„Es ist soweit, die Festspiele haben begonnen und mit ihnen das Defilee der Prominenz, die Debatten über die Kunst, Musik und Inszenierungen und den sommerlichen Temperaturen.“ [sic]
Wenn einen sieben Tage nach der Eröffnung der seit dem 22. Mai 1813 von mindestens einem Wagnerianer fieberhaft herbei gesehnten Jubiläumssaison der Bayreuther Festspiele die aktuelle Ausgabe von deren Newsletter mit diesem Eingangssatz erreicht, kennt die freudige Erregung kaum noch Grenzen. Was wird uns die in ihrer quirligen Professionalität dem altehrwürdigen Hort wahrer Wagner-Weihe um Lichtjahre vorauseilende Marketingabteilung wohl mitzuteilen haben? Vielleicht eine würzige Zusammenstellung der schönsten Castorf-Verwünschungen aus dem Publikum? Oder ein Update vom Prozess um den in künstlerischer Absicht schräg nach oben gestreckten Arm eines künftig in Bayreuth Regie Führenden? Weit gefehlt – ganz den pädagogischen Maximen des 3. Jahrtausends verpflichtet, beinahe zärtlich, holt uns die Geschäftführung dort ab, wo wir stehen, äh sitzen:
„Die Firma XY, Hersteller von medizinischen Hilfsmitteln, engagiert sich als Partner des Wagnerjahres 2013. Vor allem bei den Werken von Wagner, die teilweise fünf Stunden und länger dauern, können Kompressionsstrümpfe nicht nur für die Darsteller, sondern auch für die Zuschauer wohltuend sein. Denn: Langes Sitzen hemmt die Venenfunktion, das Blut versackt in den Beinen und diese können anschwellen. Entspannter Operngenuss mit Kompressionsstrümpfen von XY: Ganz gleich ob mit oder ohne Indikation, für sie oder ihn, für sämtliche Bedürfnisse und Wünsche gibt es den geeigneten Kompressionsstrumpf ‚made in Germany‘ (…). Dabei sind alle Modelle mit der XY compression technology ausgestattet.
Sie bewirkt den exakt definierten Druckverlauf, der vom Knöchel nach oben hin abnimmt. Die Venenfunktion wird dabei sanft unterstützt, das Blut effektiv zum Herzen zurückgeführt. Selbst nach einer langen Inszenierung fühlen sich die Beine leichter und entspannter an – auch in Pumps und Lackschuhen. Die reiche Auswahl an trendigen Farben und Mustern sowie stilvollen Applikationen aus (…) komplettieren jedes Abendkleid und verhelfen der Trägerin zum glanzvollen Auftritt. Für den Mann von Welt gibt es verschiedene Strümpfe in dezenten Tönen, glatt oder gerippt.“
Seit der Premiere der Neuinszenierung von Wagners „Ring“ in der Inszenierung Frank Castorfs wissen wir nun, dass der Druckverlauf eines durchschnittlichen Wagnerianers zum „Siegfried“ hin stetig zunimmt. Die Erregungsfunktion wird dabei durch den Einsatz von Kalaschnikow-Salven, Blowjob-Live-Videos und ferngesteuerten Krokodilen sanft unterstützt, das Blut effektiv zum Kopfe geführt.
Die reiche Auswahl an trendigen Bühnenbildern sowie stilvollen Provokationen komplettieren jede Abendunterhaltung und verhelfen schließlich dem Inszenator zum glanzvollen Auftritt. Vor allem bei Buhstürmen, die teilweise zehn Minuten und länger dauern, können Übersprungshandlungen nicht nur für die Darsteller und Zuschauer, sondern auch für den Regisseur wohltuend sein. Denn: Langes Stehen hemmt die Venenfunktion, das Blut versackt in den Fingern und diese können anschwellen. Deren unkontrollierte Bewegungen zum Kopfe hin könnten allerdings vom Publikum als Beleidigung empfunden werden.
In Abwandlung des dankenswerterweise am Ende des denkwürdigen Newsletters zur Kenntnis gebrachten „Bonmots“ einer Bayreuther Türsteherin, sei Frank Castorf deshalb empfohlen: „Kein Problem, wenn man als Letzter seinen Platz in der Mitte einer voll besetzten Bühne verlassen will. Immer schön lächeln, Danke sagen und nie den Buhrufern den Rücken zukehren!“