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Ein Beatnik auf dem Bauernhof

Untertitel
Ein Gespräch mit dem legendären Go-Betweens-Frontmann Robert Forster
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Zwei Jahre ist es her, da standen Robert Forster und Grant McLennan auf der improvisierten Bühne des Roten Salons der Berliner Volksbühne und spielten vor einem insiderischen Publikum alte Go-Betweens-Songs: eine zum Kult mutierte Mini-Band aus der Post-Punk-Frühzeit, die „aus allen Zeiten herausgefallen“ war (was die „taz“ durchaus als Kompliment meinte), an Frank Castorfs Zeitgeist-Drehscheibe am Rosa-Luxemburg-Platz. Allen, die damals dabei waren, schien diese Reunion etwas Einmaliges; die Berichterstatter zitierten zustimmend das coole Go-Betweens-Auflösungs-Statement von 1989, sie hätten ihre Dekade gehabt, die 90er seien nicht mehr ihre Zeit.

Zwei Jahre ist es her, da standen Robert Forster und Grant McLennan auf der improvisierten Bühne des Roten Salons der Berliner Volksbühne und spielten vor einem insiderischen Publikum alte Go-Betweens-Songs: eine zum Kult mutierte Mini-Band aus der Post-Punk-Frühzeit, die „aus allen Zeiten herausgefallen“ war (was die „taz“ durchaus als Kompliment meinte), an Frank Castorfs Zeitgeist-Drehscheibe am Rosa-Luxemburg-Platz. Allen, die damals dabei waren, schien diese Reunion etwas Einmaliges; die Berichterstatter zitierten zustimmend das coole Go-Betweens-Auflösungs-Statement von 1989, sie hätten ihre Dekade gehabt, die 90er seien nicht mehr ihre Zeit.Zwei Jahre später gibt es das großartige neue Go-Betweens-Album „The Friends of Rachel Worth“ (clearspot/Efa), von dem der „Rolling Stone“ kurz und bündig feststellte: „Wenn man sich je an 2000 erinnert, dann wegen dieser Platte!“ Es gab eine Welt-Tournee und jetzt steht Robert Forster, solo, wieder an einem ungewöhnlichen Ort: dem Hinterzimmer der Buchhandlung Dombrowsky in Regensburg, deren Besitzer in der Ankündigungs-Broschüre für den „12. Literarischen (!) Frühling“ mit folgenden Worten für den Robert-Forster-Gig warb: „Dieser Abend wird einmal zu den Sternstunden meiner Buchhandlung gehören.“
Kein leeres Kompliment, trotz namhaftester Konkurrenz, auch kein
deplatziertes: Denn die Qualität der Forster-Songs entfaltet sich gerade in diesem intimen Rahmen: wenn man sich nicht mehr hinter „fetter“ Produktion und allerlei Effekten verstecken kann, dann zeigt sich erst die Qualität eines Einfalls pur, „nackt“.

Und: Robert Forster, die dandyeske, die Beatnik-Hälfte der Go-Betweens, das zeigt sich spätestens im Gespräch, ist ein „literarischer“ Songwriter: Für ihn ist Pop nicht die rascheste Weise, die Wahrheit zu sagen, keine heftige und sich im aufgeregten Konsum sofort verbrauchende Drei-Minuten-Erklärung der Lage der Welt und der eigenen Seele; für ihn brauchen seine Song-Diamanten lange Zeit, bis sie die nötige Härte und Haltbarkeit haben; ein bis zwei Lieder pro Jahr sind seine Ausbeute. Alles andere ist „Kohle“, bestenfalls für den raschesten Verzehr bestimmt.

Literarisch ist Robert Forster aber auch noch in einem anderen Sinn; von der Haltung zur Welt und von seinen Vorlieben her. Paul Bowles, der Ur-Beatnik (wider Willen!) und passionierte Reisende, ist seine Ikone; dessen Autobiografie „Without Stopping!“ könnte das Motto des eigenen unsteten Lebens zwischen Brisbane und London, Regensburg und Portland sein. Nicht das „live fast, die young“, auch nicht das extrovertierte „sex, drugs and rock’n’roll“ ist Forsters Sache, sondern das ständige, langsame Unterwegssein, das „settle down“ für ein paar Monate oder Jahre. „German Farmhouse“, ein Song auf dem neuen Go-Betweens-Album, beschreibt innig-ironisch die Zerrissenheit, auch die Extreme dieser weltläufigen Existenz. Eben noch das rastlose Touren rund um den Erdball mit einer Band, die zwar nur ein einziges Mal mit einer Single kurz in die Charts kam, aber für Generationen von Nachfolgern nicht nur zur Legende, sondern auch stilprägend wurde, und jetzt, der Liebe wegen, ein fast vollkommen isoliertes Bauernhof-Dasein in dem kleinen Dorf Alteglofsheim, 20 Autominuten vor Regensburg in der niederbayerischen Prärie.

Aber dem Melancholiker Forster ist der billige Weltschmerz fremd: er beschreibt sich selbst als glücklichen Mann, ganz entspannt im Hier und Jetzt, „smiling from ear to ear“, mit einem Faible für die seligeren Pop-Mythologien: „the best is yet to come.“

Songs für die Ewigkeit

Aus allen Zeiten herausgefallen waren nicht nur die wiedervereinigten Go-Betweens in der Volksbühne, bewusst anachronistisch ist auch Robert Forster in seinem Künstlertum: er schreibt nicht für den Augenblick, sondern für die Ewigkeit. Seine Songs sollen Volkslieder werden, langsam hineindiffundieren ins kollektive Unbewusste, so wie es mit den großen Blues-Songs oder den klassischen Chansons geschah. Wie bei Johnny Cash sind bei Robert Forster die Themen und Konstellationen älter als es die zunehmend geschichtslosen Medien auch nur ahnen können. Forsters Metier ist die genaue Beobachtung, die Phänomenologie des Alltags, in den böseren Fällen sogar eine Art Mikro-Chirurgie, die in die Seelen- und Beziehungs-Befindlichkeiten schneidet.

Am meisten bei sich selbst scheint er, wenn er den Künstler als konservativen Mann porträtiert, wie auf dem Opener seines Solo-Albums „Danger in the Past“. Dort singt er von Liebe und Verlust, von Schmerz und Sehnsucht – und von den strengen, manchmal auch ein wenig selbstgerechten Regeln, die „Mann“ gegen das Chaos aufrichtet.

Forster/McLennan, das war Ende der 70er-, Anfang der 80er-Jahre im fernen Brisbane/Australien ein verschworenes „Kunst-Couple“ wie Lennon/McCartney oder Lou Reed und John Cale, mehr als die Summe der Teile; und wie die anderen „Großen“ der Pop-Geschichte fühlte sich Robert Forster nicht auf ein Fach festgelegt: Er wollte und musste als Künstler leben; dass es gerade Pop wurde, war fast Zufall; er hätte auch schreiben oder malen können.

Große Schwester Joni Mitchell

Man merkt das den Songs heute noch an: seine Haltung ist kosmopolitisch und polychrom und äußerst geschichtsbewusst. Für den Bayerischen Rundfunk hat er die Hörstück-Erkundung von Jack Kerouacs leitmotivischem Beatnik- und Nomaden-Roman „On the road“ vertont. „The Friends of Rachel Worth“ hat er in Portland mit den „Rrriot-Girls“ von „Sleater-Kinney“ eingespielt. Und beim Solo-Gig in der Buchhandlung mit kleiner Musikabteilung freut er sich, dass das Go-Betweens-Album ausgerechnet neben „Blue“ steht; Joni Mitchell wird als große Schwester adoptiert.

Nachdem sich das Interview lange um das Verhältnis von Sound und Song, auch von Gitarrenmusik und technoiden Studio-Klängen drehte, teilt Robert Forster zum Abschluss lakonisch mit, er müsse jetzt nach Frankfurt, weil ihn die „Electronica“-Avantgardisten von Sensorama zur Kooperation in ihr Techno-Ambiente geladen hätten. Ein wahrer Beat schätzt Distanz, aber er kennt keine Berührungsscheu.

Aktuelles Album

  • The Go-Betweens, The Friends of Rachel Worth, clearspot/Efa.

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