Hat der Handelsstreit mit den USA die Alte-Musik-Szene erreicht? Erhebt die Europäische Union nun Import-Zölle auf Ensembles aus Nicht EU-Staaten? Auf diesen absurden Gedanken konnte man angesichts des diesjährigen Programms der Tage Alter Musik Regensburg beinahe kommen.
Denn entgegen früherer Ausgaben kamen diesmal tatsächlich alle geladenen Gruppen aus Europa, und passenderweise übernahm auch gleich das European Union Baroque Orchestra (das seinen Sitz wegen des Brexit von Großbritannien nach Belgien verlegt hat) die hehre Aufgabe der Barockmusikvermittlung. Man hatte sich mit der Truppe „Favoletta“ zusammengetan, um Vivaldis ohnehin familienverträgliche „Jahreszeiten“ in ein etwas betuliches, aber sympathisches Puppentheater mit völkerverbindender Message zu verwandeln, bei dem Handlung und Musik sich erfreulicherweise nicht gegenseitig auf den Füßen standen.
Ein Vermittlungsproblem hat die Alte Musik in Regensburg ohnehin nicht, wie die ausverkauften Konzerte vor überwiegend überregionalem Publikum bewiesen. Am weitesten vom Kerngeschäft entfernte sich dabei gleich der Eröffnungsabend, bei dem sich in Mendelssohns „Lobgesang“ Tenor Werner Güra, Sopranistin Miriam Alexander und die Regensburger Domspatzen – im Gegensatz zu Concerto Köln – in ausgezeichneter Verfassung präsentierten.
Von Biber bis Leclair: Instrumentales
Instrumentales auf hohem Niveau war heuer unter anderem vom zupackend musizierenden Finnish Baroque Orchestra zu hören. Amandine Beyer animierte das groß besetzte Ensemble vom ersten Geigenpult aus zu spritzigen Darbietungen Muffats und Telemanns („Hamburger Ebb’ und Fluth“) und überzeugte als Solistin in einem Konzert Jean-Marie Leclairs. In der Suite aus „Scylla et Glaucus“ präsentierten die Finnen den Franzosen überraschenderweise als einen Komponisten, der es in Sachen Farben- und Einfallsreichtum beinahe mit Rameau aufnehmen kann.
Mereth Lüthi und Sabine Stoffer von „Les Passion de l’Ame“ (Schweiz) indes hatten die anspruchsvolle Aufgabe übernommen, eine Verbindung zur traditionell gleichzeitig stattfindenden Instrumentenbau-Präsentation herzustellen. So hatten sie sich in kürzester Zeit mit ihnen bis dahin fremden Geigen angefreundet und brillierten kleiner Anpassungsprobleme zum Trotz mit vier herrlichen Partiten Ignaz Franz Bibers, in jeweils neuen Skordaturen versteht sich…
Inseln innerer Sammlung: Vokales
Bei den vokal geprägten Konzerten konnte man unter anderem verschiedene Arten der instrumentalen Colla-parte-Unterstützung vergleichen. Die hochkompetenten Sänger von „Alamire“ (Großbritannien) ließen sich in den Gesängen aus dem 16. Jahrhundert von den Zinken und Posaunen des „English Cornett & Sackbut Ensemble“ beflügeln, bei der belgischen Formation „InAlto“ kamen zu den Bläsern noch Geige, Theorbe und Orgel hinzu. Der etwas anämische Zusammenklang trug allerdings nicht dazu bei, einen wirklich zwingenden Bogen über das venezianische Programm mit Monteverdi und Zeitgenossen zu spannen.
Anders die Bach-Motetten mit „Vox Luminis“ (Belgien): Die Doppelchörigkeit der vier kürzeren Werke markierte das ebenfalls belgische Ensemble nicht nur durch die Aufstellung, sondern auch durch die Zuordnung von mitspielenden Streichern für den einen und Bläsern (Oboen und Fagott) für den anderen Chor. Das ergab eine exquisite Klangmischung, die andererseits aber die Satzsstruktur hervorragend durchhörbar machte. Die kluge Beschränkung auf eine Continuo-Begleitung fokussierte in „Jesu meine Freude“ das Hören auf die von den Sängern überragend erfüllte fünfstimmige (nun doppelt besetzte) Struktur, innerhalb derer die dreistimmigen solistischen Passagen und das traumverlorene „Gute Nacht, o Wesen“ Inseln der inneren Sammlung bildeten.
Schwindelerregend gar der Auftritt des britischen Tenebrae Consort mit Werken Alonso Lobos und Tomás Luis de Victorias (Responsorien und Lamentation zum Karsamstag sowie das Requiem). Nigel Short ist das Kunststück gelungen, aus sechs Frauen und vier Männern einen Klangkörper zu formen, der die polyphonen Strukturen quasi wie ein Organismus ausatmet. Die Übereinstimmung der Timbres wird besonders deutlich, wenn die sechs Frauen eine gregorianische Intonation im Unisono anstimmen und der Chorklang sich anschließend aufzufächern beginnt. Wie durch ein Medium scheint diese zeitlose Musik hindurchzufließen. Das bedeutet bei Tenebrae jedoch kein ehrfürchtiges Erstarren in stiller Größe. Einzelne Textpassagen des Requiems („…dass die Hölle sie nicht verschlinge…“) werden vielmehr – immer im Rahmen des stilistisch Gebotenen – mit expressiver Kraft aufgeladen.
Auch der leichteren Muse gibt das Regensburger Festival immer wieder Raum. So entschädigten die „Barokksolistene“ (Norwegen) rund um das geigende Energiebündel Bjarte Eike mit einer hinreißenden „Alehouse Session“ für ihre zuvor ziemlich dreist hingeschlampte Purcell-Hommage.
Zelenka der Große
Das Abschlusskonzert des Ensemble Inégal und der Prague Baroque Soloists war schließlich ein überwältigender Beweis für die Originalität und kompositorische Meisterschaft Jan Dismas Zelenkas. Man kam aus dem Staunen nicht heraus, mit welchem Einfallsreichtum er die Texte der Vesperpsalmen, von denen das Programm eine Auswahl präsentierte, zum Klingen bringt. Da unterbricht (im „Beatus vir“) plötzlich ein zwischen Erregung und staunender Ehrfurcht changierender Chorabschnitt die rastlose Verzahnung von Alt-Solo und Chor oder ein permanent wiederholtes Motiv sorgt ein komplettes Stück lang („Nisi Dominus“) für einen durchlaufenden, fast groovenden Puls. Gekrönt werden die Psalmen jeweils von „Amen“-Rufen, die vielgestaltiger kaum sein könnten. So endet das „In exitu“ mit einer aberwitzigen Fuge, deren Thema mehr nach Max Reger als nach 18. Jahrhundert klingt.
All das war bei den tschechischen Musikern in besten Händen: Der knapp 20-köpfige Chor glänzte, ebenso wie die Solisten, mit elastischer Klangfülle und virtuoser Geläufigkeit, wobei Dirigent Adam Viktora die bisweilen sportive Gangart mit zackigen Bewegungen am Laufen hielt. Riesenjubel für diesen denkwürdigen Ohrenöffner zum Abschluss eines wieder einmal höchst anregenden Festivalmarathons.