Sind die Donaueschinger Musiktage ein Festival? Oder gar Festspiele? Oder doch nur einfach und wahrheitsgemäß „Musiktage“, eine Mischung aus Laboratorium, Musikmesse und Arbeitstagung? Die Begriffe geisterten drei Tage lang durch Gesprächsrunden, Pressekonferenz, private Diskussionen, als ob es notwendig wäre, Donaueschingen zum Festspiel zu erheben, damit niemand auf den schnöden Gedanken verfiele, die schlichten „Musiktage“ (womöglich aus finanziellen Gründen) einfach einzustellen. An ein „Festspiel“ wagt man nicht so leicht Hand anzulegen – oder?
Aber das alles sind Phantom-Gedanken. Auch Festspiele könnten notfalls wieder eingestellt werden. Aber das Musiklaboratorium Donaueschingen zu schließen wäre vergleichbar mit der Kündigung eines wichtigen physikalischen oder chemischen Instituts. Wie diese ist Donaueschingen in erster Linie eine Forschungsstätte, auf der Jahr für Jahr die neuesten musikalischen Erkundungen der Komponisten veröffentlicht werden. Dass in den letzten zwei Jahrzehnten der ästhetische Rahmen über die bloße musikalische Werkdarstellung hinausgewachsen ist, dass Klanginstallationen, Performances, Film- oder Video-Elemente zu den musikalischen Ausdrucksmitteln getreten sind, darf man als selbstverständlich betrachten. Der künstlerische Leiter der Musiktage, Armin Köhler, hat das Programm in seiner Amtszeit in diesem Sinne bemerkenswert erweitert und angereichert, ohne dabei den strengen Werksbegriff zu vernachlässigen.
Die große Konstante bei den Donaueschinger Musiktagen bildet seit der Nachkriegszeit die Mitwirkung des Sinfonieorchesters des Südwestrundfunks. Die Namen der Chefdirigenten lesen sich wie ein Gotha der Neuen Musik: Hans Rosbaud, Ernest Bour, Michael Gielen (nach einem kurzen, wenig prägenden Zwischenspiel mit Kasimir Kord), Sylvain Cambreling – sie alle haben den Klang des Orchesters, seine hohe Spielqualität, kurz: seine Kompetenz für die Neue Musik geprägt. Dass die nun zu Ende gegangene Cambreling-Ära durch die enge Anbindung Michael Gielens und Hans Zenders an das Orchester zusätzlichen Glanz sowohl für die Moderne als auch für das tradierte Repertoire brachte, darf man als (leider) einmaligen Glücksfall betrachten.
Ein solcher Glücksfall scheint jetzt aber wieder mit der Verpflichtung des französischen Dirigenten François-Xavier Roth als Cambreling-Nachfolger eingetreten zu sein. Mit dem Schlusskonzert der Musiktage gab Roth seinen Einstand als neuer Chefdirigent des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg. Das Programm brachte drei Uraufführungen von Saed Haddad, Lars Petter Hagen und Andreas Dohmen. Dohmen, inzwischen fast fünfzig Jahre alt, aber immer noch jugendlich-jünglingshaft wirkend, ließ sich für seine Komposition „zirckel / richtscheyt / felscher“ durch Albrecht Dürers „Unterweysung der Messung“ von 1525 inspirieren und übertrug Dürers „Ableitungsverfahren“ analog in die kompositorische Struktur. Dabei entfaltet die Musik sich gleichsam „prozesshaft“ in mehreren Abschnitten. Das scheinbar Konstruierte wird durch einen raschen Gestus in den Abläufen verflüssigt. Es entsteht eine dicht verspannte Musik von leichter Nervosität durchpulst. Wer den Komponisten näher kennt, findet dessen Temperament auch in der Musik wieder. Das SWR Sinfonieorchester unter Roth realisierte die beachtlichen Schwierigkeiten in der Partitur souverän; dass die Orchestermusiker anschließend Andreas Dohmen ihren jährlichen Orchesterpreis dem für sie wichtigsten Werk der Musiktage zuerkannten, erschien nur folgerichtig.
Die beiden anderen Werke des Schlusskonzerts verblassten ein wenig hinter dem Furor des Dohmen-Dürer-Stücks. „Kontra-Gewalt“ nennt Saed Haddad seine Komposition für Klarinette und Orchester. Klangreflexionen über sichtbare und unsichtbare Gewalt, sensibel und auch leicht schematisch im Wechsel von Soloinstrument und Ensemble ausgehört. Nina Janßen vom Ensemble Modern verlieh ihrem Part starke Expression, das Orchester unter François-Xavier Roth glänzte auch hier. – Witzig, ironisch, geistreich gab sich das dritte Stück: „To Zeitblom“ vom Norweger Lars Petter Hagen. Ein Hardanger Fiedler träumt zunächst romantisch-poetisch auf seinem Instrument, bricht ab, um dem auf der Bühne anwesenden Komponisten das Wort zu überlassen. Wer skandinavische Humorigkeit näher kennt, kann sich denken, dass Ironie und Witz oft ziemlich betulich daherkommen. Die kritischen Implikationen tun selten wirklich weh.
Das SWR Sinfonieorchester agierte auch hier auf gewohnt hohem Niveau. Seinen ersten großen Auftritt hatte es gleich zu Beginn der Musiktage mit der Uraufführung von Wolfgang Rihms „Séraphin“-Symphonie. Es wäre an der Zeit, dass ein Musikdoktorand einmal über alle „Séraphin“-Kompositionen Rihms und seine Beschäftigung mit Antonin Artauds „Theater der Grausamkeit“ ein umfassendes Kompendium erstellt. Der Komponist selbst hat das jetzt in gewisser Weise mit seiner „Symphonie“ schon begonnen. Fast eine ganze Stunde Spieldauer war zu erleben. Ein gewaltiger Aufwand: hinten auf dem Podium das SWR Sinfonieorchester, davor, gleichsam solistisch agierend, das Ensemble „musikFabrik“. Ein gewaltiger, unaufhaltsamer, dicht komponierter Strom von Musik „ergießt“ sich förmlich in die „Spiel-Zeit“. Übermalungen, Zeichensetzungen, Strukturierungen, Klangschichtungen heißen einige Stichworte für den Ablauf der Komposition. Alles ist dabei sorgfältig ausbalanciert, differenzierte Klanglichkeit und mächtige Klangexpansionen wechseln einander ab, manchmal bröselt es förmlich in delikaten instrumentalen Details um sich anschließend wieder zu kraftvollen Steigerungen emporzuschwingen. Rihms Phantasie ist ungebrochen, ebenso seine musikalische Leidenschaft. Manche meinten in Donaueschingen, das Stück sei zu lang geraten. Man müsste doch froh sein, endlich einmal wieder ein Werk zu erleben, das länger als 14 oder 21 Minuten dauert. Die Aufführung mit den beiden Orchestern unter der befeuernden Leitung Emilio Pomaricos wurde Rihms „Séraphin“-Symphonie beeindruckend gerecht. Unser Foto oben zeigt die Anordnung für die Aufführung: vorn das „musikFabrik“-Ensemble, dahinter ansatzweise das große Orchester und ganz rechts hinter dem Publikum im Dunkeln die beiden erhellten Käfige mit den zwei Percussionisten, die ihre Klänge nach vorn in den Raum schicken.
Dass bei einem so monumentalen Werk das vorher gegebene Zwanzig-Minuten-Stück von Pierluigi Billone ein wenig zum Vorspiel geriet, liegt nahe. Billone entwickelt in seiner „Phonogliphi“ für Stimme, Fagott und Orchester ein subtiles Wechselspiel zwischen dem, wie er es nennt, „Orchesterkörper“ und den beiden Solisten, die im „Körper“ als „Herzen“ funktionieren. Billone entwickelt mit den beiden „Klangkörpern“ ein differenziertes Klangspiel voller zeichenhafter komponierter Gesten. Im Programmbuch sagt er auch, was eine „Glyphe“ ist: Ein in die Materie eingeprägtes Zeichen. Womit sich der Titel des Werkes erklärt.
Zwischen den beiden großen, für Donaueschingen signifikanten, Orchesterblöcken zu Beginn und zum Finale der Musiktage entfaltete sich ein farbiges, vielgestaltiges Programm, das demonstrierte, wie sehr sich die Donaueschingen Dramaturgie über das jeweilig einzelne Musikwerk ausgebreitet hat. In einem sogenannten „Installation Concert“ fanden Musik, Installationen und Ambiente kongenial zusammen. Der französische Komponist, Musiker, Performer und bildende Künstler François Sarhan projizierte seine Ideen in die Fürstenberg Sammlungen. Zwischen ausgestopften Tieren, Pflanzlichem und klassischen Skulpturen erblickt man, wenn man genauer hinschaut, lebendige Figuren: Sprecher, Akteure und vor allem die Musiker und Musikerinnen des „ensemble recherche“, die in Glasvitrinen zwischen der „nature mort“ zarte Klänge produzieren (unser Bild auf der vorangegangenen Seite unten). „Die Enzyklopädie des Professor Glaçon“ heißt die Komposition aus Räumen, Musik sowie lebenden und präparierten Figuren. Man wandelt, lauschend, verweilend, in einer romantischen, poetischen Ding-und Klangwelt, in der Collagen oder Videoeinspielen zugleich für unsere Gegenwart stehen. Ein Hauch von Paul Klee weht durch François Sarhans Imaginationen.
Robuster ging es gleich zu Beginn der Musiktage in der Erich-Kästner-Halle zu. Dort wurde Fußball gespielt (siehe unser Bild auf Seite 1). Der Performer Erwin Stache hatte sich wieder etwas ausgedacht. An Phantasie hat es ihm ja noch nie gefehlt. Zwei Mannschaften à sechs oder sieben Mann versuchten, den richtigen Ball ins jeweils gegnerische Tor zu kicken. Das Besondere: die Spieler waren mit elektronischen Kontakten an Schuhen und Beinen bestückt, bei jedem Lauf, jedem Kontakt mit Ball oder Gegner entstand ein Geräusch, das via Computer gesammelt und entsprechend bearbeitet wieder in das Spiel im Raum ausgestrahlt wurde. Für die Ausstrahlung trugen die Akteure kleine Lautsprecher wie Rucksäcke auf dem Rücken. Sehr tiefsinnig war das Ganze nicht, aber kurzweilig. Die entstehende Geräusch-Klanglandschaft machte durchaus Effekt. Dass Stache selbst alles eher heiter nahm, deutete schon sein Titel für das Stück an: „Ball schön flach oben rein“.
Gewichtiger erschien da schon das erste Ensemblekonzert mit der diesmal vielbeschäftigten „musikFabrik“ aus Köln, das inzwischen auf höchstem Niveau agiert – Ensemble Modern, Klangforum, Ensemble InterContemporain, um die wichtigsten zu nennen, haben, nein: keine Konkurrenz bekommen, sondern einen wichtigen Mitstreiter für die adäquate Interpretation neuer, oft sperriger, schwieriger Stücke. Bei dem Konzerte wurde auch ein neues Dirigenten-Talent entdeckt. Der Komponist Enno Poppe führte die Musiker mit klarer, präziser Zeichengebung durch Sergej Newskis „Arbeitsfläche“ für Horn, Viola, Schlagzeug, Klavier, Tuba und Kontrabass – leicht sperrig wirkendes Material wird allmählich in größere musikalische und klangspezifische Zusammenhänge überführt. Ein Stück fern aller modischer Anbiederung, aus dem die Interpreten auch eine beeindruckende Innenspannung hervorzauberten. Danach Wolfgang Mitterers „Little smile“ für Ensemble und Live-Elektronik. Mitterer, selbst als Elektronik-Performer im Ensemble auf dem Podium, präsentiert sich mit seinem Stück in bewährter Form: notierte und improvisierte Klänge, heftig herausgeschleuderte Klangfiguren, kraftvolle Ballungen und plötzliche Abstürze in ein sensibel ausgehörtes Pianissimo: Mitterer ist unter den heutigen Komponisten einer der wenigen Vitalisten. An Energie und Erfindungskraft fehlt es auch Hans Thomalla nicht, seine „Medea“-Oper in Stuttgart hat es erst kürzlich gezeigt. Hier fand er sich mit dem Video-Künstler William Lamson zusammen. „The Brightest Form of Absence“ heißt ihre Multimedia-Komposition für Stimme, Ensemble, Live-Elektronik und Videoprojektionen. Zur Wüsten-Einsamkeit der Bilder treten sparsam gesetzte Klänge, korrespondieren sensibel mit der Optik (unser Bild oben). Die Sopranistin Sarah Maria Sun von den Neuen Vocalsolisten Stuttgart, die „musikFabrik“ und das Experimentalstudio des SWR sicherten Thomallas Stück die qualitätvolle Uraufführung.
Apropos Neue Vocalsolisten. Für sie war ein eigenes Konzert reserviert, in dem sie ihre unverändert grandiosen Sing-Künste inklusive mimischer und gestischer Lebendigkeit zeigen konnten. Werke von Sarah Nemtsov, Jennifer Walshe, Clara Maïda und Iris ter Schiphorst profitierten von dieser interpretatorischen Qualität – neben der Kunst des Singens gibt es auch eine Kunst des Geräuschhaften. Besonders Sarah Nemtsovs „Hoquet“ für sechs Stimmen mit Instrumenten auf „Traum-Texte“ von Walter Benjamin, Adorno und Brecht überzeugte durch die intelligente Durchdringung der Texte mit der Musik, wobei die Sänger zugleich die Instrumente bedienen.
Bei den Installationen von Jens Brand, Christa Kubisch sowie dem Duo Claudia Brieske/Franziska Baumann gefielen uns Christa Kubischs „Silent Exercises“ für die intime Christuskirche am besten: Video-Installation und Raumklang gingen ein enge Verbindung ein – eine Art klingendes Plädoyer für den Begriff der „Stille“.
Nicht unterschlagen werden sollen noch zwei andere Konzerte: die wie immer von Reinhard Kager ambitioniert „komponierte“ NOWjazz Session, die diesmal ausschließlich „Femous Improvisers“ reserviert war. (Siehe den gesonderten Bericht auf dieser Seite). Beeindruckend gestaltete sich die einstündige Raumcollage „Stasis“ von Rebecca Saunders nach einer Beckett-Vorlage. 16 Solisten, im ganzen Saal verteilt, sandten auskomponierte Klänge, oft nur Klangpartikel, in den Raum aus. Rebecca Saunders ist immer wieder fasziniert davon, Räume und Klänge mit- und ineinander zu verschmelzen. Auch unterschiedliche Räume auf deren Klangmöglichkeiten erst sorgfältig zu erkunden, bis eine fertige Konzeption erstellt werden kann. Ihre „Croma“-Serie ist dafür das beste Beispiel. Auch hier bei „Stasis“ exzellierte wieder die „musikFabrik“. Donaueschingen 2011: das war auch ein Festival im Festival für die großartigen Musiker und Musikerinnen aus Köln. Pardon: ein Festival in den Musiktagen. Siehe oben!
Gerhard Rohde
Ergänzung: NOWJazz 2011
Die schottische Vokalistin Maggie Nicols scattete und sang davon, wie es damals war: Als sie mit sechzehn begann, in Jazzclubs zu gehen – das war Mitte der 60er-Jahre –, spielten die Männer die Instrumente und die Frauen sangen. Etwas anderes war eigentlich unvorstellbar. Die Donaueschinger Now-Jazz-Session „Femous Improvisers“ – eine etwas verunglückte Wortschöpfung aus female und famous – machte den enormen Wandel, der sich in 40 Jahren Jazz vollzogen hat, deutlich. „Les Diaboliques“ nennt sich die Band von Pianistin Irène Schweizer, Maggie Nicols und Bassistin Joëlle Léandre. Das Trio, das der Old School der freien Improvisation zuzurechnen ist, hatte nichts Altbackenes, sondern begeisterte mit seiner Show aus virtuoser Instrumentalmusik, Gesang, Steptanz und szenischen Improvisationen, die sich zwischen Musikkabarett und absurdem Theater bewegten.
Während die diabolischen Drei noch ausschließlich instrumental beziehungsweise vokal arbeiteten, zeigten vier junge Norwegerinnen, wie man Instrumente und Stimme heute mittels Elektronik ganz selbstverständlich erweitert. Ihre Band „SPUNK“ bewegte sich in der Grenzregion zwischen E- Musik und freier Improvisation und schuf bizarre Soundlandschaften, die in ihrer Klangfülle, aber auch Klangschärfe überwältigten. Das Duo „Phantom Orchard“ der Schlagzeugerin und Elektronik-Musikerin Ikue Mori und der Harfenistin Zeena Parkins tat sich nach so viel Musikdrama schwer mit ihrem eher introvertierten Konzept. Auch die Vereinigung von „SPUNK“ mit ihren New Yorker Kolleginnen brachte wenig musikalischen Mehrwert.
Andreas Kolb