Man soll das Fell des Bären ja nicht verteilen, bevor Meister Petz tatsächlich erlegt ist. Aber eigentlich hätte sich Renaud Garcia-Fons schon im letzten Herbst überlegen können, wo er den Siegerpokal später zu Hause platzieren wird und was er mit der vielen Kohle anstellt, die er nun am 6. Mai auch zugesprochen bekam. Die Jury des BMW Welt Jazz Awards hatte nämlich eigentlich keine reelle Chance, an dem 54-Jährigen vorbei zu votieren. Sie kürte ihn zum verdienten Gewinner eines ungleichen Wettbewerbs, der in seiner neunten Ausgabe „Bass Erstaunt“ überschrieben war.
Der Franzose mit iberischen Wurzeln spielte seine instrumentale Überlegenheit im Finale voll aus. Nur an den vielen tiefen Tönen ließ sich noch ausmachen, dass er überhaupt Kontrabass spielt – mal meinten die Ohren seiner Zuhörer einer Flamenco-Gitarre zu lauschen, mal klang die überdimensionierte Geige nach einer Oud, einem Cello, einer Cajon. Mit unerschöpflichen technischen Möglichkeiten holt Renaud Garcia-Fons das Optimum und noch etwas mehr aus seinem edlen Instrument heraus. Allein dieser Umgang mit dem Bogen ... Unerreicht. Göttlich.
Früher konnte es auf die Dauer durchaus anstrengend, ja überfordernd sein, Renaud Garcia-Fons noch zu folgen. Heute aber dosiert er seine Kabinettstückchen besser, und er überfrachtet seine Musik nicht mehr heillos. Mit dem Programm „Revoir Paris“ ist ihm ein stimmungsvoller Streifzug durch seine Heimatstadt gelungen.
Ungewohnt locker schlenderte er in Begleitung des Akkordeonisten David Venitucci und des Schlagzeugers und Vibraphonisten Stephan Caracci von Rue zu Rue, von Arrondissement zu Arrondissement, durch bunte multikulturelle Viertel. Hatte dieser Bassist beim BMW Welt Jazz Award nicht vielleicht doch irgendeine „Konkurrenz“ zu fürchten? Nö. Und so bleibt die Frage, wie sinnvoll sein Einsatz bei diesem Wettbewerb war. Wäre es nicht besser gewesen, sechs Musiker gegeneinander antreten zu lassen, die etwa auf Augenhöhe mit tiefen Tönen spielen?
Chris Minh Doky war der erste der Chancenlosen, die zumindest auf einen Einzug ins Finale hofften. Vergeblich. Der Däne mit vietnamesischen Wurzeln spielt super Bass. Nur war seine lyrische Musik, bei der man jedes Thema irgendwie schon mal gehört zu haben glaubte, letztendlich eine Spur zu harmlos.
Der nächste Endrunden-Aspirant: der Schwede Lars Danielsson spielt auch ganz toll Bass und lieferte sich muntere Dialoge mit dem Pianisten und Duo-Partner Grégory Privat. Nur ließ er sich zu süßlichen digitalen Beimischungen hinreißen. Ein glattes Ausschlusskriterium. Bessere Karten hatte der Münchner Henning Sieverts, der mit seinem Trio auf spannende Weise die Möglichkeiten der Symmetrie auslotete.
Auch die australisch-chinesisch-malaysische Bassistin Linda Oh durfte sich mit variantenreichem Jazz New Yorker Bauart und fabelhaftem Spiel Hoffnungen machen.
Es war dann aber schließlich Eva Kruse, die gegen Renaud Garcia-Fons im Auditorium der BMW Welt um den Pokal und das Preisgeld spielen musste. Die in Schweden lebende Norddeutsche, die einst mit dem Trio [em] den ersten BMW Welt Jazz Award gewann, riss viele hin, weil es einfach großartig klingt, wie sie ihren Bass, vor allem aber Oboe und Saxophon in einer mal satt groovenden, mal sehr poetischen Musik einsetzt. Chapeau für ihre Leistung. Wer weiß, unter anderen Umständen …
Nächstes Jahr feiert der BMW Welt Jazz Award Jubiläum. Die zehnte Runde des Wettbewerbs wird „Jazz Moves“ überschrieben sein. Gut, dass Jazz zu bewegen vermag, wissen wir alle. Gemeint ist aber, wie man sich zu Jazz bewegt – will heißen, dass der Tanzbarkeitsfaktor der improvisierenden Musik eine Rolle spielt. Hoffentlich verkauft sich der ernstzunehmende Award damit nicht an modische Mätzchen. Jetzt ist es an der Jury, die die Vorauswahl im Blindverfahren trifft, etwas künstlerisch Wertvolles aus der thematischen Vorgabe heraus zu filtern.