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Die „wiedergefundene Zeit“ Marcel Prousts ist unendlich dicht. An jedem Ort gespenstert es, weil das auslösende Ereignis andere in Erinnerung ruft, weil jedes Gefühl und jeder Gegenstand Teil nicht nur einer, sondern vieler Geschichten ist. Was die Gegenwart zum Leuchten bringt ist die Vergangenheit: noch das scheinbar banalste Vorkommnis wird zur Pforte des absoluten Glücks und des totalen Schreckens. Etwas Neues beginnt, indem etwas Altes, das man gewohnt war und das man geliebt hat, aufhört. Peter Bogdanovich erzählt in seiner legendären „Last Picture Show“, wie in einer staubigen Kleinstadt irgendwo in Texas in den 50er-Jahren das Kino verschwindet, weil sich das Fernsehen in den Zimmern, aber auch in den Leben und in den Herzen breit macht. Es ist ein wehmütiger Film; wie alle, die von Verlust und Abschied handeln. Und es geht noch um eine zweite Passage: nicht nur die von der großen Leinwand zum kleinen, aber allgegenwärtigen Bildschirm, sondern auch die von der Grenzenlosigkeit und Unschuld der Jugend zu einem Erwachsenenleben, das immer schon festzustehen scheint, weil ihm Sünde und Kalkül eine klare Kontur verleihen. Das Wichtigste und Erschütterndste an Bogdanovichs Film war sein Soundtrack: diese endlose Folge herzzerreißend-melancholischer Hank Williams-Songs, die schon damals, Anfang der 70er-Jahre, in einer völlig anderen Umgebung, so verschollen und so ergreifend wie nur möglich schienen. Wenn dieser Cowboy jodelte und sein trügerisches Herz beschwor, dann wurde selbst der abgebrühteste Post-68er-Student auf magische Weise mit ihm eins.

Die „wiedergefundene Zeit“ Marcel Prousts ist unendlich dicht. An jedem Ort gespenstert es, weil das auslösende Ereignis andere in Erinnerung ruft, weil jedes Gefühl und jeder Gegenstand Teil nicht nur einer, sondern vieler Geschichten ist. Was die Gegenwart zum Leuchten bringt ist die Vergangenheit: noch das scheinbar banalste Vorkommnis wird zur Pforte des absoluten Glücks und des totalen Schreckens. Etwas Neues beginnt, indem etwas Altes, das man gewohnt war und das man geliebt hat, aufhört. Peter Bogdanovich erzählt in seiner legendären „Last Picture Show“, wie in einer staubigen Kleinstadt irgendwo in Texas in den 50er-Jahren das Kino verschwindet, weil sich das Fernsehen in den Zimmern, aber auch in den Leben und in den Herzen breit macht. Es ist ein wehmütiger Film; wie alle, die von Verlust und Abschied handeln. Und es geht noch um eine zweite Passage: nicht nur die von der großen Leinwand zum kleinen, aber allgegenwärtigen Bildschirm, sondern auch die von der Grenzenlosigkeit und Unschuld der Jugend zu einem Erwachsenenleben, das immer schon festzustehen scheint, weil ihm Sünde und Kalkül eine klare Kontur verleihen. Das Wichtigste und Erschütterndste an Bogdanovichs Film war sein Soundtrack: diese endlose Folge herzzerreißend-melancholischer Hank Williams-Songs, die schon damals, Anfang der 70er-Jahre, in einer völlig anderen Umgebung, so verschollen und so ergreifend wie nur möglich schienen. Wenn dieser Cowboy jodelte und sein trügerisches Herz beschwor, dann wurde selbst der abgebrühteste Post-68er-Student auf magische Weise mit ihm eins.Jetzt ist, nach so vielen anderen „Tributes“ an große Vorbilder und andere Zeiten „Hank Williams Timeless“ (bei Universal) wie schon immer und für immer „da“. Der Titel ist Programm: es geht nicht um ein nostalgisches Beschwören dessen, was war, sondern um die Gegenwärtigkeit dieser Songs. Und es ist verblüffend, wie dieses Hank Williams-Universum, in dem words&music, Sound und Stimme untrennbar verbunden scheinen, mit einem Mal auf wunderbare Weise brüchig wird und neue Schönheiten und Schrecken aus sich entlässt. Wie tiefschwarz Hanks düstere Bekenntnis-Ballade „I’m so lonesome I could cry“ eigentlich ist, erfährt man in Keb Mo’s Version: in der vollkommenen Einsamkeit schwindet am Ende auch der Lebenswille; und diese Verlorenheit ist nie nur Naturereignis, sondern immer auch soziales Schicksal, sehr voraussetzungsreich. Jedes Leben ist voller fataler Fallen. Und manchmal kann man ihnen nicht entgehen.

Im Fall der Fälle hilft ein Perspektivenwechsel: Was geschieht mit dem „Long Gone Lonesome Blues“, wenn er aus dem Mund einer Frau kommt. Sheryl Crows Verzweiflungs-Jodel ist vielleicht noch virtuoser, aber natürlich auch ein wenig kokett und apart. Und man spürt durch den veränderten Kontext, dass Hank Williams’ erbarmungsloses Wühlen in der Wunde nicht frei von Selbstgerechtigkeit und Outlaw-Machismo ist. Aus Bob Dylans Mund wird „I can’t get you off my mind“ zur vital-rumpelnden Selbsterklärung und passt fast nahtlos zu Sound&Stories seines jüngs-ten Albums. Der unüberbietbare Beck macht aus dem „cheatin‘ heart“ ein fragiles Loser-Lied in ureigener Tradition. Am „getreuesten“ klingt Hank Williams, sieht man einmal von Hank III ab, bei den großen Country-Ladies Emmylou Harris und Lucinda Williams. „Alone and forsaken“, das ist eines der everlasting-Verlustepen, bei denen am Ende vielleicht nicht einmal der Herrgott, der um Verständnis angerufen wird, weiterhelfen kann.

Was man beim Anhören dieses unverzichtbaren Samplers noch lernen kann: wer und was alles seine Wurzeln bei Hank Williams hat oder zumindest zu haben meint: Tom Petty, Keith Richards, Ryan (nicht Bryan) Adams und sogar Mark Knopfler. Und das Ende gebührt natürlich dem großartigen Johnny Cash, der immer mehr mit sich selbst und allen seinen Vorgängern verschmilzt. Zeitlos, wenngleich auf andere Weise, ist das neue Album der „beautiful freaks“ alias „The Eels“. Auch sie schienen nach ihren Mitt-90er-Triumphen fast schon verschollen. Jetzt sind sie zurück: als „Souljacker“ (Motor Music), mit einer vertrackt-verspielten „Hardrock“-Variante voller Energie und voller Referenzen. Seelen-Stehlen ist das eine. Das andere, schwierigere Geschäft ist vermutlich der Transfer der „minds“ und „sounds“, den Frontmann E und seine Kombattanten hier besorgen. Zusammenarbeit heißt die Devise: Einheit und Vielfalt. DJ Killingspree, der sich widerstandslos als PR-Prophet einspannen lässt, nennt „Souljacker“ eine Enzyklopädie über „Liebe, Gott, den Teufel, Schmerz und Herzschmerz“, kurz: „eine Magna Charta des Rock“.

Heather Nova ist da schon eher eine Sirene des Songwritertums, die bei aller emanzipierten Innerlichkeit die gröberen Gesten und Effekte eines kokett gehandhabten Sex-Appeals keineswegs verschmäht. Auf dem Cover ihres neuen Albums „South“ (bei Zomba) kommt sie sehr catchy daher. Dass Selbst- und Fremd-Wahrnehmung meist nicht sehr viel miteinander zu tun haben, zeigt ein genauerer Blick auf ihre Songs: „Virus of the mind“ etwa soll, so Heathers Statement, das lebenslange Gefühl zum Ausdruck bringen, nicht dazuzu- gehören, für immer ein Nomaden-Dasein führen zu müssen. Dabei ist sie jedermanns/jederfraus Liebling und alles andere als ein verschrecktes cowgirl; nämlich: zu Kooperationen fähig und bereit.

Davon profitieren die drei jungen Schweden der Geheimtipp-Band „Eskobar“ (bei V 2), deren melodiöser Pop auf ganz eigene Weise Sound und Swing der Sixties wiederverkörpert. „Someone New“ nennen sie das dann und verpflichten Heather Nova als Duettpartnerin: auch ein wunderbares Album. Unter dem Diktat der wiedergefundenen Zeit entsteht aus dem ganz Alten, das jederzeit wiedererkennbar bleibt, das ganz und gar Neue. Bezaubernde Momente!

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