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Du musst zum Cyborg werden...

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Neues vom isländischen Gesamtkunstwerk Björk: CD „Vespertine“ und Bilderbuch
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Ich gestehe, ich bin kein Fan der ersten Stunde. Björks hysterisches Gekreische bei den „Sugarcubes“ ging mir eher auf den Wecker. Aber seit ihrem „Debut“-Album, 1993, und den Songs „Venus As a Boy“ und „Play Dead“ hat sie mein großes Pop-Herz erobert. Und spätestens seit ihrer zweiten Platte mit „Hyper-Balladen“ („Post“) ist sie zur Ikone geworden, zur „Cyber-Björk“. „Wenn es eine Eigenschaft gibt, die das Wesen des modernen Popstars definiert“, schreibt Rick Poynor in dem schönen, zeitgleich erschienenen „Björk“-Bilderbuch (Schirmer/Mosel), „dann ist es die Fähigkeit, das Publikum mit einem permanenten Imagewechsel zu überraschen. Zu einem gewissen Grad trifft das für die meisten Performer zu – andere Klamotten, neue Frisuren, alte Posen werden abgelegt, doch einige der einflussreichsten und langlebigsten Stars vermitteln den Eindruck, dass jede Verwandlung der äußeren Erscheinung einen Wandel der Identität widerspiegelt: dass sich der Künstler, wie sein junges Publikum in einem Prozess permanenten psychologischen Experimentierens und Selbstentdeckens befindet.“

ch gestehe, ich bin kein Fan der ersten Stunde. Björks hysterisches Gekreische bei den „Sugarcubes“ ging mir eher auf den Wecker. Aber seit ihrem „Debut“-Album, 1993, und den Songs „Venus As a Boy“ und „Play Dead“ hat sie mein großes Pop-Herz erobert. Und spätestens seit ihrer zweiten Platte mit „Hyper-Balladen“ („Post“) ist sie zur Ikone geworden, zur „Cyber-Björk“. „Wenn es eine Eigenschaft gibt, die das Wesen des modernen Popstars definiert“, schreibt Rick Poynor in dem schönen, zeitgleich erschienenen „Björk“-Bilderbuch (Schirmer/Mosel), „dann ist es die Fähigkeit, das Publikum mit einem permanenten Imagewechsel zu überraschen. Zu einem gewissen Grad trifft das für die meisten Performer zu – andere Klamotten, neue Frisuren, alte Posen werden abgelegt, doch einige der einflussreichsten und langlebigsten Stars vermitteln den Eindruck, dass jede Verwandlung der äußeren Erscheinung einen Wandel der Identität widerspiegelt: dass sich der Künstler, wie sein junges Publikum in einem Prozess permanenten psychologischen Experimentierens und Selbstentdeckens befindet.“Poynor nennt das ein „existenzielles Projekt“. Seine Linie führt von David Bowie („Ziggy Stardust“) über Madonna zu Björk. Die Cyborgisierung Björks kommt für ihn in dem Video zu „All Is Full of Love“ auf zärtliche Weise zur Vollendung, „wenn die vollautomatisierte, aber immer noch ungemein seelenvolle Sängerin ihre lesbische Cyborg-Liebhaberin umarmt.“ Björk ist hier zur Software geworden, zum „Geist in der Medienmaschine“. Verlassen wir den Cyberspace, kehren wir zur Realität zurück. Wieder hat sie ihr musikalischer Weg über Umwege nach Deutschland geführt. Schon ihre swingende Musical-Hommage „It’s Oh So Quiet“ war nach dem Krieg in Deutschland komponiert worden als „Jetzt ist es still“. Und für ihr neues famoses Album „Vespertine“ (Polydor) lud sie nun den Münchner Techno-Musiker Martin Gretschmann – alias Console – ein.

Während der Dreharbeiten zu Lars von Triers „Dancer in the Dark“ hatte sie sich in einen Console-Song verliebt. „Er hat mir geholfen und machte mich glücklich“, erzählt sie, „ich hatte meine kleine Liebesaffäre mit dem Song – ohne zu wissen, wer ihn gemacht hat. Er half mir beim Überleben in dieser schwierigen Phase.“ Für ihre schauspielerische Leistung in dem Von-Trier-Musical erhielt sie in Cannes den Preis als Beste Darstellerin und als „Abfallprodukt“ entstand das exzellente Soundtrack-Album „Selmasongs“.

Das Herz ist ein
einsamer Jäger

Von ihren anderen Kollaborateuren, den amerikanischen „Electronica“-Experten Matmos, schwärmt sie: „Ihre Musik ist nicht nur abstrakt, sondern sie hat auch viel Gefühl und Humor. Wir sind zuerst mal fast ein Jahr lang um die Häuser gezogen, haben geredet, getrunken, solche Sachen, bevor wir ins Studio gingen.“ Trotz allem Hang zum Cyberspace folgt die isländische Künstlerin in ihrem „hidden place“ immer wieder dem „Ruf der Wildnis“, wie sie in einem Interview mit einem ihrer Helden, dem britischen Tierfilmer David Attenborough erklärt: „Ich habe die romantische Vorstellung, dass ich ein Tier bin; ich glaube nämlich nicht, dass sich die Menschen in irgendeiner Weise von den Tieren unterscheiden.“ Björk sieht ihn und sich als „Dolmetscher“. „Wenn David einen Stein vom Boden aufhebt, findet er darunter ein ganzes Universum. Das gefällt mir. Ganz besonders mag ich seine Art, Verhalten zu erklären, wonach unsere Haupttriebe Fressen und Sex sind.“

In einem ihrer Videoclips, „Hunter“, verwandelt sie sich in einen Techno-Bären. Wieder geht es dabei – wie so oft bei Björk – um den Aufeinanderprall von Technik und Natur. „Hunter“ könnte der Schlüssel sein zu Björks durch und durch (post-)moderner Auffassung als Künstlerin. Noch einmal Rick Poynor: „Das Video zeigt in unvergesslichen Bildern den inneren und äußeren Kampf zwischen der realen Björk, die zu Echtzeit-Auftritten von authentischer Power fähig ist, und der künstlichen Cyborg-Björk, deren Image mit Prothesen angereichert und durch Technologie und Design vermittelt wird.“ Björk ist das erste Geschöpf des 21. Jahrhunderts, nicht ganz von dieser und jener Welt, ein moderner Zwitter.


Björk: Vespertine, Polydor 589000-2

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