, ließ sich ein gewisser Johannes Bultmann zum Philharmonie-Intendanten küren. Die Ankündigung, dass Bultmann „langjähriger künstlerischer Direktor des Festspielhauses Baden-Baden“ gewesen sein soll, musste umgehend vom Baden-Badener Festspielhaus korrigiert werden: Bultmann war dort „Direktor des künstlerischen Bereichs“, zuständig für Produktionsabläufe und Controlling. Konzeptionelle Ideen sind von einem puren Macher selten zu erwarten. Aber sicher wollten es die Zuständigen der Stadt Essen so: nur kein künstlerisches Niveau, dafür große Breitenwirkung. Die Ankündigungen für die Kulturhauptstadt-Saison lesen sich vielversprechend deprimierend: das nächste Dschungelcamp findet in Essen statt. Masse statt Klasse. Herr Bultmann kann einem leid tun. Ein Opportunist, der nur einen neuen Job haben wollte. Irgendwie ist alles zum Kotzen.