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Wer andere Künstler imitiert, beleidigt sie

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Argwöhnische Blicke richten sich auf das New Yorker Lincoln Center. Je länger dort der Fürst des Neotraditionalismus sein Zepter schwingt, desto profunder vergreist die amerikanische Musik. Und kaum einer merkt es, denn die Fassade der Fossilisation schillert. Systematisch adaptieren Wynton Marsalis und sein umtriebiger Adlatus Stanley Crouch die Kulturgeschichte des frühen 20. Jahrhunderts von Igor Strawinsky bis Jelly Roll Morton, verwursten sie zu Ballett- und Kammermusik, zu Hommagen und Konzeptalben. Der Blick zurück gilt als Schritt nach vorne. Masse statt Klasse, Virtuosität statt Ausdruck, Hörgewißheit statt Überraschung – die Paradigmen der Bürgerlichkeit funktionieren auf dem Sprung zum ungewissen neuen Jahrtausend besser denn je. Der ehrenwerte Klangarchäologe auf dem Lincoln-Thron wird zum Verwalter von Kulturleistungen und der Kleingeist im Saal applaudiert devot dem schönen Schein. Das neueste Geniestück in Marsalis‘ Welt der retrospektiven Sinnstiftungsangebote heißt „Swinging Into The 21st". Acht CDs erscheinen in schneller Folge bis zum Jahresende und präsentieren den Trompeter, Komponisten und Kulturfunktionär als omnipotenten Tausendsassa der vermeintlichen Grenzüberschreitungen. Da wird eifrig in klassische Lager geschielt und mit „A Fiddler’s Tale" oder den Ballettsuiten „Sweet Release/Ghost Story" gecrossovert. Der Pianoschrat Thelonious Monk muß es über sich ergehen lassen, zum Teil der „Standard Times" erklärt zu werden, und verschiedene Neuauflagen der beliebten klingenden Geschichtsausflüge führen die Hörer wie in „Big Train" oder der noch nicht erschienenen „Marciac Suite" zurück auf die Baumwollfelder, nostalgisch korrigiert und natürlich trefflich interpretiert. Alles brilliert, doch es hilft nichts. Dieser Jazz ist faltig, zahnlos, grau. Eine Chimäre dessen, was Improvisation und Freiheit auszudrücken vermögen. Er verteilt sogar Rabattmarken, die treue Enzyklopädisten nach sieben erworbenen Tonträgern mit dem achten als Gratisexemplar belohnen. Der Ausverkauf der Eigenheit hat einen Namen.

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