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Foto: © 2015 Vogtland Philharmonie Greiz/Reichenbach
Matthias Pohle. Foto: © 2015 Vogtland Philharmonie Greiz/Reichenbach
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Alban Berg im Vogtland – 8. Konzert der Vogtland Philharmonie im Neuberinhaus Reichenbach

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Pärt, Berg und die Vierte von Brahms: Das ist ein Programm, zu dem man in großen Sälen Glanz, Opulenz und Geschmeidigkeit erwartet. Nicht nur in Zentren, auch an kleineren Musikzellen beinhaltet Bergs Violinkonzert „Dem Andenken eines Engels“ kaum noch Schärfen für provozierte Attacken. Stefan Fraas, Intendant der Vogtland-Philharmoniker, stellte sogar fest, dass die Sprödigkeit des Violinkonzerts von William Walton bei seinem Publikum weitaus mehr Irritationen bereitete. Am Ende gab es „nur“ Anerkennungsapplaus für den Solisten, aber an Abo-Kündigung deshalb denkt im vollen Neuberinhaus Reichenbach niemand.

Es wäre leicht, in Thüringen und Westsachsen Konzertsäle mit besserer Akustik zu finden als das Neuberinhaus. Die hinten von zwei blauen Röhren angestrahlte Orchesterschale auf dem Podium und die aus dem (alten) Friedrichstadtpalast Berlin übernommenen Deckensegel verhindern nicht, dass die mit etwa sechzig Musikern spielende Vogtland-Philharmonie keine dynamische Staffelung zwischen Mezzopiano und Fortissimo herstellen kann. Das merkt man an diesem Abend allerdings erst nach der Pause. In Brahms‘ Vierter Sinfonie kommt es an den leiseren Stellen zu feingemischten Farben der Hölzer und der anderen Gruppen, aber zu den auftrumpfenden Momenten sind kaum dynamische Übergänge der Instrumentengruppen erkennbar, nur sprunghafte Kontraste. Erst mit dieser akustischen Erfahrung kann man die genau zwischen klaren Zeichen und frei genommenen Perioden balancierende Leitung von Chefdirigent David Marlow angemessen würdigen. In Bergs Violinkonzert fächert er die Reibungen und verästelten Kantilenen der Nebenstimmen auf, schafft schattierende Flächen und motiviert die Spieler zum Mithören und zum Mitagieren. Juraj Cizmarovic, Konzertmeister der Bayreuther Festspiele und des WDR Rundfunkorchesters Köln, hält in den manchmal so überirdisch tönenden Piani des zweiten Satzes eine immer emotionale Bodenhaftung, durch die das Orchester zum gleichberechtigten Partner werden kann.

Die konzentrierte Höchstleistung wird nicht ausgestellt, ist aber spürbar. Dabei steht das Ergebnis weit über einer sogenannt „soliden Aufführung“. Den Willen zu Bewährung und Sieg merkt man, auch den stummen Triumph, doch nicht die Anspannung. Diese entlädt sich erst im ersten Satz von Brahms nach der Pause. Es ist auch Juraj Cizmarovic und seiner spielerischen Selbstverständlichkeit zu danken, dass Bergs Anforderungen keine Zitterpartie werden, die Musiker neben dem Sportsgeist auch zu angstfreier Sensibilität beflügeln.

Arvo Pärts „Festina lente“, die Adaption eines früher entstandenen Credos für Streicher aus dem Jahr 1988, bedeutet für die auf der Vorbühne sitzende Gruppe mit Harfe (ad libitum) und David Marlow eine weniger sämige als runde, gerade Linienführung, eher gemessenes Fließen als spektrales Verschmelzen. Es wäre spannend, das gleiche Programm zwei Abende später in der 2012 eröffneten Vogtlandhalle in Greiz zu hören. Die Attitüde musikalischer Magie ist für das Stammpublikum wie für Anreisende im Neuberinhaus gar nicht glaubhaft, passt eher dorthin.

Lieber schwingt sich die Vogtland-Philharmonie in anderen Repertoirenischen auf zu Zaubereien aus der musikalischen Trickkiste, etwa in der gerade erschienenen CD und schon dritten Folge von „Film Music“ - „Sounds of Hollywood“. Fix und aktiv ist die Leitung im Konservieren ihrer künstlerischen Höhepunkte schon lange. Doron Solomons Einspielung von Bernhard Stavenhagens Klavierkonzert brachte 1996 die kleine Renaissance dieses vogtländischen Romantikers in Schwung und das Orchester versteht sich neben seinen Film- und Musicalkonzert-Aktivitäten als Propagandist für Nino Rota und Astor Piazzola.

Die neuen Schlagworte der Kulturvermittlung sind im östlichen Vogtland noch nicht angekommen, brauchen sie auch gar nicht. Denn die hier gelebte Verhaftung und Vernetzung des Orchesters im sächsisch-thüringischen Vogtland sind andernorts oft nur rosarote Träume: In Reichenbach werden Abonnements vererbt, der pensionierte Musiklehrer Wolfgang Horlbeck zu bei seinen fundierten Einführungen und Solistengesprächen immer einen vollen Saal und im Publikum sieht man Flüchtlinge mit ihren Begleitern. Ganz entspannt alles, mit Aufmerksamkeit und einem Bewusstsein für die Wichtigkeit des eigenen regionalen Orchesters, das bei moderaten Kartenpreisen Eigeneinnahmen von beachtlichen 900.000 Euro im Jahr vorweist.

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