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Die sanfte Macht der leisen Töne

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Quiet is the New Loud“: Mehr als die neueste Mode der Musikindustrie?
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Das Pop-Business gehorcht denselben Regeln wie einst die Avantgarde mit ihren permanenten Tabubrüchen und „Revolutionen“: Zuerst wird, von den Rändern her, aus dem „Underground“ der Jugend- und Subkulturen, ein neuer, alles bisherige umwerfender Kode oder Stil instituiert, der aber im besten Fall rasch selbst zur Norm und Regel wird, sich in der Wiederholung erschöpft und schließlich durch einen weiteren, „unerhörten“ ersetzt werden muss.

Das Pop-Business gehorcht denselben Regeln wie einst die Avantgarde mit ihren permanenten Tabubrüchen und „Revolutionen“: Zuerst wird, von den Rändern her, aus dem „Underground“ der Jugend- und Subkulturen, ein neuer, alles bisherige umwerfender Kode oder Stil instituiert, der aber im besten Fall rasch selbst zur Norm und Regel wird, sich in der Wiederholung erschöpft und schließlich durch einen weiteren, „unerhörten“ ersetzt werden muss.Wenn die Wahrheit im Extrem liegt und der größte Reiz in der Steigerung, dann können Hip-Hop und „Nu Metal“ mit ihren „beats per minute“-Orgien, Text-Brutalismen und sonstigen Sensationen nur noch durch eins getoppt werden: durch entschiedene Reduktion, eine gewissermaßen schreiende Stille. Es ist also sehr viel mehr als nur ein gelungenes PR-Paradox, wenn die sanften Norweger der Newcomer-Band „Kings of Convenience“ ihr erstes Album „Quiet is the New Loud“ nennen und damit – ungewollt? – die Programmatik des „next big thing“ auf die knappste Formel bringen. Umkehr im Reich der Töne? Zumindest eine Reihe guter (und noch mehr weniger guter) Alben, die sich auf einen gemeinsamen Nenner bringen – und für die sich auch prompt Traditionslinien und mögliche Weiterungen finden lassen.

Die norwegischen „Kings“ machen Schluss mit dem reinen Vitalismus der diversen Hi-Energy-Genres, aber auch mit der bewussten Subjekt-Freiheit avancierter Electronica, die weitgehend anonym, in immer neuen Projekten und daher ohne Geschichten auskommen. Die „Kings“ vertrauen wieder auf das „Gewicht meiner Worte“, so der Titel eines ihrer Songs; sie misstrauen den schon millionenfach durchlebten Dramen nicht mehr, sondern versuchen ihnen eine neue Facette abzugewinnen: die der eigenen Bildungsgeschichte und der authentischen Gefühle – wo immer sie auch herkommen mögen. Trotzdem führen bei ihnen Referenzen wie Simon & Garfunkel oder Nick Drake eher in die Irre: „folky“ sind die neuen Leisen nur en passant, schräg nur im Notfall.

Bei den „Turin Brakes“, der erfolgreichsten Band der Bewegung, wird das noch deutlicher: Ihre Songs klingen so „frisch“ als gäbe es nicht die Last einer jahrzehntelangen Songwriter-Tradition; sie sind nicht naiv, haben auch so wenig Angst vor Klischees oder, positiver formuliert, „Mythen“, dass sie sie nicht mehr demaskieren oder destruieren müssen. Ihr Album nennen sie hintersinnig „The Optimist LP“; sie zitieren nicht – jedenfalls nicht explizit –, sie verfangen sich auch nicht in einer Fülle von Referenzen und doch ist ihr Anfang so reich und klar, als seien sie nicht Früh-Twens, sondern alte Helden, die ihr Lebenswerk resümieren. Dass sie sich vollkommen ungeniert zu Joni Mitchell bekennen, zeigt, wie Zyklen in Kunst und Kommerz funktionieren. Alles kann aktuell, auch Beute oder Vorbild werden, nur nicht das, was man ersetzt, die unmittelbare Vorgänger-Generation also.

Arab Strap, die Band aus Glasgow, gehört noch dazu, obwohl sie schon einige Karrieren und Companies hinter sich hat und wüster, gebrochener musiziert und, vor allem!, performt als die „New Loud“-Exponenten. Dafür zeigen Moffat & Middleton auf „The Red Thread“, dem neuen Album auf ihrem alten Label Chemikal Underground, was das Zentrum der neuen Bewegung ist oder zumindest werden könnte: entschiedenste Intimität. Wenn das Private politisch ist, wie der alte 68er Leitsatz lautete, dann ist Arab Strap derzeit die politischste Band der Welt. Moffat & Middleton bekennen sich in der „nacktesten“ Form zu dem, was sonst sofort Gegenstand der Romantisierung oder des Posings wird: zur (eigenen) Sexualität nämlich, die als Motor aller Euphorien und Verzweiflungen und des raschesten Hin- und Herschwankens zwischen beidem erscheint. Dazu passt ihre Form von low-fi-, also Palace- und Smog-naher Gitarrenmusik, die aber in der Reduktion und im Bruch noch mehr entdeckt als Skepsis gegenüber allzu glatten Identitäten: eine Möglichkeit der Intensivierung nämlich. Wunderbares Album; voller Geheimnisse und immer auch ein wenig gefährdet.

An Elbow (V 2), den Journalisten-Lieblingen der letzten Wochen, kann man studieren, wie es mit dem „New Loud“ weitergehen könnte: weg von der reinen Akustik, von Lagerfeuer, Wohnzimmer und Bar, hin zu einer fast schon symphonischen Düsternis, einer Kammer-Pop-Variante heftiger Klangfarbenmusik. Das Elbow-Paradox: ein Minimalismus der fetten Töne, Ambient-Musik als existenzielles Statement. Dabei entstehen „liaisons dangereuses“ quer durch die Zeiten: Art-Rock und Prog-Rock erscheinen plötzlich wieder als Möglichkeiten, an denen und mit denen man weiterformulieren kann.

Diskografie

  • Kings of Convenience: Quiet is the New Loud (Source/Virgin Labels)
  • Turin Brakes: The Optimist LP (Source/Virgin Labels)
  • Arab Strap: The Red Thread (Chemikal Underground/Zomba)
  • Elbow: Asleep In The Back (V 2 Zomba)

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