Nachdem der 100. Geburtstag von Luigi Nono im vergangenen Jahr eher achselzuckend (wenn überhaupt) registriert wurde, nimmt der seines umtriebigen und machtbewussten Weggefährten Pierre Boulez 2025 entschlossen Fahrt auf. Ein „emotionales Portrait“ (Marketingsprosa) auf arte – Boulez’ harmlose Sprechmelodie kontrastiert aufs Schönste mit seiner historischen Bedeutung als Dirigent und Komponist –, eine Gesamtaufnahme seiner Schönberg-Einspielungen (boshafterweise auf 13 CDs) und Aufführungen seines schmalen Œuvres verdichten sich zur Einladung, sich die Musik des Franzosen erneut zu vergegenwärtigen.

Supernova-Konzert in der Tonhalle Düsseldorf. Foto: © Susanne Diesner
Bechers Bilanz – März 2025: Die Attraktivität des Hauptwerks
Köln: „Pli selon pli“
Meisterwerk, aus der Vitrine befreit
Das WDR Sinfonieorchester lässt sich nicht lumpen und präsentiert am 9. März im Rahmen der Reihe „Musik der Zeit“ unter der sehr genauen, ja boulezken Leitung von Jonathan Nott das Hauptwerk des Komponisten, „Pli selon pli“, gereift in fast fünf Jahrzehnten. Knapp abendfüllend hätte es der Ergänzung durch Olga Neuwirths Boulez-„Tombeau“ und dem Klarinetten-Elektronik-Duett „Dialogue de l’ombre double“ – hier in der wunderschönen Version für Blockflöte von und mit Erik Bosgraaf – nicht bedurft. Nicht alle Besucher der erfreulich gut besuchten Kölner Philharmonie halten das Werk durch. Und wirklich muss man sich auf Boulez‘ schillerndes Orchester mit einem Dutzend Metallo- und Marimbaphonen, drei normalen und zwei vierteltönig verstimmten Harfen, Gitarre und Mandoline, reichen Bläsern und einer rigoros verkleinerten Streichergruppe einlassen. Die zwischen Kälte und Eleganz changierende Klangsprache fasziniert durch ihre hochsensible Harmonik, die sich erst im Raum entfaltet. Hier tritt sie unter dem respekteinflößenden Vitrinenglas des Meisterwerkes hervor und stellt sich dem sinnlichen Mitvollzug. Die französische Sopranistin Magali Simard-Galdès singt die seriell zerpflückten Verse von Stéphane Mallarmé mit der Wärme und Grandezza einer italienischen Bühnenheldin. Eine der beeindruckendsten Kompositionen der Avantgarde, mustergültig von einem deutschen Rundfunkorchester aufgeführt und noch ein halbes Jahr in der Mediathek nachzuhören.
Düsseldorf: „Jagden und Formen“
So soll sie sein, die Musik
Ein zweites Hauptwerk, „Jagden und Formen“ von Wolfgang Rihm, spielt das notabu.ensemble neue musik am 29. März in der Tonhalle Düsseldorf. Rihm arbeitete an der Partitur von 1995 an, um sie erst 2008 für die Choreografin Sasha Waltz abzuschließen. Als Konzertwerk – uraufgeführt 2001 vom Ensemble Modern – ist es für die 24 Musikerinnen und Musiker so herausfordernd, dass sich nur wenige Orchester/Ensembles herantrauen. Mark-Andreas Schlingensiepen, dem Leiter und Dirigenten des Ensembles, gebührt Dank für diese Aufführung. Die wuchernde Musik, angestoßen von zwei ungebändigten Geigen und mit dem virtuosen Englischhornisten Andreas Boege im Zentrum, frönt zunächst hörbar der Jagd, indem sich Instrumente gegenseitig verfolgen. Selten holt sie Atem. Dramaturg Uwe Sommer-Sorgente rät eingangs lächelnd, sich anzuschnallen, denn diese Musik lebe vom Tempo. Scheint über lange Zeit die zerhackte Sechzehntelkette ihr Ideal zu sein, mündet sie im weiteren Verlauf wiederholt in flächiges Gewusel. Nie aber wirkt sie flacher, eher saftiger. Erschöpft versinken die Klänge in den tiefen Registern des Klaviers (Yukiko Fujieda), nur um sich bald wieder in die Schlacht zu werfen. So soll sie sein, die Musik: frei und wild.
Köln: „Don Giovanni“
Sinnliches Verwirrspiel
Die dritte Aufführung des neuen Kölner „Don Giovanni“ am 14. März (die zweite hatte durch den Ver.di-Streik Federn lassen müssen, ging aber über die Bühne) findet vor ausverkauftem Staatenhaus statt, der Interimsspielstätte der Kölner Oper, an deren Heimat sich im Jahr 13 der Renovierung viele schon nicht mehr erinnern. Auch dies ein Hauptwerk. Ein „Don Giovanni“ entfaltet seine Stärken, wenn die Figuren so glaubhaft wie möglich erzählt werden. In Köln ragt Valentina Mastrangelo als Donna Elvira mit edlem und schlankem Mozart-Sopran heraus, zudem Ensemble-Mitglied Kathrin Zukowski mit einer für die Partie der Donna Anna eher leichten Stimme, wodurch sie an Glut verliert, aber an Verletzlichkeit gewinnt, und der Leporello-erfahrene Adrian Sâmpetrean, der so schön singt, dass man versteht, warum ihn Donna Elvira im zweiten Akt für Don Giovanni hält. Tomáš Netopil dirigiert temporeich, das Gürzenich-Orchester folgt ihm in der Ouvertüre noch etwas schläfrig, aber bald stimmt alles, insbesondere die Rezitative auf dem Hammerklavier, in die Luca Marcossi immer wieder Leitmotive hineinzwinkert, das souveräne Solocello von Ulrike Schäfer, die Trompeten und Posaunen der authentischen Aufführungspraxis und namentlich die entrückte Arie von Don Ottavio (Dmitry Ivanchey). Warum allerdings Netopil und Seth Carico als Titelheld die zentrale Verführungsszene, das Duett „La ci darem la mano“, mit dem burschikosen Charme eines Bademantel-Casanovas angehen, bleibt unverständlich. Der amerikanische Bass-Bariton, ein Mannsbild mit aufregendem Bewegungsrepertoire und starker, aber nie forcierender Stimmpräsenz, darf Süße nur behaupten, nie ausspielen. Die italienische Regisseurin Cecilia Ligorio hält die Spannung auch über die dramaturgischen Klippen des zweiten Aktes hinweg, ihre Personenführung verschweigt weder das Drama, das einer wie Don Giovanni in uns auslöst, noch die komischen Seiten des da-Ponte-Librettos. Gregorio Zurlas Drehbühne erlaubt schnellen Wechsel zwischen Bacchanal und Komturspuk, zwischen turbulenten Ensembleszenen und berückenden Arien. Leider verrumpelt der Umbau zum zweiten Finale den Edelstein der Donna-Anna-Arie. Und da diese Oper keine Kopfgeburt ist, sondern ein sinnliches und physisches Verwirrspiel, wird viel getanzt. Ein körperlicher „Don Giovanni“, den im Staatenhaus viele Schülerinnen und Schüler gebannt verfolgen.
Köln: Kammermusik im Deutschlandfunk
Deutsch-türkische Begegnung
Die Pianisten Gülru Ensari und Herbert Schuch – privat ein Paar – verfolgen nicht nur ihre Einzelkarrieren, sondern treten inzwischen auch oft gemeinsam auf. Nicht allein, um der Musikwelt ein weiteres erstklassiges Klavierduo zu kredenzen (das Angebot ist groß, das Repertoire klein, Veranstalter scheuen die Kosten der doppelten Klaviermiete). Sondern weil sie als „deutsch-türkisches Duo mit iranischen, arabischen und rumänischen Wurzeln“ (Eigendefinition) eine Geschichte zu erzählen haben. Sie tun es auch am 18. März im ebenso voluminösen wie schummrig beleuchteten Kammermusiksaal des Deutschlandfunks mit einer Gegenüberstellung von Johann Sebastian Bach und zeitgenössischer türkischer Musik. Das fabelhafte Minguet Quartett und der Kontrabassist Fora Baltacıgil unterstützen bei den beiden Konzerten für zwei Klaviere und Streicher (BWV 1060 und 1062): ein Bach, bei dem sich Wellen von Spannung und Entspannung über die geschäftige Motorik legen. Jede Zeit darf in Bach ihre Fragen und Geheimnisse entblättern, so auch György Kurtág, der vier Choräle aus dem „Orgelbüchlein“ auf zwei Klaviere überträgt. EnsariSchuch spielen das wie ein gemeißeltes Relief: In höchster Klarheit heben sich die Schichten des Kontrapunktes voneinander ab, vereinen Einkehr und himmlische Heerscharen. Eine phänomenale Interpretation, die man hier nachhören kann.
Zur abschließenden Uraufführung von „Bilinmez“ gesellen sich Serkan Mesut Halili mit einer Kanun (eine Art Zither) und Enver Mete Aslan mit der Ud (Laute). Die Pianistin hat Oğuzhan Balcı beauftragt, einen Studienkollegen aus Istanbuler Tagen, sein neues Werk knüpft an einem osmanischen Zeitgenossen Bachs an. Der Titel bedeutet Das Unbekannte, die Mischung aus orientalischen Skalen und westeuropäischen Moll-Akkorden ist aber alles andere als unbekannt. Die Besucher im voll besetzten Saal (Fassungsvermögen: 400 Personen) stellen erleichtert fest, dass sie das Neue nicht verschreckt. Der Brückenschlag zwischen Orient und Okzident wird viel beredet und selten als künstlerisches Erleben angeboten. EnsariSchuch sprechen die Einladung wenigstens aus.
Düsseldorf: ICMA Preisträgerkonzert
Musik geht vor Show
Ein Preisträgerkonzert des International Classical Music Awards dauert dreieinhalb Stunden, weil 17 Gewinner ins Rampenlicht gerückt werden wollen, und das sind keine zwei Drittel der Ausgezeichneten. Es bereitet dennoch Freude, weil mehr Vorbereitung in die Musik geht als in die Show – beim „OPUS KLASSIK“ gewichtet man andersherum – und weil der Abend am 19. März in der ausverkauften Düsseldorfer Tonhalle kurzweilig ist. Er führt von Klassikhits wie Beethovens Klavierkonzert Nr. 3 (der 85-jährige Adam Fischer erhält einen Sonderpreis und elektrisiert mit einem Adrenalin-Haushalt, der bei Verkehrskontrollen hoffentlich auf verständnisvolle Beamte stößt) und Tschaikowskys Klavierkonzert Nr. 1 (der 18-jährige Can Saraç als Entdeckung des Jahres) über Barockmusik (Andreas Scholl für sein Vivaldi-Album) und Raritäten (Ausgräber und Pianist Oliver Triendl mit einem Klavierkonzert von Antal Doráti) bis hin zur zeitgenössischen Musik (eine funkelnde, nicht überprobte Walzerparodie von Christoph Ehrenfellner). Bei dem Violinkonzert „Fernes Licht“ von Pēteris Vasks leistet sich der Düsseldorfer Chefdirigent Vitali Alekseenok den Fauxpas, durch Posing einen Publikumsapplaus zu provozieren, der den zarten Epilog des noch nicht fertig gespielten Stückes vom Virtuosenteil abtrennt.
Der für sein Lebenswerk ausgezeichnete Gidon Kremer bedankt sich mit ukrainischen Kompositionen (Valentin Silvestrov und Viktor Kosenko) und begründet seine Auswahl mit zwei pathosfreien Sätzen. Anna Gourari, die seit vielen Jahren für ECM ein atmosphärisches Album nach dem anderen herausbringt, erhält für ihr letztes einen Programmier-ICMA. Nachwuchskünstler des Jahres ist der Cellist Benjamin Kruithof, dessen Debutalbum im dritten Kriegsjahr allen Ernstes „Russian Mood“ heißt. „Mudisch“ sagt mein innerer Hesse dazu. Bei Überzuckerung kann der erste Satz des zweiten Streichquartetts von Dmitri Schostakowitsch, herausgeprügelt vom Quatuor Danel aus Brüssel (Gewinner der Kategorie Kammermusik), verabreicht werden. Das Galakonzert, verlässlich gelenkt von WDR3-Moderatorin Claudia Belemann, zeigt Bandbreite und Vitalität der klassischen Musik. Die Düsseldorfer Symphoniker erhalten ihren ICMA-Ehrenpreis zu Recht, denn sie spielen ein Konzert, das kaum adäquat zu proben ist, mit unverdrossener Agilität. Dank Deutscher Welle kann man auf Youtube in ganzer Länge dabeisein.
Köln: Frühlingsspitzen
Die rätselhafte Schönheit der Musik
In das kleine Licht dieser Kolumne stelle ich auch Darius Preuss. Der junge Geiger aus Bochum kam als Elfjähriger in das Pre-College Cologne von Ute Hasenauer und studiert inzwischen an der Hanns Eisler bei Ulf Wallin und erhält zudem Unterricht von Leonidas Kavakos. Bei den „Frühlingsspitzen“ – eine jährliche Leistungsschau mit Jungstudierenden und Alumni des Pre-College – spielt Preuss eine „Fantaisie brillante“ von Henryk Wieniawski, mit dessen Zirkusmusik man mir für gewöhnlich den Konzertabend verderben kann. Hier aber gelingt dem Geiger eine beseelte und technisch stupende Interpretation. Das Sinfonieorchester Wuppertal unter der Leitung des Ersten Kapellmeisters Johannes Witt steht ihm mit sensiblen Rubati zur Seite. Die „Frühlingsspitzen“, gefördert von den Rotary-Clubs Köln-Kapitol und Köln-Kastell, stecken mit ihrer Freude an der Musikalität der jungen Virtuosen auch das Publikum an. Harte und jahrelange Arbeit kulminiert in wenigen Minuten Rachmaninow oder Liszt oder Mozart. Hoffentlich überstrahlt die rätselhafte Schönheit der Musik schon jetzt die Mühsal der Ausbildung.
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