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Cowboys und Cowgirls
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Morcheeba setzt, scheinbar zumindest, auf ein Konzept, das in den 90er-Jahren Schule gemacht hat und populär geworden ist: Ein oder zwei Boys basteln am Sound, ein Girl steuert Sirenen-Gesang bei. Das Ganze ist dann Sex und Sentiment pur – und disco- und schlafzimmer-kompatibel; also geeignet für die beiden Orte, durch die körperorientierte Pop-Musik definiert wird. Freilich fehlt „Fragments of Freedom“ (Warner) das „Hallige“ der TripHop-Tradition; der Sound geht in Richtung „Schlager“; es ist eher Tag- als Nacht-Musik; bestimmt für Sonne und Strand; nicht für die Tanz-, sondern für die Eisdiele. Dass Blues und HipHop am Fan-Ursprung dieser Musik stehen sollen, wie die Band-Bio verrät, überrascht; dass David Byrne sie engagieren wollte weniger: vielleicht würden nicht mehr stadtneurotische „Talking Heads“ anno 2000 so klingen.

Morcheeba setzt, scheinbar zumindest, auf ein Konzept, das in den 90er-Jahren Schule gemacht hat und populär geworden ist: Ein oder zwei Boys basteln am Sound, ein Girl steuert Sirenen-Gesang bei. Das Ganze ist dann Sex und Sentiment pur – und disco- und schlafzimmer-kompatibel; also geeignet für die beiden Orte, durch die körperorientierte Pop-Musik definiert wird. Freilich fehlt „Fragments of Freedom“ (Warner) das „Hallige“ der TripHop-Tradition; der Sound geht in Richtung „Schlager“; es ist eher Tag- als Nacht-Musik; bestimmt für Sonne und Strand; nicht für die Tanz-, sondern für die Eisdiele. Dass Blues und HipHop am Fan-Ursprung dieser Musik stehen sollen, wie die Band-Bio verrät, überrascht; dass David Byrne sie engagieren wollte weniger: vielleicht würden nicht mehr stadtneurotische „Talking Heads“ anno 2000 so klingen. Chris Burroughs trägt auch eine Maske: es ist die der Einfachheit. Keine Overdubs, verspricht er auf „Loose“ (Blue Rose/Zomba) seiner Kundschaft. Seine Botschaft: Wenn du dir erst überlegen musst, ob du etwas brauchst, dann brauchst du es nicht. Also keine kleinen Streicher-Sounds in der Song-Mitte; sondern „ehrliche“ Arbeit im Studio; so als stünde man immer schon und immer nur auf einer Club-Bühne irgendwo auf einem anderen Kontinent, weit weg von der Heimat Arizona. In Chris Burroughs‘ Worten: „Dies ist ein Bandalbum, nicht ein Songalbum.“ Ein Bandalbum, das freilich fest in seiner Hand ist und vor allem von seinen Erfahrungen „on the road“ erzählt: im Nachtzug von Mailand nach Brüssel; und von der halben Depression und halben Euphorie zwischendurch. Wenn er etwa in einem Café sitzt – die Kellnerin lächelt und zeigt ein wenig Haut – und einen Brief liest. Irgendwo hat er einen kleinen Jungen, in einem „nameless hotel room“ gezeugt, der ihn jetzt braucht. Das kann auch eine Chance für den Rock’n-Roll-Hobo sein, der immer nur getrunken und getourt und Mädchen gejagt hat. Und komischerweise fallen ihm gerade jetzt die Lebensweisheiten seines Vaters ein: Wenn du willst, dass etwas richtig gemacht wird, musst du es selber machen. Wunderbare Macho-Musik, mit Reflexionen, die gebrochen genug sind, um nicht peinlich zu wirken. Chris Burroughs, der Chris-Cacavas-Freund, wie er mit selbstironischem Blinzeln betont, hätte es spätestens mit diesem Album verdient, seinen Geheim-Tipp-Status für die happy few unter den Cowboys aller Länder endlich los zu sein.

Das hat längst geschafft: Das Cowgirl von einst, das als Patsy-Cline-Klon eine Nische besetzte, erhielt schon 1993 den Grammy als beste Pop-Sängerin des Jahres. „Shadowland“ oder „Ingenue“ sind Klassiker, die in keiner wohlsortierten Diskothek fehlen dürfen. Und mit „drag“, ihrem smoothen, jazzigen 97er-Cover mit Pop-Standards rund ums Rauchen ist ihr eines der besten Alben des Jahrzehnts gelungen. Sogar Madonna wurde früh zum k.d. lang-Fan: „Elvis is back – and she’s beautiful“ brachte sie ihre Begeisterung auf eine knappe Formel. „Invincible Summer“ (bei WEA) ist, wie einst der intime Love-Song-Zyklus „Ingenue“, ein Konzept-Album, dessen geheime Mitte ein Motto von Albert Camus bildet: „Im tiefsten Winter lernte ich schließlich, dass in mir ein unbesiegbarer Sommer liegt.“ Eine helle, optimistische CD also, die plausibel macht, was k.d. lang über ihre Hörgewohnheiten des letzten Sommers erzählt: „viel Mamas & Papas, Surf Punk und brasilianische Musik“, in souveränen Arrangements, die so „sunny“ sind, dass sie manchmal schon ein wenig seicht wirken. Aber spätestens, wenn k.d. lang zu singen beginnt, erscheinen alle Einwände kleinlich und gegenstandslos: keine andere Frau hat derzeit so viel Sex und Sentiment in der Stimme wie sie.

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