Szene-Protokoll:
Mittwoch, 3. April 2002, 17.00 Uhr: Eröffnungsveranstaltung der Bundesschulmusikwoche 2002 in Halle; die Händel-Halle voll besetzt mit Musiklehrer/-innen aus ganz Deutschland, anwesend als Gäste auch hochrangige kulturpolitische Vertreter von Bund, Land und Stadt. Auf der Bühne das Schulorchester der Latina, dem die musikalische Umrahmung anvertraut ist.
- Wir protestieren gegen die erfolgte Stundenkürzung am Instrumentalzweig der Latina August Hermann Francke.
- Die seitens des Kultusministers, Herrn Gerd Harms, gegebene Zusicherung vom 1. Oktober 2001, sich der Sache bis zum 31. Dezember2001 wohlwollend anzunehmen, ist bis dato nicht eingelöst.
Die Instrumentalklassen des Musikzweiges der Latina August Hermann Francke in Halle an der Saale sind aus der ehemaligen Spezialschule für Musik der Hochschule „Felix Mendelssohn-Bartholdy“ Leipzig hervorgegangen.
Diese Spezialschule wurde 1965 zusammen mit drei gleichartigen Schulen in Berlin, Dresden und Weimar gegründet, um musikalische Begabungen optimal zu fördern. Derzeit bildet die Instrumentalausbildung zusammen mit dem Stadtsingechor den Musikzweig an der Latina August Hermann Francke, einem Gymnasium in Landesträgerschaft.
Die Inszenierung der Schüler hatte offensichtlich zum Ziel, über Begabtenförderung, wie sie in vergleichbarer Form nicht nur in Halle, sondern auch in Berlin, Dresden und Weimar angeboten wird, wieder neu ins Gespräch zu kommen. Zum Verständnis sei erwähnt, dass Sachsen-Anhalt keine Musikhochschule unterhält, also andere, meist an solche Hochschulen angebundene Begabtenförderungen hier keine der üblichen Alternativen darstellen.
Nach persönlichen Rückfragen und Gesprächen basiert die Effizienz der gegenwärtigen Ausbildung wohl auf einer Reihe von organisatorischen, personellen und räumlichen Voraussetzungen, die sich bisher erfreulicherweise an internationalen Standards orientieren konnten:
- Ein differenzierter Eignungstest ermöglicht eine genaue Einschätzung des individuellen Leistungsprofils und somit die Zusammensetzung relativ homogener Lerngruppen.
- Die Stundentafel für Musik ist in die Stundentafel der anderen Fächer integriert.
- Der Musikunterricht gliedert sich in Teilfächer (Instrumentales Hauptfach, Nebenfach Klavier, Korrepetition, Chor, Orchester, Ensemblespiel, Musiktheorie, Gehörbildung, Musikkunde...) und wird von darin spezialisierten Kolleg/-innen erteilt.
- Das neue Musikhaus in den Franckeschen Stiftungen bietet eine ausreichende Zahl von Unterrichts-, Proben- und Überäumen.
- Internatsplätze ermöglichen auch auswärtigen Schülern die musikalische Ausbildung.
In summa: Optimale Voraussetzungen, um junge Talente der Musik zu fordern und zu fördern. Wer kann ernsthaft Kürzungen erwägen oder Hand anlegen wollen an ein solch institutionalisiertes Musik-Juwel, ohne sich (Musik-)kulturellen Kahlschlages schuldig zu machen?
Doch die Sparäxte unserer Finanzminister und in Folge die Rotstifte unserer Kulturminister scheinen heute vor nichts, aber auch gar nichts mehr zurückzuschrecken!
Vielmehr sollte das Bewusstsein vorherrschen, alles dafür zu tun, um die Erfolge der hallensischen Schule fortzusetzen, ja sogar auszubauen, indem die bestehende Anbindung der vergleichbaren Schulen in Berlin, Dresden und Weimar an die jeweiligen Musikhochschulen vor Ort auch in Sachsen-Anhalt umgesetzt wird. Über länderübergreifende Kooperationsformen mit der Leipziger Hochschule für Musik sollte dringend nachgedacht werden. Und wenn man Finanzierungsmodelle überlegt, könnte durchaus auch eine finanzielle Beteiligung von wohlsituierteren Eltern an dieser speziellen Ausbildung in Erwägung gezogen werden. Damit würde zugleich dem Wunsch des ebenfalls zur Eröffnung anwesenden Kultusministers Gerd Harms nach verstärkter Zusammenarbeit von Schule und Elternhaus entsprochen.
Aus der Distanz und angesichts von sicher landesweit drückenden Problemen nicht nur in der Bildungslandschaft Sachsen-Anhalts mag das derzeitige Strukturproblem an der Latina dem Außenbeobachter marginal erscheinen. Erkennt man jedoch in der musikpädagogischen Konzeption dieser Schule ein Modell für effiziente Begabtenförderung mit all ihren persönlichkeitsprägenden Implikationen und gewährleistet folgerichtig deren Weiterführung, dann eröffnen sich Möglichkeiten, landeseigene musikalische Bildungspotenziale auch in anderen Ausbildungssegmenten und Tätigkeitsbereichen weiter zu entwickeln.
Es liegt an den politisch Verantwortlichen, die Weichen für die Zukunft der Begabtenförderung im Land Sachsen-Anhalt zu stellen. Der Elternwille scheint erkundet, die dortigen (Musik-)Pädagog/-innen haben sicher ihre Hausaufgaben gemacht, kooperative und erfolgversprechende Ideen sind auf dem Tisch. Bleibt der hoffnungsvolle Appell ganz im Stile einer amerikanischen Fernsehserie: „Herr Minister – übernehmen Sie!“