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Treffpunkt für Europas Improvisatoren

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Wegweisende Reihe: das Festival Jazz & more 2000 in München
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Die wohl nachhaltigste Arbeit für München leistete dabei Giancarlo Schiaffini, denn er war in den Wochen vor dem Festival von der Stadt als „composer in residence“ eingeladen, mit Münchner Musikern Stücke und neue Projekte zu erarbeiten. Als er diese Arbeit in einem über vierstündigen Konzertmarathon präsentierte, erinnerte das bisweilen zwar an ein Schulkonzert; recht brav wirken manche von Schiaffinis Kammermusikstücken, in denen er den Musikern eine Handvoll Material vorgibt und sie damit flächige Strukturen frei gestalten läßt, recht brav wurden sie zum Teil auch präsentiert. Doch als Schiaffini am Ende dann alle 24 Musiker auf der Bühne versammelte und Stücke wie sein „Concerto grasso“ präsentierte, machte die Gratwanderung zwischen komponierter und improvisierter Musik, zwischen Free-Jazz-Experimenten, Tarantella und Trauermarsch einen fulminanten Effekt. Denn hier zeigte sich Schiaffinis Stärke: ein untrüglicher Instinkt dafür, wann er die Musiker einer so riesigen Gruppe führen muss, wann er sie sich selbst überlässt. Und es zeigte sich auch, welch großes Potenzial die Münchner Musiker zu bieten haben.

In die Freude mischt sich sofort Wehmut. Dank millenniumsmotivierter Spendierlaune von Freistaat Bayern, Stadt München und BMW konnte sich die Münchner Reihe „Jazz & more“ dieses Jahr zu einem opulenten Festival ausweiten. Drei Wochen lang versuchte „Jazz & more 2000“ mit zwei bis drei Konzerten pro Tag, die wegweisenden Tendenzen in der zeitgenössischen improvisierten Musik abzustecken. Ein Rückblick und Ausblick, als einmalige Aktion geplant. Schade drum, denn so ein Programm könnte München als Musikstadt auf die Dauer gewaltig beflügeln. Zum Beispiel die drei Musiker- (und Komponisten-) Porträts, die den Klarinettisten Louis Sclavis und Michael Riessler sowie dem Posaunisten Giancarlo Schiaffini im Festival ein besonderes Forum boten. Die wohl nachhaltigste Arbeit für München leistete dabei Giancarlo Schiaffini, denn er war in den Wochen vor dem Festival von der Stadt als „composer in residence“ eingeladen, mit Münchner Musikern Stücke und neue Projekte zu erarbeiten. Als er diese Arbeit in einem über vierstündigen Konzertmarathon präsentierte, erinnerte das bisweilen zwar an ein Schulkonzert; recht brav wirken manche von Schiaffinis Kammermusikstücken, in denen er den Musikern eine Handvoll Material vorgibt und sie damit flächige Strukturen frei gestalten läßt, recht brav wurden sie zum Teil auch präsentiert. Doch als Schiaffini am Ende dann alle 24 Musiker auf der Bühne versammelte und Stücke wie sein „Concerto grasso“ präsentierte, machte die Gratwanderung zwischen komponierter und improvisierter Musik, zwischen Free-Jazz-Experimenten, Tarantella und Trauermarsch einen fulminanten Effekt. Denn hier zeigte sich Schiaffinis Stärke: ein untrüglicher Instinkt dafür, wann er die Musiker einer so riesigen Gruppe führen muss, wann er sie sich selbst überlässt. Und es zeigte sich auch, welch großes Potenzial die Münchner Musiker zu bieten haben. Komposition und Improvisation organisch miteinander zu verknüpfen war das Thema mancher Musiker bei Jazz & More 2000, und es ist auch das Thema von Michael Riessler, der mit fünf Konzerten wohl am prominentes-ten präsentiert war. Dass er das kann hat er oft genug bewiesen, zum Beispiel mit seinem 1993 für Donaueschingen komponierten „momentum mobile“, für das sich in München das Münchener Kammerorchester mit Verve in die Jazz-Welt des Michael-Riessler-Quintetts hineinspielte. Und er bewies es auch mit seinem klugen Projekt „Bach 2000“, in dem er Bach-Bearbeitungen für drei oder vier Klarinetten mit eigenen, aus dem Improvisationsgestus geborenen Stü-cken konfrontiert – und in dem Bachs Air plötzlich wie neugeboren dasteht. Doch die Fülle der Riessler-Konzerte war auch entlarvend. Sie ließ hautnah spüren, dass sich seine improvisatorische Virtuosität in immer ähnlichen Mustern entfaltet. Überraschendes geschah am ehesten bei der Begegnung mit der Münchner Stimmschauspielerin Salome Kammer, da ergänzte sich Riesslers Humor bestens mit Kammers bodenverhafteter Lust an Experiment und Ulk. Zwar mussten sich die beiden erst aneinander gewöhnen, konnte es diese Premiere an Perfektion längst nicht mit den anderen Riessler-Projekten aufnehmen – aber es wehte der frische Atem des Unvorhergesehenen.

Die Begegnung in der Münchner Glyptothek war sicher keines der spektakulären Konzerte des Festivals. Ein paar mehr solcher Begegnungen aber (wie sie auch in einer Spät-Konzert-Reihe „The Art of Dialogue“ geschahen) hätten dem Festival nicht geschadet. Denn insgesamt zeigte sich Jazz & More 2000 als Feier des Etablierten, als Gifpeltreffen der „big names“ der Improvisationsszene. Willem Breuker gehörte ebenso dazu wie Joachim Kühn, Johnny Griffin genauso wie Michel Portal.

Sicher, es wurde Zeit, dass solche Musiker in München auch mal prominent in einem geschlossenen Rahmen präsentiert wurden. Und was die Größen zeigten, war alles andere als Routine. Der Klarinettist Gianluigi Trovesi zum Beispiel (mit Gianni Coscia oder mit seinem Nonett) ist einfach zu gut, zu musikantisch, als dass er bei seinem Vagabundieren zwischen Folkore, Mittelalter und freier Improvisation seinen Witz verlieren würde. Genauso bleibt Barry Guy unschlagbar, was energetisches Musizieren anbetrifft, und so feuerte er sein famos besetztes „New orchestra“ zu explosionsartigen Improvisationsexzessen genauso an wie zu fein gestrickten Duo-Passagen. Mitreißende Konzerte gab es bei Jazz & more 2000 mehr als eine Handvoll. Aber dennoch: Das Festival hatte sich bei der Frage, ob an der Schwelle zum 21. Jahrhundert ein Rückblick oder ein Ausblick ansteht, eher für den Rückblick entschieden. Und wenn es schon um improvisierte Musik geht, dann lebt ein Festival doch gerade auch von Überraschungen.

Von Entdeckungen zum Beispiel wie sie ein Konzert des „Black Sea Project“ bot: Sechs Musiker aus dem Schwarzmeerraum, aus Bulgarien, Rumänien, Usbekistan und Russland, verbanden da auf völlig unverbrauchte Weise Folklore und zeitgenössischen Jazz. Im Grunde trafen sie sich einfach zu einer Session. Doch statt einen Improvisationsringelreihen zu veranstalten, begaben sie sich einfach gemeinsam in einen großen musikalischen Fluss, immer sensibel aufeinander hörend. Es begann mit leisem Klackern am Trommelrand, mit gezupften Tonwolken am Piano, mit ein paar einsamen Saxophongesten – und entwickelte sich dann, getrieben von den vertrackten Polyrhythmen des Schlagzeugers Stoyan Yankoulov, zu einem unaufhaltsamen Strom von Einzelimprovisationen, neckenden Zwiegesprächen und urtümlichen Melodien auf der Kaval-Flöte. Auch wenn die Verbindung von Folklore und Jazz nichts neues ist – Osteuropa, so scheint es, hat an Vitalität noch einiges zu bieten.

Jazz & more – mehr davon! Die Veranstalter (Annelie Knobloch, Josef Dachsel) deuteten gegen Ende des Festivals zaghaft an, dass Gespräche über eine eventuelle Fortführung in greifbare Nähe rücken. Wir drücken ihnen die Daumen – und wünschen uns für ein nächstes Mal noch ein paar Entdeckungen mehr.

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