Musik hört man sich im Idealfall gerne an. Und wenn einen ein Schubertlied so rührt, dass man sich ein Tränchen nicht verkneifen kann, dann darf man durchaus auch die „Repeat“-Taste drücken, das ist (noch) nicht verwerflich.
Das Gegenteil davon ist Musik, die einen nervt und langweilt – und die man sich demzufolge auch nicht freiwillig anhört.
Klingt im Grunde einfach – wie so oft ist es aber in der Neuen Musik komplizierter. Da gibt es zwar Stücke, die so öd und sinnlos vor sich hinschmurgeln, dass noch nicht mal ihre eifrigsten Verfechter sie freiwillig in ihren CD-Spieler legen würden, außer natürlich sie müssen irgendeinen genauso öden Murks darüber schreiben. Das Fehlen von simpler Lusterzeugung beim Hörer wird aber nicht etwa als ein Manko dieser Musik erkannt, sondern zur Qualität umgedeutet, und das mit Hilfe eines einzigen Wörtchens: „interessant“.
Wie oft hört man dieses nach den unsäglichsten Aufführungen, wenn man gerade die letzten 50 Minuten damit zugebracht hat, sein Gewicht von der einen auf die andere Pobacke zu verlagern, während vorne ein paar ernst dreinblickende Ausführende in schwarzen Hemden die gerade angesagte Klang-hinterfragungsmucke zelebrierten. Diesem Unmut gibt man aber nicht etwa in irgendeiner Form Ausdruck (was ja eigentlich die körperlich gesündere Reaktion wäre), nein, man schlendert in der sehnsüchtig erwarteten Pause zum nächsten bekannten Konzertbesucher. Und da man sich nicht als Banause outen will, fragt man diesen: „Und, wie fandst’n du das?“ Und das Gegenüber, ebenso ängstlich um seinen gepflegten Ruf als unglaublich moderner und aufgeschlossener Mensch besorgt, antwortet dann „Also ich fand das wahnsinnig … interessant“. Diese verlogene Unterhaltung endet dann zumeist mit einem wissenden Nicken der beiden Gesprächspartner. In Wirklichkeit fanden es aber beide schrecklich. Kein Wunder, dass man auf den Neue-Musik-Konzerten oft so käsbleiche Typen trifft – so viel Unterdrückung von Wahrheit tut ja auf Dauer auch nicht gut.
Gäbe es nicht ab und zu auch mal etwas Gescheites zu hören, wäre man schon längst verzweifelt. Man staunt aber darüber, wie viel Musik als „interessant“ deklariert wird, die einem noch nicht einmal ein sadistischer Wärter in Guantanamo auflegen würde.
Und damit meine ich jetzt nicht etwa schrille Klänge und gewagte Dissonanzen (echte Dissonanz beim Fehlen jeglicher Konsonanz, die als Kontrast dienen könnte, ist ja sehr schwierig hinzubekommen, wenn es gelingt: Hut ab!), nein, ich meine Stücke, die so autistisch und subventioniert selbstzufrieden rummurkeln, dass sie einfach nur noch unerträglich … interessant sind.
Rein privat hält keiner soviel Quälerei aus. Daher legt man in stiller Stunde nicht die neueste Scheibe des hochdekorierten Komponisten XY auf, sondern vielleicht etwas Poppiges aus den 70ern, als man noch jung und die Popmusik noch nicht ganz so schlimm war wie heute. Rein an gemessener Zeit hören also selbst die größten Chefideologen heimlich öfter Bob Dylan und die Beatles als den letzten Donaueschingen-Sampler, und man kann es ihnen nicht verdenken.
Eigentlich ein Wahnsinn angesichts der Tatsache, dass man ja die Musik der Zukunft kreieren will. Umso schlimmer, dass noch nicht mal die Komponisten selber ihre eigenen Werke gerne anhören und heimlich andere Musik goutieren, zum Beispiel in ihrem Lieblingsfilm (nicht etwa ein Experimentalfilm aus den 50er-Jahren, sondern natürlich„Titanic“). Dort regiert nämlich die kitschig-bombastische Filmmusik von James Horner, die zwar Geschmackssache ist, aber wenigstens eines nicht: „interessant“.
Denn ganz so schlecht ist sie dann auch wieder nicht.