Hauptbild
Worin unterschied sich ein deutsches Wohnzimmer Ost von einem Wohnzimmer West? Suse Jank und ihre Band posieren im Berliner DDR-Museum. Ausführliches Audiomaterial zum Thema „Dialog der Kulturen“ findet sich unter www.contrapunktonline.de Foto: Matti Hill
Worin unterschied sich ein deutsches Wohnzimmer Ost von einem Wohnzimmer West? Suse Jank und ihre Band posieren im Berliner DDR-Museum. Ausführliches Audiomaterial zum Thema „Dialog der Kulturen“ findet sich unter www.contrapunktonline.de Foto: Matti Hill
Hauptrubrik
Banner Full-Size

Getrennt durch ideologische Mauern

Untertitel
Das multimediale Bühnenprojekt „Ehrt man die Rose noch?“ überblickt mehr als 30 Jahre Rock in der DDR
Publikationsdatum
Body

„Ist es denn wirklich so, dass wir jeden Dreck, der aus dem Westen kommt, nu kopieren müssen? Ich denke, Genossen, mit der Monotonie des Je-Je-Je, und wie das alles heißt, sollte man doch Schluss machen.“ Im sächsischen Original, gesprochen von Walter Ulbricht 1965 auf dem 11. Plenum des Zentralkomitees der SED, klingt dieses Zitat heute wie gute Satire. Für junge Musiker in der DDR der 60er-Jahre und für viele Jugendliche, die genau wie ihre westlichen Altergenossen Rockmusik als Ausdruck ihres Lebensgefühls wahrnahmen, bedeutete Ulbrichts Einstellung zu diesem „Dreck aus dem Westen“ allerdings eine erhebliche Einschränkung.

Genau 1965 wurde die „Beatmusik“ in der DDR verboten. Und wenn sich später auch die Haltung der Herrschenden zur Rockmusik änderte, wenn eine staatlich verordnete (und entsprechend angepasste) junge Musik gefördert und schließlich in den 80er-Jahren sogar Westbands zu Konzerten ins Land geholt wurden, so versuchte der Machtapparat doch immer, Einfluss auf Musik und Texte zu nehmen, zu kontrollieren und zu zensieren. Was nicht genehm war, wurde verboten oder durch staatliche Unterwanderung „zersetzt“. Dass sich dennoch eine Art von Widerstandsmusik entwickeln konnte, die vor allem in der Provinz und unter dem Dach der Kirche ihren Ausdruck fand, liegt in der Natur der Musik, die doch immer eine Bewegung „von unten“ sein und sich (in Ost und West) gegen das herrschende Establishment auflehnen wollte.

Über 30 Jahre Rockmusik in der DDR: Westdeutschen fällt dazu in der Regel nicht viel ein. Vielleicht noch Renft, Karat oder die Puhdys sind Band-Namen, die aus dem Rockmusik-Gedächtnis hervorgekramt werden. Silly, Lift oder Pankow kennen nur noch wenige. Und wem in den alten Bundesländern fällt etwas zu Veronika Fischer oder Petra Zieger ein?

Eine Wissenslücke, die durchaus nicht nur den Westen prägt. Auch die jüngere Generation in den neuen Bundesländern, deren Eltern noch durch den Ost-Rock sozialisiert wurden, weiß erschreckend wenig über diese musik-historische Vergangenheit. Grund genug für Suse Jank, eine 25 Jahre junge Allround-Musikerin, sich mit ihrer Band dieses Themenspektrums anzunehmen. Zusammen mit ihrer Mutter, Birgit Jank, Professorin für Musikpädagogik an der Universität Potsdam, hat sie unter dem Titel „Ehrt man die Rose noch?“ eine multimediale Bühnen-Performance entwickelt, mit der die Band nun durch verschiedene (ost- wie westdeutsche) Städte tourte. Eine Kombination aus Vortrag, Filmdokumenten und natürlich Musik vermittelt einen anschaulichen und angesichts der Materialfülle sehr übersichtlichen Parcours durch über 30 Jahre Rockmusik in der DDR. Dabei werden historische Ereignisse anhand von alten Filmaufnahmen mit Ansprachen, Interviews und Konzertausschnitten beleuchtet. Birgit Jank stellt in ihrem Vortrag Fakten aus der DDR-Rock-Geschichte zusammen, begleitet von eigenen Erinnerungen, und Suse Jank interpretiert ausgewählte Titel gemeinsam mit ihren Band-Mitgliedern.

Suse Jank, Initiatorin, Managerin und Frontfrau der Band, ist eigentlich zu jung, um eine eigene Sozialisation in der DDR erfahren zu haben. Im Zuge ihres Musik-Lehramts-Studiums stieß sie aber immer wieder auf Songs aus der Ära vor dem Mauerfall. Dazu kam eine wesentliche Prägung ihrer Eltern durch diese Musik, die in den ersten Kinderjahren noch Einfluss auf ihre eigene Musikalisierung hatte. Erinnerungen an die Mutter, die Veronika Fischer hörte, den Vater, der am Bett saß und mit den Kindern Renft-Songs sang, datieren aus der Kinderzeit. Das alles ging in der Teenager-Zeit komplett verloren, erzählt die junge Musikerin. Aber gerade die Jugend „ist eine Zeit, in der man sehr auf der Suche ist nach Liebe, nach einem zu einem selbst passenden Lebensbild, nach einer Lebensphilosophie. Und ich fand viele Antworten in diesen Texten, die metaphorisch sehr facettenreich sind, die viel durch die Blume sprechen.“

Als sie dann den Westberliner Clemens Süssenbach traf, intensivierte sich in der gemeinsamen Arbeit die musikalische Auseinandersetzung mit der DDR. Gerade der Musiker aus dem Westen, „der diese Musik gar nicht kannte, hatte dadurch die Möglichkeit, sie ganz von außen, naiv im positiven Sinne zu betrachten“. Die Band von Suse Jank wiederum setzt sich international zusammen: Kanada, Armenien, Italien, Schweden, Ost-,  West-Berlin und Thüringen sind die Herkunftsorte der durchweg jungen Musiker. Eine klischeebehaftete Zweiteilung in Ost und West kann sich da schwerlich entwickeln.

Was waren nun signifikante Unterschiede zwischen Ost- und West-Rock, getrennt durch eine ideologische Mauer? Ein Unterschied ist in den gesellschaftlichen Systemen selbst festzumachen, so Birgit Jank, die durch die Arbeit mit ihren Studenten maßgeblich zur Entwicklung des „Rose“-Projekts beigetragen hat. „Im Westen hat sich die Musik sehr stark nach dem Musikgeschmack entwickelt, nach kommerziellen Gesichtspunkten, nach Verkaufszahlen. In der DDR war Rockmusik ein Teil der offiziellen Kultur und damit auch ideologischen Kontrollen unterworfen. Ein richtig großer Rockmusiker mit Auftritten in den Medien konnte man nur werden, wenn man nicht nur den Musikgeschmack traf, sondern sich auch in gewissem Maße anpasste. Musiker sollten auch Vorbilder sein. Das war sicher ein wesentlicher Unterschied zum Westen.“

Die Versuche der DDR-Regierung, eine DDR-typische Rockmusik zu schaffen, gelangen aber nur teilweise, so Birgit Jank. Es ging den Musikern und ihrem Publikum immer auch darum, „dass man sich nicht in eine Schablone einfügen wollte“. Die – auf Anordnung der Regierenden – vorwiegend deutschen Texte taten dazu ihr Übriges. Häufig metaphorisch auch eine Form von Widerstand transportierend hatten sie in der DDR eine größere Bedeutung als zur gleichen Zeit in der Bundesrepublik. In der Wendezeit schließlich trugen Rockmusiker ihren Teil zur friedlichen Revolution von unten bei. „Junge Rockmusiker standen bei den großen Demonstrationen mit auf den Bühnen. Vor Beginn der Konzerte wurde die im Komitee für Unterhaltungskunst von Rockmusikern im Sommer 1989 entworfene Resolution verlesen und hatten dadurch eine Massenwirkung“, so Birgit Jank.

Vergessen darf man bei der Beschäftigung mit der „sozialistischen“ Rockmusik allerdings nicht, dass sich zumindest in eine Richtung ein von offizieller Seite zwar unerwünschter, nichtsdestotrotz aber intensiver Einfluss bemerkbar machte. Rockmusik aus England und den USA war auch im Osten beliebt. Importiert trotz mannigfacher Verbote wurde sie sowohl im Original gehört als auch von den ostdeutschen Musikern zur eigenen Stil-Entwicklung genutzt. Spätestens in den 80er-Jahren, als westdeutsche, englische und amerikanische Bands offizielle Einladungen erhielten, war der Westen musikalisch präsent. Das „Rose“-Projekt zeigt in einem Filmstreifen eindrucksvoll den Auftritt von Bruce Springsteen vor 160.000 jungen DDR-Bürgern, die im Chor „Born in the U.S.A.“ singen.
Auf der anderen Seite gingen prominente DDR-Musiker – auch das zeigt die Präsentation – irgendwann in den Westen, ob freiwillig wie Nina Hagen oder gezwungen wie Wolf Biermann, dem 1976 nach einem Aufenthalt im Westen ein Einreiseverbot erteilt wurde.

Suse Jank und ihre Band machen es sich – nicht nur in diesem Projekt – zum Ziel, alte DDR-Rockmusik neu zu interpretieren. Das führt dazu, dass Songs, die im Original zu Recht in der Versenkung verschwanden, nun neue Generationen begeistern. Natürlich geht durch diese musikalische Neu-Formung eine historische Variante verloren. „Unser Musikmachen hat keinerlei wissenschaftlichen Anspruch, sondern vor allem einen ästhetischen. Wir wollen nicht pädagogisch tätig sein“, sagt Suse Jank. Das macht die aktuelle Performance über die spannende historische Komponente hinaus zu einem begeisternden Rock-Konzert.

„Ehrt man die Rose noch?“ heißt das Projekt der Band in Zusammenarbeit mit der Uni Potsdam. Das Motto lehnt sich an einen Song-Titel der Gruppe Renft an: „Wer die Rose ehrt, ehrt heutzutage auch den Dorn, der zur Rose noch dazugehört, noch so lang, so lang man sie bedroht.“ Birgit und Suse Jank, zusammen mit der exzellent musizierenden Band, wollen mit ihrer Frage dazu beitragen, dass ein Kulturgut, das zugleich musik- und gesellschaftsgeschichtliche Bedeutung hat, nicht in der Versenkung verschwindet.

Zahlreiche Informationen zum Projekt „Ostpoesie“ und zur Rockmusik in der DDR finden sich auf der Webseite www.ostpoesie.de. Suse Jank und ihre Band veröffentlichen ihre erste CD im Spätsommer (www.susejank.com).

Weiterlesen mit nmz+

Sie haben bereits ein Online Abo? Hier einloggen.

 

Testen Sie das Digital Abo drei Monate lang für nur € 4,50

oder upgraden Sie Ihr bestehendes Print-Abo für nur € 10,00.

Ihr Account wird sofort freigeschaltet!