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Donaueschingen gefährdet! Neue Oper boomt! Uraufführung mangels Proben abgesagt! „musica viva“ wieder-belebt! Neues Festspielhaus vor dem Konkurs?! Donaueschingen auch beim Nicht-Fachpublikum ein Renner! Auch jenseits solcher Schlagzeilen findet Musik statt. Musik, die in ihrer ästhetischen Tragweite mindestens ebensoviel zu bieten hat wie das neueste Orchesterstück von Silvia Fomina oder die neueste Oper von Matthias Pintscher. Musik jenseits der großen Institutionen, der großen Aufführungsapparate und damit in weit geringerem Maße tangiert von den immer heftiger werdenden Verteilungskämpfen auf bedrängtem kulturellen Sektor. Daß auch mit geringem Aufwand an Mitteln interessante Kunst entstehen kann, gerät wie es scheint, nur allzu gerne in Vergessenheit: Fast kein Dreißigjähriger unter den Komponisten, der nicht bereits auch die großen und größten Apparate für seine Musik beansprucht, wenn auch meist vergeblich. Wieviele geben „verzweifelt“ ihren Beruf auf, weil sie von Redakteuren und Maestros ach so schnöde übergangen werden und wieviele tragen „verkannt“ ihr Märtyrertum ein Leben lang vor sich her...Sicherlich: Die Apparate sind da und sie sollen gefordert, genutzt werden. Doch eine der ungeschriebenen Regeln im Opern- und Orchesterbusiness lautet: Aufführungsmöglichkeiten für Neue Musik sind rar und qualitativ oftmals beschränkt: Einerseits wird zu viel (Unbedeutendes) komponiert, andererseits wird zu wenig Neues gespielt. Ohne Zweifel gibt es musikalische Vorstellungen, die sich nur mit Hilfe solcher Apparate umsetzen lassen. Doch wie oft scheinen sich Werke dieser Genres mehr einem äußeren Auftrag zu verdanken als innerem Antrieb. Auf dieses Phänomen stößt man dann vorwiegend bei den bereits zu einiger Berühmtheit Gelangten: Bedarf es wirklich der öffentlichen Förderung dreier neuer Sinfonien von Krzysztof Penderecki, des dreißigsten Fünfminuten-Clusterstücks von Iannis Xenakis oder des neuesten Orchesterschmachtfetzens von Gija Kancheli? Ebenso fragwürdig scheint es jedoch, wenn selbst Jungkomponisten ohne geringste Affinität zum Theater dazu eingeladen werden, eine Oper zu schreiben, weil Festivalmacher A den Kompositionslehrer B kennt, der wiederum einen Schüler C hat, der doch mal einen Auftrag (ob Oper, ob Klaviersolo, was tut’s?) benötigen könnte etcetera.
Daß es auch ohne hochdotierte Kompositionsaufträge, ohne den Bedarf an Hundertschaften von Musikern und Technikern – wenn auch nicht ganz ohne öffentliche Förderung – geht, zeigen die beherzten, immer überzeugenden Aktivitäten von solch nahezu autonomen Grenzgängern wie Zoro Babel, Stefan Froleyks, Wolfgang Heisig, Michael Hirsch, Robyn Schulkowsky, Manos Tsangaris, die in Personalunion komponieren, improvisieren, interpretieren, manchesmal die eigenen Instrumente bauen oder sogar für das technische Umfeld bis hin zur Beleuchtung sorgen. Ein weiterer Weg, der offenbar Erfolge zeitigt, besteht in der Selbstorganisation von Komponisten und Musikern im Kollektiv, wie sie zum Beispiel der Thürmchen- oder der Wandelweiser-Verlag mit eigenen kleinen Ensembles und Schallplatten-Reihen praktiziert. Mithin ein mühsames Unterfangen, doch allemal erfolgreicher, als immer nur auf die Erlösung durch die Dinosaurier und letzten Einhörner des Musikbetriebs zu spekulieren.