Anlässlich des 70. Geburtstages von Helmut Lachenmann (geb. 27.11.1935) gab es diesen Sommer zahlreiche Aufführungen seiner Musik, unter anderem in Schwaz, Frankfurt, Darmstadt und Luzern. Der einstige Luigi Nono-Schüler zählt zu den wegweisenden Komponisten der Avantgarde und war diesen Sommer Composer-in-Residence beim Lucerne Festival. Unter der Moderation des Musikwissenschaftlers Ulrich Mosch, der an der Paul-Sacher-Stiftung Basel die Sammlungen Lachenmann und Rihm betreut, traf er sich im Kleinen Saal des Kultur- und Kongresszentrums Luzern (KKL) mit dem Komponistenkollegen Wolfgang Rihm und dem Psychotherapeuten Udo Rauchfleisch zu einer Diskussionsrunde. Das Thema: „Das Neue hören“. Im nmz-„Wortlaut“ zwei kurze, aber bemerkenswerte Ausschnitte aus diesem eineinhalbstündigen Gespräch.
Helmut Lachenmann: Ich setze mich doch nicht an meinen Arbeitstisch und sage: „Machen wir mal was Neues“, sondern ich gehe davon aus, dass etwas Neues entsteht, wenn ich intensiv mit meinem Intellekt, meiner Intuition, meinem ganzen Sensorium arbeite, wenn ich einfach lebendig bin. Der Begriff Neue Musik wäre überflüssig, wenn er selbstverständlich wäre. Er sollte eigentlich selbstverständlich sein, aber wir klammern uns an Formen, in denen wir uns glücklich und geborgen fühlen und die in gewisser Weise auch schon erstarrt sind. Damit kreativ umzugehen heisst, aus der Verkrustung herauszufinden.
Wolfgang Rihm: Ich glaube, dass dieses Neue, wenn man es verdinglicht auffasst, genauso ein Aufenthaltsort im Vertrauten werden kann. Denn wenn jemand auf das Neue eingeschworen ist, kennt er es ja schon und ist in keiner Weise mehr überrascht, wenn wirklich Neues eintritt. Er wird, wenn wirklich Neues eintritt, sagen, das sei nicht das Neue. Er glaubt, das Neue komme von vorne, dabei tritt es von hinten ein, und er sieht es nicht, weil er die ganze Zeit in die Richtung seines Neuen blickt. Diese Dinge sind für mich ungemein plastisch an solchen Orten erlebbar, wo das Neue gepflegt wird, wo sich Künstler im Zeichen des Neuen treffen. Sie werden, wenn etwas wirklich Neues eintritt, sofort dagegen eingestellt sein, weil sie es nicht als das Neue, das sie bereits definiert haben, erkennen.
Helmut Lachenmann: Ich bin doch optimistisch, dass alle neugierig sind, dass jeder interessiert ist, aus seinem warmen Bettchen mal rauszukommen und zu gucken, was da draußen passiert. Natürlich kann er nach dem Motto reagieren: „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass.“ Wenn u udann ungewohnte Musik erklingt, zuckt der Neugierige doch zusammen, oft auch die Komponisten selbst, mich eingeschlossen. Wir erschrecken man-chmal selbst vor dem, was wir da angerichtet haben.
Wolfgang Rihm: Ohne diesen Grundoptimismus wären wir verloren. Die Unsicherheit, die viele Hörer haben, kommt daher, dass sie glauben, sie müssten, um zu Kunst in Beziehung zu treten, erst mal die und die Bücher gelesen, die und die Bildung und ein paar Turnübungen noch dazu hinter sich gebracht haben. Die Begegnung mit der Sache selbst aber ist ein Primärerlebnis.
Bitte beachten Sie die Artikel zu Helmut Lachenmann auf den Seiten und . Auch in der Novemberausgabe wird uns das Thema Helmut Lachenmann und komponieren heute schwerpunktmäßig beschäftigen.